Porträt

Berliner Mischung

»Berlin ist für uns das Land der unbegrenzten Möglichkeiten«: Musiker Avner Geiger, Shaul Bustan und Tom Dayan (v.l.) Foto: Chris Hartung

Porträt

Berliner Mischung

Das Rotem Ensemble vereint israelische Musik mit europäischen Klängen

von Jonathan Scheiner  01.12.2014 20:37 Uhr

Sie kennen sich noch aus Jerusalem. Dort haben Shaul Bustan, Avner Geiger und Tom Dayan an der renommierten Jerusalem Academy of Music and Dance studiert. Doch zu Freunden wurden die drei Musiker erst in Berlin, wohin sie vor etwas mehr als drei Jahren gezogen sind. Inzwischen sind die drei Israelis an der Spree heimisch geworden. Mit ihrem Rotem Ensemble spielen sie Konzerte in ganz Deutschland, für das kommende Jahr wurden sie sogar in das Kulturprogramm des Zentralrats der Juden aufgenommen – ein Beweis für die hohe Qualität ihrer Musik.

Das Programm des Rotem Ensembles besteht neben eigenen Kompositionen von Shaul Bustan aus bekannten israelischen Melodien, mit denen die drei Musiker groß geworden sind. Während man diese Kompositionen hierzulande der Unterhaltungsmusik zuordnen würde, gelten sie in Israel als Ernste Musik. Und die spielen Shaul Bustan mit dem Kontrabass, Avner Geiger mit der Querflöte und Tom Dayan mit den Percussions – eine seltene wie hinreißende Kombination.

orientalisch »Das Spannende an unserer Musik ist, dass die europäischen Songkomponisten, die mit der zweiten Alija Anfang des 20. Jahrhunderts nach Israel kamen, nicht ihre traditionelle europäische Musik komponieren wollten, sondern Volkslieder, die zum neuen Ort passen sollten«, sagt Avner Geiger. »Man hört, dass diese Lieder orientalisch klingen und zugleich europäisch sind.« In der Tat ist es eine besondere Mischung, die Komponisten wie Mordechai Zeira, David Zehavi und Sascha Argov geschrieben haben. Das Rotem Ensemble hat deren Stil aus Orient und Okzident vervollkommnet.

Doch die Liebe zu israelischen Liedern ist nicht die einzige Gemeinsamkeit der Neu-Berliner. Alle drei haben deutsche Partner. Shaul Bustan hat vor Kurzem sogar geheiratet – und zwar gleich dreimal. Auf dem Standesamt, in der Kirche und nach jüdischem Recht. »Für die katholische Kirche war die Hochzeit kein Problem«, sagt der Musiker. »Der Pfarrer war lieb und hat extra Iwrit geredet.« Und gefeiert hat er, wie er freudestrahlend berichtet, »mit Kippa bis in die frühen Morgenstunden«.

Nicht zuletzt wegen ihrer Partner haben die drei Israelis fließend Deutsch gelernt. »Wir wollen uns hier integrieren. Ich war schon im ersten Monat in zwei verschiedenen Deutschkursen«, sagt Bandleader Bustan. Avner Geiger fügt hinzu, dass es ihm bereits bei seinem Musikstudium in Hannover wichtig gewesen war, die Sprache von Bach und Beethoven fließend zu sprechen.

Glück Auch Tom Dayan beherrscht die Sprache gut. Eigentlich wollte er nur ein Jahr in Deutschland bleiben und dann nach Israel zurückkehren. »Dann habe ich aber einen Job gefunden und Jahr für Jahr mein Visum verlängert. Das ging bisher zum Glück immer ohne Probleme.«

Ganz einfach scheint es indes nicht zu sein, in Berlin ein Leben als Musiker zu finanzieren. »Ich lebe sehr billig in einer WG, und wir haben alle keine eigene Familie«, sagt Tom Dayan. Und dennoch: Berlin ist und bleibt für ihn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie er betont. »Ich könnte mir das, was ich hier mache, nirgendwo sonst leisten. Irgendeinen Job zu finden, ist in Berlin noch immer sehr easy – im Gegensatz zu Israel.«

Die niedrigen Preise in Berlin haben sich bekanntlich längst bis nach Israel herumgesprochen. Doch nicht wegen billigem Milky-Schokopudding leben die drei Israelis in der deutschen Hauptstadt. Sie kamen wegen der zentralen Lage in Europa und der unvergleichlichen Musikszene. »Ich wollte immer nach Deutschland kommen«, sagt Shaul Bustan. »Meine erste Reise außerhalb Israels ging nach München. Und später bin ich zweimal mit dem Mandolinenorchester aus Beer Sheva nach Deutschland gekommen. Das war toll: wegen der klassischen Musikwelt, der Lehrer und Orchester und der Preise.«

erfolg Von seinem Wunsch zur Übersiedlung hat sich Shaul Bustan auch nicht von attraktiven Engagements als Musiker in Israel abbringen lassen. Vor drei Jahren hat er all seine Sachen verkauft und ist nur mit einem Koffer nach Berlin gekommen. Die erste Zeit musste er noch vom Ersparten leben, aber dann hat er Fuß gefasst und Arbeit gefunden.

Inzwischen verbringt er seinen Tag mit Komponieren oder als musikalischer Leiter des Theaters »Das Letzte Kleinod« in Niedersachsen. Sogar mit Giora Feidman arbeitet Shaul Bustan regelmäßig zusammen. Für ihn schreibt er Arrangements und komponiert eigene Stücke. »Shaul Bustan ist einer der aufstrebendsten Komponisten unserer Zeit und eine kulturelle Bereicherung für Deutschland«, so Feidman.

Aber auch Bustans Mitstreiter sind Vollblutmusiker. Wie er hat auch schon Avner Geiger ein Album veröffentlicht. Und Tom Dayan spielt mit seiner Band Mifrás, von der es ebenfalls schon eine CD gibt. Trotz des hebräischen Bandnamens sind alle Mifrás-Musiker Berliner.

wurzeln Die starke Identifikation mit Berlin gilt auch für alle Musiker des Rotem Ensembles. Bei ihnen scheint der Integrationswunsch sehr ausgeprägt zu sein. »Ich sehe mich nicht so sehr als Israeli in Deutschland, sondern als europäischer Jude«, sagt Shaul Bustan. »Warum auch nicht? Immerhin stammen meine Großeltern aus Rumänien, mein Opa hat sogar mehrere Jahre in Berlin gelebt, bevor er nach Israel ging.«

Avner Geiger sieht das ganz anders. »Ich bin Israeli, auch wenn es, wie jüngst während des Krieges, sehr unangenehm war, sich als Israeli zu zeigen. Ich kann zwar verstehen, wenn man an der israelischen Politik Kritik übt. Aber es ist okay für mich, den Preis für mein Heimatland zu zahlen.«

Und was tun die drei, wenn das Heimweh zu sehr zwickt? »Ich hoffe«, sagt Shaul Bustan, »dass israelische Musik zum festen Bestandteil jüdischen Lebens in Deutschland wird«. Und in ganz schweren Fällen, fügt Avner Geiger hinzu, hilft das Flugzeug: »Ein Flug nach Israel kostet 50 Euro – weniger als eine Bahnfahrt nach München.«

www.rotem-ensemble.com

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