Perspektiven

Bleiben oder gehen?

Diskutierten miteinander: Rebecca Seidler, Rabbiner Zsolt Balla, Sabena Donath, Zentralratspräsident Josef Schuster und Hanna Veiler (v.l.) Foto: Stephan Pramme

Wie sieht eine jüdische Zukunft in diesem Land aus? Können wir noch von einem sicheren, selbstbewussten Leben träumen, oder bleiben wir realistisch? Gemäß Theodor Herzl ist das die falsche Frage: »Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.« Die deutsche Antwort darauf stammt von Helmut Schmidt: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.«

Praktisch also, dass zu diesem Thema ein Arzt mit auf dem Podium sitzt, den Moderatorin Sabena Donath gleich um eine Diagnose bitten kann, wie es um die jüdische Zukunft in Deutschland steht. Zentralratspräsident Josef Schuster macht zunächst eine Anam­nese: »Die Hamas hat es in den vergangenen zwei Monaten geschafft, unseren Blick in die Zukunft zu verdüstern. Es gibt ein Unsicherheitsgefühl in diesem Land«, sagt er. »Aber: Ziehen Jüdinnen und Juden deswegen aus Deutschland weg? Sehen sie keine Zukunft mehr?« Das nehme er nicht wahr.

Hanna Veiler, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), widerspricht. Gerade junge Juden hätten bereits einige Schläge in kurzer Zeit erfahren: das Attentat von Halle, den Ukraine-Krieg, den Antisemitismus an den Unis nach dem 7. Oktober. All das sorge dafür, dass jüdische Studierende anfangen, Hebräischkurse zu nehmen und ihre Karrieren darauf auszurichten, dass sich auch in Israel ein Leben aufbauen lässt. Sie zögen nicht gleich um. Aber man werde müde. »Wir fragen uns, wann wir nicht mehr jedes Mal selbst den Antisemitismus ansprechen müssen, sondern die Mehrheitsgesellschaft Verantwortung übernimmt.« Dafür gibt es Applaus.

Viele spüren sie, diese Müdigkeit.

Viele spüren sie, diese Müdigkeit. Und die Frage, ob man überhaupt, an einer jüdischen Zukunft bauen könne, während man in der Endlosschleife steckt, Antisemitismus abzubauen. Ein Zuschauer stellt die entscheidende Frage: »Wie viel von Ihrem Budget geben Sie für die Antisemitismusbekämpfung aus und wie viel für jüdische Schulen oder koschere Restaurants?« Denn gerade, so seine Diagnose, verließen Gemeindemitglieder Deutschland nicht so sehr deshalb, weil sie sich bedroht fühlten, sondern weil sie hier nicht die religiöse Infrastruktur vorfänden, die Wien, Israel oder die USA bieten.

Auch Rabbiner Zsolt Balla beobachtet das: Zwar ziehe das Gemeindezentrum in Leipzig viele junge Leute an. Doch sobald diese religiöser würden, zögen sie nach Berlin oder weiter weg. Wie kann man sie halten? Rabbiner Balla warnt, nur in Zahlen zu denken und sich vor allem auf die Gegenwart zu konzentrieren: »Wer ist gerade zu mir zum Schabbat gekommen? Wie geht es denen, die jetzt in die Synagoge kommen?«

Auch Rebecca Seidler, Geschäftsführerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, betont, wie wichtig es sei, auf die Bedürfnisse der Gemeindemitglieder einzugehen – und zwar über die Grenzen der religiösen Ausrichtung hinaus: »Ukraine, Israel, Antisemitismus: Das trifft uns alle.« Die Mitglieder seien teilweise (re)traumatisiert: »Unsere Jugendlichen, die jedes Video der Hamas auf ihren Handys gesehen haben, genauso wie die Schoa-Überlebenden, die an dunkle Zeiten erinnert werden.«

Jetzt brauche es Räume, um sich gegenseitig zu trösten, einander zuzuhören und aufzufangen. Hanna Veiler betonte zum Schluss, dass diese innerjüdischen Räume, die durch den Schock des 7. Oktober derzeit von Zusammenhalt und Einheit geprägt seien, irgendwann auch wieder zu Räumen der Diskussion werden würden. Räume, in denen die jüdische Zukunft in Deutschland ausgehandelt werde – zwischen den Generationen, den Strömungen, den Geschlechtern.

Und dass diese Diskussionen wieder beginnen werden, sei ein Zeichen der Hoffnung, eines lebendigen, sich entwickelnden Judentums, das sich auch traue, Konflikte anzusprechen. Aber, das ist Hanna Veiler wichtig: »Ich glaube und hoffe, wir werden nach dem 7. Oktober in einem anderen Ton miteinander streiten können.«

Berlin

Lesen, Lernen, Spaß

Der Saftblatt-Baum stand im Mittelpunkt der Erzählstunde des Projekts PJ Library

von Naomi Gronenberg  08.02.2026

Wettbewerb

»Kein Reichtum ist größer«

Aus 13 Ländern kamen Jugendliche zum europäischen Finale des Bibelquiz Chidon Hatanach in München

von Esther Martel  08.02.2026

Porträt der Woche

Der Geheimnisträger

Leonid Komissarenko war Rüstungstechniker – und emigrierte, um seine Frau zu retten

von Anja Bochtler  08.02.2026

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  05.02.2026

Gesellschaft

Einfach machen!

Seit dem Jahr 2000 zeichnet die amerikanische Obermayer Foundation ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger aus. So wie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Museum in Berlin

von Katrin Richter  05.02.2026

Hilfe

Wärme schenken

Die Mitzwe Makers unterstützen mit der »Warmnachten«-Aktion obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit mit Sachspenden

von Esther Martel  04.02.2026

Podcast

Von Adelheid bis Henriette

Journalisten und Historiker gehen dem Leben jüdischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert nach

von Katrin Richter  04.02.2026

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026