Porträt der Woche

»Berlin ist meine Stadt«

»Nur hier kann ich wirklich kreativ sein«: Aviel Silook Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

»Berlin ist meine Stadt«

Der Israeli Aviel Silook ist Psychologe und gründete in Neukölln ein Musikvideo-Festival

von Ralf Balke  14.07.2019 07:46 Uhr

Ich war noch ein Kind, als mich die Begeisterung für Musikvideos packte. Und seither hat sie mich auch nicht mehr losgelassen. In den frühen 90er-Jahren sah ich auf MTV, das wir damals auch in Israel schon sehen konnten, den kanadischen Sänger Snow, wie er seinen Reggae-Hit »Informer« sang, und war sofort angefixt. Zusammen mit dem Song »Jump« von Kris Kross war das wohl einer der ersten Clips, die ich mir anschaute und an die ich mich heute auch noch sehr gut erinnern kann.

Ganz offensichtlich hat diese einmalige Kombination von bewegten Bildern und Musik auf mich von Anfang an eine große Faszination ausgeübt. Auch dem Genre Hip-Hop bin ich seither im weitesten Sinne treu geblieben. In diesen Jahren lebte ich mit meiner Familie noch in Haifa, nicht weit von Kirjat Motzkin, woher ich ursprünglich stamme. Heute wohne ich in Berlin.

MTV Schon als Teenager hatte ich schnell begriffen: Im internationalen Vergleich waren israelische Musikvideos einfach grottenschlecht. Das beste Beispiel dafür war »Lahit BaRosh«, lange Zeit die einzige Sendung in unserem Fernsehen, die das zeigte, was ihre Macher wohl unter Popmusik verstanden. Was man da zu sehen bekam, war bestenfalls Trash. Doch kurz nach der Jahrtausendwende begann auch bei MTV die große Depression der Musikvideos, wie ich es bezeichne.

Der Anfang war nicht einfach. Ich hatte fünf Jobs gleichzeitig, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Zwar reduzierten sich durch die massenhafte Verfügbarkeit immer günstiger und perfekter werdender technischer Ausrüstungen wie Digitalkameras die Produktionskosten. Auf der anderen Seite aber schrumpften gleichzeitig die Etats und das allgemeine Interesse, weil die wenigsten Videomacher eine interessante Story erzählen wollten und die Clips stets beliebiger wurden. Es fehlte den meisten einfach an guten Ideen.

Bereits als Jugendlicher dachte ich, dass man das besser machen kann. Also baute ich mir langsam mit meinen geringen finanziellen Ressourcen eine Art improvisiertes Studio in Haifa auf und begann nach dem Militärdienst nicht nur mit meinem Psychologiestudium, sondern auch damit, bei Musikproduktionen mitzumischen. So arbeitete ich damals bereits mit einigen in Israel recht bekannten Musikern wie Sagol 59 oder Peled zusammen, die für eine gute Mischung aus Electro und Hip-Hop stehen.

NEUANFANG Nach Berlin kam ich dann wegen meiner deutschen Freundin. Eines Tages sagte sie mir, es sei nun an der Zeit, ihr Studium abzuschließen, nachdem ich meines bereits beendet hatte. Also zogen wir gemeinsam nach Deutschland. Zwar kam es bald danach zur Trennung, aber ich wollte unbedingt in Berlin bleiben. Denn ganz schnell war mir eines klar geworden: Das ist meine Stadt. Nur hier kann ich wirklich kreativ sein. Auch baute ich mir rasch ein ganzes Netzwerk an Leuten auf, die so ähnlich ticken wie ich. Und jedes Mal, wenn ich Berlin verlasse, merke ich sofort, was mir dann wirklich fehlt.

Dabei war der Anfang hier alles anderes als einfach. Ich hatte fünf Jobs gleichzeitig, um irgendwie über die Runden zu kommen. So war ich im Bereich Organisationspsychologie tätig, um in Unternehmen zu untersuchen, was so alles im Argen liegt, um beispielsweise Phänomenen wie dem Burnout bei Mitarbeitern proaktiv zu begegnen.

Auch habe ich angefangen, bei mir zu Hause anderen Leuten die Haare zu schneiden. Das erinnert vielleicht ein wenig an Adam Sandler in dem Film Leg dich nicht mit Zohan an. Die Leute standen bald Schlange in meinem Treppenhaus – offensichtlich besteht in Berlin ein großer Bedarf an Friseuren, die Englisch oder auch Hebräisch sprechen. Zusätzlich organisierte ich Stand-up-Comedy-Abende und Swing-Dancing-Nächte, später auch die berühmten »Meschugge«-Partys.

REAKTIONEN Doch irgendwann empfand ich dieses Leben von Party zu Party nur noch als langweilig und oberflächlich, weshalb ich mich auf die Suche nach etwas Neuem begab. Und weil ich all die Jahre auch weiterhin eng mit Musikern in Kontakt stand, kam mir die Idee mit den Berlin Music Video Awards. Ich wollte dieser Kunstform einfach wieder zu etwas mehr Bekanntheit verhelfen.

Schon im ersten Jahr erreichten uns Filme aus der ganzen Welt, zum Beispiel aus Kanada und Brasilien.

2013 war es dann soweit, und die ersten Videos wurden nach einem Vorentscheidungsmarathon gekürt. Unter den nominierten Bands waren bereits damals so bekannte Namen wie Mouse on Mars oder The Knife. Und weil die Resonanz von Anfang an so gewaltig ausfiel, finden sie seither jedes Frühjahr statt, so war es auch in diesem Jahr Ende Mai.

Bei den Berlin Music Video Awards kann jeder einreichen, was er will. Dabei ist es völlig irrelevant, ob es sich um absolute Newcomer auf dem Gebiet der Musikvideos handelt oder um etablierte Künstler. Was für mich allein zählt, sind Qualität und Originalität. Hauptsache, die Story ist klasse, oder sie zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht. Oder sie ist einfach nur absurd und richtig komisch. Genau deshalb haben wir im Laufe der Zeit auch zehn verschiedene Kategorien eingeführt, etwa »Most Trashy«, »Most Bizarre« oder »Best Animation«.

WELTSTARS Wichtig war mir von Anfang an, dass Musikvideos nicht deshalb ausgeschlossen werden, weil ihre Macher einen großen Namen haben. Beispielsweise gewann den Preis in der Kategorie »Best Director« dieses Jahr Ninian Doff für das Video zu dem Song »We’ve Got To Try« von den Chemical Brothers. Ich finde, sogar Clips mit den Songs von Lady Gaga oder Beyoncé sollten berücksichtigt werden, wenn sie denn unsere Voraussetzungen erfüllen.

Meiner Meinung nach sollte niemand ausgeschlossen werden, nur weil die Künstlerin oder der Künstler Weltstars sind, sonst wäre das für mich diskriminierend. Und so passiert es, das wir mit Videos von Heavy-Metal-Bands bis hin zu Enrique Iglesias das gesamte musikalische Spektrum abdecken, solange die Kriterien Originalität oder tolle Story erfüllt werden. Ich stehe da wirklich allen Stilrichtungen und Künstlern weiterhin sehr offen und unvoreingenommen gegenüber.

Ursprünglich war der Berlin Music Video Award von mir eher als eine Art Event geplant, auf dem Berliner Künstler ihre Clips zeigen können. Doch bereits im ersten Jahr erreichten uns Filme aus der ganzen Welt, zum Beispiel aus Kanada oder Brasilien. Auch aus Israel kamen schon Kandidaten, wenn auch nur relativ wenige. So erhielt 2016 das Video von der Britpopband Benjamin’s Brothers aus Tel Aviv mit ihrem Song »Story About a Broken Heart« bei uns den Award in der Kategorie »Best Narrative«.

RESONANZ Was mich immer wieder aufs Neue überrascht, ist die riesige Zahl der Beiträge, die inzwischen eingereicht werden. Das zeigt, welche Resonanz meine Arbeit mittlerweile erhält. Nach einer Vorauswahl zeigen wir jedes Jahr rund 130 Clips. Auch habe ich in letzter Zeit immer wieder gehört, dass der Berlin Music Video Award von vielen Musikfans und -machern als eine Art Filter angesehen wird, mit dessen Hilfe man die wirklich guten neuen Sachen entdecken kann.

2016 habe ich angefangen, Modemacher mit auf das Event zu bringen. Diese Idee kam ebenfalls gut an, weil die Kombination von Fashionshow und Musikvideo-Preis einmalig in ihrer Art ist. Es ist eben nicht der klassische Catwalk und der sonst so übliche rote Teppich, auf dem die Stars auf- und abgehen. Unserer ist stets voller Glitzer und hat seinen ganz eigenen Glamour. Zudem ergänzen sich Mode und Musikvideo wunderbar, und so manche kreative Zusammenarbeit hat auf dem Berlin Music Video Award ihren Anfang genommen.

Ich fühlte mich immer als Jude und stark in meinem Glauben an einen Gott.

Aber zugleich wuchs für mich das Arbeitspensum, weshalb ich das Gefühl habe, mindestens zwei Jobs gleichzeitig zu machen – und das, obwohl mir in den Festivaltagen manchmal bis zu 45 Leute unter die Arme greifen. Deswegen sehe ich meine Familie in Israel leider viel zu selten. Vielleicht nur zweimal im Jahr.

Lebensunterhalt Meine Mutter fragt mich dann übrigens immer noch jedes Mal, wann ich denn endlich einen richtigen Job anfange. Bei den meisten Israelis herrscht eben die Vorstellung vor, dass man von Kunst einfach nicht leben kann. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich ausgerechnet in Berlin bin und hier arbeite.

Auch die Tatsache, dass ich in einem Bezirk wie Neukölln mit all seiner Diversität und seinen Herausforderungen lebe, mag mit dazu beigetragen haben. Manchmal glaube ich, dass es auch daran lag, dass ich stets Realist geblieben bin.

Etwas ungewöhnlich für die kreative und leicht sündige Unterhaltungsbranche: Ich fühlte mich immer als Jude und stark in meinem Glauben an einen Gott. Und was ich in Berlin ebenfalls nie missen möchte, sind die Momente der Ruhe und Entspannung – entweder alleine oder mit Freunden auf dem Tempelhofer Feld.

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