Morasha

Ausflug nach Amsterdam

Alle in einem Boot: gemeinsame Grachtenrundfahrt am Abend Foto: Eliezer Noy

Rabbiner Jamie Cowland nimmt kein Blatt vor den Mund. »Mal ehrlich, du bist in einem Club, die Musik dröhnt dir in den Ohren, und dieser attraktive Typ fragt ›Stehst du auf Drinks?‹. Antwortest du dann: ›Na klar! – Und du, stehst du auf Tora?‹ Unwahrscheinlich, oder?« Seine Zuhörer schmunzeln.

Das Restaurant H’Baron in Amsterdam ist fast bis auf den letzten Stuhl besetzt, auf den langen Tischen stehen israelische Vorspeisen, Brot und große Schüsseln mit dampfendem Bohnenchili. Russische, deutsche und englische Wortfetzen unterbrechen manchmal Cowlands Vortrag über jüdische Liebe und Ehe. Was der Rabbiner über die drei wichtigsten Seiten der Liebe und mögliche Auswirkungen von Internet-Pornografie auf die Vorstellung von Familie bei Teenagern zu sagen hat, spricht sein junges Publikum ganz offensichtlich an.

Verständnis Aziz aus Magdeburg gefällt die offene und verständliche Art, in der der Rabbiner aus England über Liebe und Ehe spricht. So, wie er das Thema behandele, höre er es zum ersten Mal. Aziz und seine Frau Tamara sind nach Amsterdam gekommen, um am ersten nationalen Morasha-Wochenende teilzunehmen. Organisiert von Morasha Germany und unterstützt vom Bund traditioneller Juden in Deutschland, treffen sich rund 80 Studenten und junge Erwachsene aus zwölf deutschen Städten zu einem Schabbaton in Buitenveldert im Süden Amsterdams.

Auf dem Programm stehen neben Vorträgen und Textstudien auch das gemeinsame Kerzenzünden, Beten und Kennenlernen mit der modern-orthodoxen Gemeinde AMOS aus Amsterdam. Außerdem besucht die Gruppe die historische portugiesische Synagoge und das Anne-Frank-Haus, und natürlich dürfen eine Grachtenrundfahrt und typisch holländische Windmühlen und Fischerdörfer nicht fehlen.

Der Gründer von Morasha Germany, Rabbiner David Rose, wünscht sich, dass an diesem Wochenende jeder das Gefühl bekommt, Teil von etwas Größerem zu sein. Die regionalen Morashas gehören eben auch zu einer jeweils nationalen Bewegung, in der junge Menschen zusammen lernen und die jüdischen Traditionen leben. Die 15-jährige internationale Morasha-Bewegung hat Rose 2007 als Morasha Germany nach Deutschland gebracht. Seitdem wächst sie langsam, aber stetig. Dieses Jahr kommen zwei weitere Standorte hinzu, hofft David Rose.

Spiritualität Tamara genießt es, neue Leute von Morasha aus anderen Städten kennenzulernen. Eine Einladung nach Berlin hat sie auch schon erhalten. »Es ist gut, überall Bekannte zu haben«, sagt sie und lacht. Swetlana aus Leipzig findet es beeindruckend, wie viele Leute zu den verschiedenen Morashas gehören. Am Freitagabend haben sie zusammen in der Synagoge gebetet und gesungen.

Für Swetlana war das eine schöne spirituelle Erfahrung: »Plötzlich bewegt sich etwas«, sagt sie. Jeder Mensch brauche Struktur, sie finde diese durch das Torastudium. Die wöchentlichen Treffen lassen viel Raum für praktische, aber auch philosophische Fragen. Sie fühle eine gewisse Verantwortung für die jüdische Tradition. Es sei schade, dass so viele Juden eigentlich viel über dieses Erbe wüssten, aber nichts damit machten.

Michael Grünberg vom Bund traditioneller Juden in Deutschland spricht sie damit aus der Seele. Für ihn stärken die Morashas das jüdische Gemeinschaftsgefühl, ein Hauptanliegen seiner Organisation: jüdische Traditionen bewahren und Strukturen schaffen, um sie leben zu können. »Gute Dinge soll man wiederholen«, sagt Grünberg. Für junge Juden in Deutschland sei es gut, funktionierendes jüdisches Leben in anderen Ländern kennenzulernen.

Gegenbewegung Nach der stimmungsvollen Hawdala im Restaurant freut sich auch Rabbiner Avraham Radbil über ein gelungenes Wochenende. Die Morashas seien eine echte Gegenbewegung zur geografischen Zerstreuung des jüdischen Volkes. Der Rabbiner berichtet von zwei jungen Leuten, die ihm erzählten, dass sich beide nicht unbedingt vorgenommen hatten, einen jüdischen Partner zu suchen. Doch als sie sich auf einer Morasha kennenlernten, habe sich dies geändert. »Sie sind jetzt ein Paar. Schon für so eine Geschichte hat es sich gelohnt«, sagt Radbil. Für ihn sei es das schönste Ereignis einer Morasha.

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026