Rezension

Ausbildungsziel Judenmord

Verstrickungen von Polizisten in die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus wurden nach 1945 nie wirklich thematisiert. Foto: Tectum

Rezension

Ausbildungsziel Judenmord

Der Historiker Sven Deppisch enthüllt in einer aktuellen Studie, warum die Polizeischule Köpenick ein zentraler Täterort der Schoa war

von Ralf Balke  30.07.2018 20:19 Uhr

Die Polizei – dein Freund und Helfer. Dieser Leitspruch der Ordnungshüter, der übrigens vom preußischen Innenminister Albert Grzesinski eigens für sein Vorwort in einem Buch zur Berliner Polizeiausstellung 1926 kreiert und dann von den Nationalsozialisten gestohlen wurde, ist bis heute unwidersprochen gang und gäbe.

Ein Grund dafür dürfte die Tatsache sein, dass die zahlreichen Verstrickungen von Polizisten in die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus nach 1945 nie wirklich thematisiert wurden. »Denn während Gestapo und SS aus dem Nürnberger Prozess als Inkarnation des Bösen hervorgegangen waren, hatten Kriminal- und Ordnungspolizei in Nürnberg noch nicht einmal auf der Anklagebank gesessen, obwohl die Alliierten sehr wohl über deren Verbrechen informiert gewesen waren«, schreibt Sven Deppisch.

Partisanenbekämpfung »Während sich die polizeilichen Literaten weitestgehend darüber ausschwiegen, welche Rolle die deutsche Polizei beim Judenmord gespielt hatte, erwähnten sie jedoch wie selbstverständlich, dass sie während des Zweiten Weltkriegs zur ›Partisanenbekämpfung‹ eingesetzt gewesen war«, so der Historiker in seiner aktuellen Studie über die Ordnungspolizeischulen im bayerischen Fürstenfeldbruck und in Berlin-Köpenick sowie ihre Schüler und ihr Lehrpersonal in der Zeit des Dritten Reiches.

Bereits der von Polizei und Wehrmacht gebrauchte Begriff »Partisanenbekämpfung« ist als ein Euphemismus zu verstehen und diente vor allem der moralischen Entlastung der Täter bis weit in die Nachkriegszeit hinein. Denn es ging dabei zugleich gegen das »Bandenunwesen« – ein zentraler Aspekt der gesamten Ausbildung.

Darunter konnte man bereits seit der Weimarer Republik eine Menge verstehen. »Der Feind steht links, formiert sich zu ›Banden‹, ist bewaffnet und gefährlich«, schreibt Deppisch. Und so geschah es, dass zahlreiche Mordaktionen gegen Juden und andere Zivilisten in den von Deutschland besetzten Gebieten unter genau diese Kategorie fielen. Die jüdischen Opfer wurden deshalb von Polizei und Öffentlichkeit als Partisanen wahrgenommen. Und diesen den Garaus zu machen, schien moralisch auch in der Bundesrepublik irgendwie noch legitim.

Feindbilder All das führt zu der bis in die Gegenwart hinein kaum untersuchten Frage, wie die wichtigsten Feindbilder der NS-Ideologie im Rahmen der Polizeiausbildung vermittelt wurden. Diese Lücke in der Historiografie schließt Deppisch nun mit seiner quellengesättigten Analyse der Lerninhalte und Methoden, wie sie an den beiden Polizeischulen damals üblich waren.

Zudem zeigen die Biografien der vier Lehrgänge, die Deppisch besonders unter die Lupe genommen hat, dass es sich bei den Männern kaum um einfache Streifen- oder Verkehrspolizisten mit einem Hakenkreuz auf der Uniform handelte. 95 Prozent von ihnen traten der SS bei – die meisten während ihrer Ausbildung. Zudem verschwammen die Grenzen zwischen polizeilichen und militärischen Aufgaben. Fast alle Gesetzeshüter befanden sich während des Zweiten Weltkriegs im »auswärtigen Einsatz« – auch das eine verharmlosende Formulierung für die aktive Teilnahme sogar am Judenmord.

»Die Tiefe, in der die Schule in den Holocaust verstrickt war, hat uns alle sehr erschreckt«, musste Ingbert Hoffmann, der derzeitige Leiter der Polizeifachhochschule in Fürstenfeldbruck, eingestehen. Bei der Pressekonferenz, auf der Deppischs Buch im November vergangenen Jahres vorgestellt wurde, betonte er zugleich, wie wichtig deshalb die Debatte über die Rolle der Polizei vor 1945 ist.

Korpsgeist Doch die Studie förderte ein weiteres Problem zutage: Absolventen und Lehrpersonal der Polizeischule waren auch Jahrzehnte danach noch als Ordnungshüter und Ausbilder tätig und kultivierten einen ganz besonderen Korpsgeist. Ihre Auffassung vom Polizeidienst war nach wie vor militärischer Natur und manifestierte sich beispielsweise in den Prügelorgien der Schwabinger Krawalle von 1962. Auch dieses Erbe gilt es aufzuarbeiten.

Sven Deppisch: »Täter auf der Schulbank – Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust«. Tectum, München 2017, 676 S., 39,95 €

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Eva Umlauf

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht« über ihre Sorgen um die Demokratie und den Aufstieg rechter Parteien. Zu sehen sind Ausschnitte der Interviews auch im Nachtprogramm der ARD

 19.01.2026

Interview

»Die Kita wird für alle offen sein«

Yevgeny Kutikov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Potsdam, über die erste jüdische Kita in Brandenburg.

von Christine Schmitt  19.01.2026

Dachau

2025 mehr als eine Million Besucher in KZ-Gedenkstätte

Erstmals wurden in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein ganzes Jahr lang Besucher gezählt. 2025 waren es mehr als eine Million. Im kommenden Frühjahr will man deren Profil genauer untersuchen

 19.01.2026

Köln

Jüdischer Karnevalsverein antisemitisch angefeindet

»Es ist das bisher Heftigste, was uns passiert ist«, sagt der Präsident des jüdischen Karnevalsvereins »Kölsche Kippa Köpp«. Den Mut verliert Aaron Knappstein aber nicht

von Leticia Witte  19.01.2026

Uckermark

Stille Weite

Alex Stolze ist Musiker und hat sich in einem Dorf unweit der deutsch-polnischen Grenze einen jüdischen Ort in Brandenburg geschaffen

von Katrin Richter  18.01.2026