Hamburg

Briefwechsel mit Folgen

Ausgesucht: Barbara Vogel ehrt den Preisträger Arne Offermanns (M.). Foto: Gesche-M. Cordes

Der Literaturwissenschaftler Arne Offermanns hat am 4. Mai den Joseph-Carlebach-Preis erhalten. Der Präsident der Hamburger Universität, Dieter Lenzen, zeichnet Offermanns für seine Magisterarbeit im Fach Deutsche Sprache und Literatur mit dem Titel: Der Briefwechsel zwischen Ernst Lissauer und Walter A. Berendsohn 1935–1937; Einführung, Edition, Kommentar aus.

Die 89-jährige Tochter Carlebachs, Miriam Gillis-Carlebach, würdigte den Preisträger für dessen »außergewöhnliches Thema«: über Briefe, die vor 90 Jahren geschrieben wurden, nicht mit dem Computer, sondern mit schwer zu entziffernder Handschrift, nicht über ein zeitlich aktuelles Thema, sondern mit Gedankenkreisen, wie aus einer anderen Welt. Die Briefe zwischen Lissauer und Berendsohn zeugten von Zeit- und Literaturgeschichte, sagte die Direktorin des nach ihrem Vater benannten Joseph Carlebach Instituts der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv.

Exilliteratur Die Werke des Schriftstellers Ernst Lissauer (geb. 1882 Berlin, gest. 1937 Wien) zeugen von deutsch-nationaler Gesinnung, besonders der Haßgesang gegen England von 1914, von dem er sich später distanzierte. Der Literaturhistoriker Walter A. Berendsohn (geb. 1884 Hamburg, gest. 1984 Stockholm) emigrierte wegen seiner »jüdischen Abstammung« nach Schweden, er gilt als Nestor der Erforschung deutschsprachiger Exilliteratur. Gleichzeitig mit der Ehrung wurde der Band der Achten Joseph-Carlebach-Konferenz »Becoming Visible. Jüdisches Leben in Deutschland seit 1990« vorgestellt.

In den knapp zehn Jahren ihres Bestehens befasste sich die Konferenz 2010 erstmals mit der Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland. Aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen wurde aufgezeigt, wie spannungsreich und kontrovers das Leben in der deutschen Gesellschaft sowie auch in den Gemeinden nach der Zuwanderung russischsprachiger Juden ist.

Die beiden Herausgeberinnen Miriam Gillis-Carlebach und Barbara Vogel, Professorin am Historischen Seminar der Universität Hamburg, haben mit diesem Band einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftspolitischen Diskussion geleistet. Die Joseph-Carlebach-Konferenz, die alle zwei Jahre abwechselnd an der Universität Hamburg und an der Bar-Ilan-Universität in Tel-Aviv stattfindet, widmet sich dem erziehungswissenschaftlichen Wirken des bedeutenden Hamburger Rabbiners.

Miriam Gillis-Carlebach, Barbara Vogel (Hrsg.) »Mein Täubchen aus dem Felsenspalt ...« Becoming Visible. Jüdisches Leben in Deutschland seit 1990, Die Achte Joseph Carlebach-Konferenz, Dölling und Galitz Hamburg 2011, 256 Seiten, € 19,80 .

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026

Stadtführung

Tatort Scheunenviertel

Kleinkriminelle, Arbeiter und Ostjuden – der Historiker Dmitry Kudinov zeigt die bewegte Geschichte eines hippen Teils von Berlin, der vor rund 100 Jahren alles andere als gentrifiziert war

von Alicia Rust  17.07.2026

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026