Nachfrage

Barrierefrei zur Synagoge

Hindernisse: Vor allem in älteren Gemeindezentren haben es Rollstuhlfahrer schwer, barrierefrei in die Synagoge zu gelangen. Foto: Fotolia

Geschäfte, die darauf hinweisen, dass Rollstuhlfahrer sich nur kurz melden müssen, damit eine kleine Metallrampe ihnen hilft, die Treppenstufen am Eingang zu überwinden. U- und S-Bahnhöfe, die behindertengerecht umgebaut und mit geräumigen Fahrstühlen versehen werden. Extra-Plätze in Fußballstadien, von denen Rolli-Benutzer gute Sicht aufs Geschehen haben. Es sind Beispiele wie diese, die bei Nichtbehinderten den Eindruck hinterlassen, dass Menschen mit Handicaps im Alltag mittlerweile problemlos zurechtkommen.

Doch weit gefehlt. Besonders große Probleme haben behinderte Migranten, erklärt der Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier. Und gerade Zuwanderer stellen den Großteil der Mitglieder in den jüdischen Gemeinden. Denn sie hielten auch noch Sprachprobleme davon ab, ihr Recht einzuklagen oder gar Leistungen und Angebote des Sozialsystems wahrzunehmen. Ulrike Mascher, Sprecherin des Deutschen Behindertenrates, weist außerdem darauf hin, dass barrierefreier Zugang noch immer nicht die Regel sei und selbst Besuche von öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Universitäten nicht problemlos möglich sind.

Spezielle Führungen Barrierefreien Zugang zu ermöglichen, ist daher auch für die jüdischen Gemeinden ein Thema. »Wir sind behindertengerecht ausgestattet, das heißt, der Zugang ist schwellenlos, und dazu verfügen wir über einen Fahrstuhl«, sagt Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden.

Im Bauprogramm für die 2001 fertiggestellte Synagoge war Barrierefreiheit bereits vorgesehen. »Ob das damals überhaupt per Gesetz vorgeschrieben war, weiß ich allerdings gar nicht.« Der ungehinderte Zugang führe im Übrigen dazu, dass regelmäßig Führungen für Rollstuhlfahrer, Hörgeschädigte und Blinde angeboten werden können. »Wir haben häufiger mal Anfragen von interessierten Gruppen und Verbänden.«

Bei Veranstaltungen Gebärdendolmetscher oder spezielle erklärende Tonübertragungen für Blinde einzusetzen, sei allerdings bisher noch nicht vorgekommen. »Theoretisch ginge das aber, denn wir haben ja zum Beispiel eine Übersetzungsanlage.« Annette Altschaffel, Sekretärin der Jüdischen Kultusgemeinde Essen, sagt: »Unser Gemeindezentrum liegt ebenerdig, man kann ohne größere Probleme in die Synagoge kommen. Aber eigentlich haben wir im Moment auch keine Mitglieder, für die Barrierefreiheit ein Thema ist. Ein Herr, der im Rollstuhl saß, ist leider verstorben.«

Der aus dem Jahr 1959 stammende Bau sei zum Glück durch den vor dem Haus liegenden Parkplatz behindertenfreundlich, und das vermutlich unbeabsichtigt, denn auf Barrierefreiheit wurde vor 53 Jahren noch nicht geachtet. In der UN-Behindertenkonvention wird sie beispielsweise erst seit dem Jahr 2009 gefordert.

Betreuung zu Hause Probleme entstünden im Übrigen viel eher zu Hause, wo es an behindertengerechter Einrichtung fehle, vermutet Altschaffel und erklärt: »Viele ältere Gemeindemitglieder gehen gar nicht mehr raus, sie werden dann von uns im Rahmen der Gemeinwohlarbeit betreut. Fünf Frauen aus der Gemeinde besuchen sie regelmäßig und lesen ihnen zum Beispiel vor – die ältere Generation traut ja auch nicht jedem.«

Obwohl das Gebäude der Jüdischen Gemeinde Groß-Dortmund ebenfalls noch aus den 50er-Jahren stammt, ist es für Gehbehinderte oder Rollstuhlfahrer barrierefrei – und zwar durch einen kleinen Trick. Es gibt einen Fahrstuhl, zu dem führt jedoch eine Treppe – und so baute man vor einigen Jahren einen dieser kleinen Treppenfahrstühle ein, wie man sie aus der Fernsehwerbung kennt. »Allerdings braucht man eine zweite Person, um den Lift zu bedienen«, sagt Andreas Sperling über die Nachteile des Einpersonenaufzugs.

»Diejenigen, die kommen, sind mobil genug«, erzählt Sperling weiter. »Trotzdem wäre es natürlich von Vorteil, wenn wir eine Rollstuhlrampe bauen könnten, aber das ist gar nicht so einfach.« Denn mit diesen kurzen Metallteilen, die wie man sie von Geschäftseingängen kennt, würden sich die Treppenstufen nicht behindertengerecht überwinden lassen: »Für eine mobile Konstruktion sind es zu viele Stufen, die Steigung wäre zu steil und damit viel zu gefährlich, wie unser Architekt erklärte. Eine zehn bis 15 Meter lange Rampe lässt sich nicht konstruieren.« Optimale Barrierefreiheit sei daher wohl nur durch einen Umbau zu erreichen, »ansonsten lösen wir auftauchende Probleme weiter pragmatisch«.

Angebot für Besucher In Marburg wurde 2005 die neue Synagoge eingeweiht, die für Rollstuhlfahrer durch einen Anbau gut zu erreichen ist. »Unsere Mitglieder werden ja schließlich nicht jünger«, sagt Monika Bunk vom Vorstand der Gemeinde. »Wir haben seit Jahren eine Rollstuhlfahrerin, die bei uns oft Gast ist. Und ganz allgemein ist es natürlich wichtig, dass behinderte Besucher ohne Probleme ins Haus gelangen können.«

Für den ungehinderten Zugang sorgt auch der Aufzug, der sich im Gebäude befindet – jedenfalls theoretisch. Der behindertengerechte Lift sei »ein regelrechtes Groschengrab«, stöhnt Bunk, »er macht immer wieder Ärger und ist andauernd kaputt oder muss gewartet werden«. Aufzüge seien nun einmal nicht billig, »und wir haben im Laufe der Jahre festgestellt, dass wir mit einem teureren Modell wahrscheinlich viel weniger Probleme gehabt hätten«. Immerhin: »90 Prozent der Zeit funktioniert er«, sagt Bunk und lacht.

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