Flashmob

#BringBackOurBoys

Flashmobs für Gilad Shaar, Naftali Frenkel und Eyal Yifrach: Auch am vergangenen Freitag machten wieder Menschen in diversen deutschen Großstädten auf das Schicksal der drei israelischen Teenager aufmerksam, die am 13. Juni im Westjordanland entführt worden waren.

Hamburg Die Aktionen verliefen fast überall friedlich – außer in Hamburg: Dort wurde ein alter Mann verletzt. Um 17 Uhr hatten sich etwa 30 Menschen zu einer Mahnwache am Jungfernstieg versammelt. Wenige Minuten später tauchten Gegendemonstranten auf, die auf die Situation palästinensischer Gefangener in Israel aufmerksam machen wollten. Sie hätten zur Gruppe ATTAC gehört, teilte das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Hamburg mit, das zu der Aktion aufgerufen hatte.

Ein erster Gegendemonstrant habe einen über 80 Jahre alten Mann derart heftig zu Boden gestoßen, »dass er eine Wunde am Kopf erlitt und so ungünstig fiel, dass er nicht mehr laufen konnte. Ein Krankenwagen musste ihn ins Krankenhaus bringen.« Als die Tochter des Verletzten ihrem Vater habe helfen wollen, sei sie ebenfalls von dem Gegendemonstranten getreten und von einer weiteren Gegendemonstrantin aggressiv beschimpft worden. Noch vor Ort sei Strafanzeige gestellt worden.

Ina Dinslage, Sprecherin des Jungen Forums der DIG Hamburg, äußerte sich bestürzt: »Uns ging es darum, ein friedliches, positives Zeichen zu setzen. Wir wollten keine Kreuzung blockieren oder so etwas, sondern viele Leute erreichen.« Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte: »Dass auch hier bei uns in Deutschland solch purer Hass gegen Israel nicht nur zu finden ist, sondern sogar auch in tätliche Übergriffe mündet, ist erschreckend und äußerst besorgniserregend.

Wir vertrauen darauf, dass die Behörden hier resolut und rasch den Täter ermitteln und zur Rechenschaft ziehen.« Es dürfe nicht sein, dass Menschen, die sich für den jüdischen Staat engagieren, sich zugleich der Gefahr aussetzen, von antiisraelischen und zum Teil antisemitischen Kräften bedroht und gar attackiert zu werden. Auch die israelische Botschaft in Berlin äußerte sich: Es sei nicht überraschend, dass der Angreifer ein Befürworter des Boykotts gegen Israel sei. »Wir bestärken die Bürger, die überall in Deutschland ihre Solidarität mit den drei entführten Teenagern gezeigt haben, und rufen sie auf, sich nicht angesichts der Gewalt einschüchtern zu lassen«, hieß es im Newsletter der Botschaft.

Frankfurt/Main »Sogar Straßenbahn und Bus haben unseretwegen angehalten!« Elishewa Patterson war sichtlich zufrieden. Wieder einmal hatte die Frankfurterin kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 40 Menschen mit Plakaten und IsraelFahnen hatten sich um 14 Uhr am Nibelungenplatz eingefunden. Ausgerechnet dieser neuralgische Verkehrsknotenpunkt, an dem sich zwei vierspurige Straßen kreuzen, wurde von den Demonstranten etwa sieben Minuten lang komplett lahmgelegt, inklusive Busspur und Straßenbahnschienen.

»Als ich dem zuständigen Polizisten vorher am Telefon erklärt habe, was wir vorhaben, hat er erst einmal geschluckt«, schilderte Patterson ihre Verhandlung mit den Ordnungshütern. »Dann aber hat er gesagt: ›In Ordnung. Wir machen das!‹« Mehrere Polizisten standen mitten auf den Fahrbahnen und bedeuteten den Autofahrern per Handzeichen, Geduld zu bewahren. Mancher reagierte allerdings mit ungehaltenem Gehupe und wedelte wütend mit der Faust aus dem Seitenfenster, während die Menschen auf der stillgelegten Kreuzung die Hatikwa sangen und immer wieder skandierten: »Bring back our boys!«

Allen Teilnehmern war anzumerken, wie sehr sie das ungewisse Schicksal von Naftali, Gilad und Eyal bedrückt: »Wir sind hier, weil in Israel drei Kinder entführt wurden, weil man in diesem Land nicht in Ruhe leben kann, und weil wir möchten, dass die Welt die Augen gegenüber diesem Unrecht öffnet«, erklärte Galit, die vier Söhne hat. Iris sagte, die Telefonate mit ihrer 15 Jahre alten Tochter, die ein Internat in Tel Aviv besucht, hätten sie dazu bewegt, an dem Flashmob teilzunehmen: »Meine Tochter hat mir erzählt, dass sie an ihrer Schule momentan über nichts anderes reden.«

München In München hatte man sich für eine andere Strategie entschieden: »Wir sind eine Stunde lang durch die Innenstadt gelaufen«, so Michael Movchin, Organisator des Flashmobs. »Dabei haben wir Kreuzungen und Straßen blockiert, immer wieder musste der Verkehr unseretwegen anhalten!« Dass das möglich wurde, habe man dem äußerst entgegenkommenden Verhalten der Polizei zu verdanken. 50 Menschen waren dem Aufruf, gegen die Entführung der drei Jugendlichen zu demonstrieren, gefolgt. »Begleitet haben uns 25 Polizeibeamte«, berichtet Movchin. »Sie sind die ganze Zeit an unserer Seite mitgelaufen und haben aufgepasst, dass uns nichts passiert.«

Kassel Friedlich blieb es auch in Kassel. Über Facebook hatte Jonas Dörge vom Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus (BgA) von der bundesweiten Aktion erfahren und sich entschlossen, in der nordhessischen Stadt einen Beitrag zu leisten. Mit Israel-Fahnen und »Bring back our Boys«-Schildern blockierten die Teilnehmer unter Polizeischutz für wenige Minuten die Kreuzung am Rathaus – ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, weil sich hier auch die Gleise der Straßenbahn kreuzen.

Leipzig In Leipzig kamen rund 20 Menschen zum Flashmob auf dem Augustusplatz. »Wir wollen die Menschen auf dieses Thema aufmerksam machen«, sagte Organisator Benjamin Stegmann. Als es zwei Uhr schlug, setzte sich der kleine Trupp in Bewegung, blockierte zunächst kurz den Verkehr auf dem Innenstadtring und zog dann über den Wochenmarkt. »Bring back our boys!«, skandieren die Demonstranten, aber auch: »Solidarität mit Israel!« – und ernteten reichlich irritierte Blicke von den Gemüse- und Bratwurstständen. Das Fazit der gut zehnminütigen Aktion fiel eher durchwachsen aus. »Die glauben doch sicher alle, dass das was mit der WM zu tun hat«, meinte ein Teilnehmer.

Berlin In Berlin versammelten sich rund 50 Menschen auf dem Breitscheidplatz. Organisator Sebastian Mohr sagte, wichtig sei es, auch an die israelischen Soldaten zu denken: »Die setzen täglich ihr Leben aufs Spiel, um die Jugendlichen zu finden!« Sollten die Teenager bis dahin nicht entdeckt werden, sind an diesem Freitag um 14 Uhr wieder Flashmobs geplant – unter anderem auch in Köln, Kiel, Stuttgart und Ulm.

Beiträge von Barbara Goldberg, Benjamin Moscovici, Ralf Pasch, Moritz Piehler und Thyra Veyder-Malberg

Köln

Jüdisches Leben sichtbar machen

Gemeinden wollen 2021 mit Festen, Ausstellungen und Tagungen 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern

 21.01.2020

Bad Kissingen

ZWST benennt Kurheim nach Beni Bloch sel. A.

Deutschlands einziges jüdisches Kurheim wird nach dem langjährigen ZWST-Chef benannt

 20.01.2020

Porträt der Woche

»Ich spüre gute Vibes«

Bela Cohn-Bendit ist Wirtschaftssoziologe und trainiert Jugendliche bei Makkabi

von Eugen El  18.01.2020

Ausstellung

Vom Wohlstandskind zur Kriegsreporterin

Die Monacensia lässt das bewegte Leben von Erika Mann Revue passieren

von Ellen Presser  16.01.2020

München

Weiße Rose, Schicksal, Auschwitz

Meldungen aus der IKG

 16.01.2020

München

Max Mannheimer zu Ehren

Am 6. Februar wäre der Zeitzeuge 100 Jahre alt geworden – nun wird das Grafinger Gymnasium nach ihm benannt

von Helmut Reister  16.01.2020

Kompakt

Kulturerbe, Erinnerung, Schule

Meldungen aus den Gemeinden

 16.01.2020

Buch

Bilder als Denkmal

Der Fotograf Thies Ibold erinnert an den Kunsthistoriker Aby Moritz Warburg

von Heike Linde-Lembke  16.01.2020

Geschichte

Die anderen Flüchtlinge

Der Politikwissenschaftler Stephan Grigat stellte Georges Bensoussans Buch »Die Juden der arabischen Welt« vor

von Gerhard Haase-Hindenberg  16.01.2020