Lesetipp

Beten in Charlottenburg

Die Autorin Esther Slevogt Foto: Mike Minehan

Sie ist berühmt. Sie ist so etwas wie eine Vorzeigesynagoge Berlins. Prominente und nicht so bekannte Besucher der Stadt sind dort immer wieder zu sehen, bei Beiträgen über jüdisches Leben in Berlin ist sie immer mit dabei: die Synagoge Pestalozzistraße. Das Gotteshaus hat nicht nur eine ganz besondere Ausstrahlung sondern auch eine lange Geschichte.

Genau die hat die Autorin und Historikerin Esther Slevogt in dem Buch Die Synagoge Pestalozzistraße aus der Reihe »Jüdische Miniaturen« des Verlags Hentrich & Hentrich aufgeschrieben. Beginnend mit dem Gründungsjahr des Gotteshauses 1912 erzählt Slevogt über die kurze Zeit als Privatsynagoge, bis sie 1915 von der Jüdischen Gemeinde übernommen wurde. Über die Weimarer Republik, die Pogromnacht und die Zeit des Aufbaus nach 1945 berichtet die Autorin mit vielen Details. Besonders der berühmte Oberkantor Estrongo Nachama sel. A. prägte die Synagoge, in der 2010 drei Rabbiner, die in Deutschland ausgebildet wurden, ordiniert wurden.

Renovierung Am vergangenen Mittwoch stellte Slevogt ihr Buch im Kidduschraum der Synagoge vor. Etwa 120 Zuhörer waren gekommen, um den Vortrag zu hören. Mit einem launigen Kommentar hatte sie die Zuhörer sofort auf ihrer Seite: Eigentlich hätte die Miniatur, so Slevogt, pünktlich zur Fertigstellung der Renovierungsarbeiten in der Synagoge erscheinen sollen – doch in Berlin ticken die Uhren bekanntlich anders.

Slevogt ging in ihrem Vortrag ausführlich auf die über 100-jährige Geschichte des Gotteshauses ein. Während der Beschäftigung mit der Synagoge habe sie festgestellt, dass es kaum ein erhaltenes Bauwerk in der Stadt gebe, anhand dessen sich jüdische Geschichte besser und eindrücklicher erzählen ließe als an der Synagoge Pestalozzistraße. Im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stehe dennoch oft die Oranienburger Straße als Zentrum jüdischen Lebens in Berlin.

Mit ihrem Buch wolle sie in gewisser Weise der ungleich weniger bekannten Synagoge zu ihrem Recht verhelfen. Zumal das Gotteshaus in der Pestalozzistraße das einzige weltweit ist, in dem die Beter mit Orgel und gemischtem Chor noch dem liberalen Ritus des deutschen Judentums folgen. Slevogt kommt es dabei aber auch darauf an, nicht nur von jüdischen sondern auch von nichtjüdischen Lesern verstanden zu werden. Ein ausführliches Glossar erklärt wichtige religiöse Begriffe, Fußnoten verdeutlichen darüber hinaus andere für das Verständnis des Judentums wichtige Zusammenhänge.

Liturgie Slevogt ist selbst Beterin in der Pestalozzistraße und hat viele Erinnerungen wie zum Beispiel die an den Oberkantor Estrongo Nachama, der 1988 bei ihrer Hochzeit sang. Ein Highlight der Buchpräsentation waren vor allem auch die Aufnahmen mit liturgischer Musik aus der Synagoge Pestalozzistraße, die Slevogts Miniatur als CD beiliegen. So still und gebannt waren die Besucher beim Gesang der Oberkantoren Leo Gollanin und Estrongo Nachama, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Durch die seltenen Tonaufnahmen in die Vergangenheit versetzt fühlten sich an diesem Abend einige ältere Besucher und erinnerten sich an längst vergessen geglaubte Erlebnisse in der Pestalozzistraße. Gerührt erzählte ein älterer Mann davon, wie er als Junge nach dem Holocaust Schabbat für Schabbat begeistert dem Gesang des jungen Kantors Estrongo Nachama lauschte – und dass dabei draußen vor dem Fenster der Synagoge stets zahlreiche Nichtjuden standen, um ebenfalls gebannt zuzuhören. kat/ppe

Berlin

Antisemitismus: Bundesverband Rias erfasst 8725 Vorfälle

Jüdinnen und Juden in Deutschland erleben seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 viel mehr Hass und Anfeindungen als zuvor. Das präge den Alltag, stellt das Netzwerk der Informations- und Meldestellen fest

 17.06.2026 Aktualisiert

Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Die neuen RIAS-Zahlen sind alarmierend. Und sie zeigen einmal mehr eindrücklich: Antisemitismus ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem

von Nelly Eliasberg  17.06.2026

Düsseldorf

Netz für die Zukunft

Das Karriereprogramm »Reschet« bringt junge Gemeindemitglieder und Studierende branchenübergreifend mit erfahrenen Mentoren zusammen

von Annette Kanis  16.06.2026

Jewrovision

Zehn Städte, ein Team

Jugendreferentin Viktoria Dohmen über Entfernungen, Zusammenhalt und den Erfolg von JuJuBa

von Christine Schmitt  16.06.2026

Köln

Die Kraft des Schofars in der gegenwärtigen Weltlage

Das Festival »Shalom-Musik.Koeln« geht in die vierte Auflage – und präsentiert erstmals ein Antilopenhorn

von Ulrike Gräfin Hoensbroech  15.06.2026

Pride Month

»Es bleibt noch viel zu tun«

Hana Yael Tebelmann im Gespräch über den »Pride Month«, die Pläne von »Keshet Deutschland« und Antisemitismus in der LGBTIQ-Community

von Leon Stork  14.06.2026

Porträt der Woche

»Mein Humor hält mich jung«

Aaron Ben-Shlomo stammt aus dem Iran, lebte in Israel und zog nach Südbaden

von Anja Bochtler  14.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

WM 2026

Tooooooooooooooooor!

Zwischen Training, Turnieren und Stadionbesuchen: Jüdinnen und Juden berichten, warum Fußball für sie mehr ist als das runde Leder

von Christine Schmitt  12.06.2026