Berlin

Aus Verantwortung für die Gesellschaft

Norbert Lammert bei seinem Vortrag im voll besetzten Saal der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Kein »gemütliches Thema« komme auf die Zuhörer zu, gestand Norbert Lammert gleich zu Beginn der Rabbiner-Brandt-Vorlesung 2018 mit dem Titel »Wer vertritt das Volk? Demokratie zwischen Parlamentarismus und Populismus«.

Im voll besetzten Saal der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) führte der ehemalige Bundestagspräsident und amtierende Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung seinen Zuhörern schnell vor Augen, was auf dem Spiel steht: »Gewaltenteilung, unabhängige Justiz, freie Presse und regelmäßige freie Wahlen« seien in der Geschichte Deutschlands und bis heute auf dem Globus noch immer die Ausnahme. Das alles sei »nicht selbstverständlich«, warnte Lammert.

Lammert zitierte aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, derzufolge jeder dritte Wahlberechtigte populistisch eingestellt sei.

VOLK Er zitierte aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2018, derzufolge mittlerweile jeder dritte Wahlberechtigte in Deutschland populistisch eingestellt sei. »Populistische Parteien geben vor, den wahren Volkswillen zu repräsentieren«, sagte Lammert. Aber den gebe es nicht, er sei ein künstliches Produkt. Denn das Volk bestehe aus unendlich vielen »Volkswillen«. Das Wort komme nur in der Propaganda im Singular vor. Doch je komplizierter die Welt werde – und wir lebten momentan in einer solchen –, desto größer sei die Attraktivität von einfachen Antworten auf komplizierte Zusammenhänge, resümiert Lammert an diesem Abend.

Nach einer aktuellen internationalen Umfrage in mehr als 50 Ländern habe sich gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger mit ihrer Regierung nicht zufrieden sei. Erstaunlicherweise sei diese Unzufriedenheit in demokratischen Staaten sogar noch größer. Hoch sei hingegen das Vertrauen in die jeweilige Regierung in Ländern wie »Ägypten, der Türkei, Saudi-Arabien und China«. Norbert Lammert macht eine denkwürdige Pause nach diesem »irritierenden Ergebnis«, wie er selbst sagt. Die Autoren der Umfrage seien zu dem Schluss gekommen, dass die Demokratien heute nicht mehr von außen bedroht seien, sondern »von einer gewaltigen Vertrauenskrise im Innern«.

IMPULSE Diese Erkenntnis unterstreiche eine andere neue Untersuchung aus den USA. Die habe gezeigt, wie in den letzten 25 Jahren Dutzende Demokratien weltweit geschwächt worden seien: Autoritäre oder populistische Führungen seien legitim ins Amt gekommen, erklärt Lammert. Als sie dann im Amt waren, hätten sie begonnen, demokratische Rechte wie Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Justiz oder den Schutz von Minderheiten nach und nach einzuschränken. So zerstören die Gegner der Demokratie diese mit demokratischen Mitteln. Lammert formuliert provokant: »Das größte verbleibende Überlebensrisiko für die Demokratie ist die Durchführung von Wahlen.«

Beispiele dafür fänden sich in Asien oder Lateinamerika, aber auch in Europa. »Wir registrieren nicht, was längst mit uns und um uns herum stattfindet«, warnt Lammert, der als streitbarer Demokrat auch über die eigenen Parteigrenzen hinaus geschätzt wird. Aber es gebe Trost, erklärt er. Die Bürger hätten es selbst in der Hand, wie sich ihre Demokratie entwickelt. »Autoritäre Systeme brauchen kein Bürgerengagement, sie verbieten es auch manchmal. Demokratien erlauben es nicht nur, sie brauchen es auch!« Wie könne man mehr Bürger dazu bringen, sich zu engagieren? Engagement sei kein Motivationsproblem, meint Lammert. »Wenn ich begriffen habe, dass ich Verantwortung für diese Gesellschaft trage, engagiere ich mich.«

Mit der jährlich stattfindenden Vorlesung möchte der Deutsche Koordinierungsrat Impulse für den christlich-jüdischen Dialog setzen und gleichzeitig die Arbeit des Rabbiners Henry G. Brandt in diesem Bereich würdigen.

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  26.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  25.08.2026

München

Von Deutschland in die Welt

Eine Ausstellung widmet sich dem Wirken jüdischer Architekten, deren Karrieren von Verfolgung und Exil bestimmt waren. Ihre Bauten beeinflussten die Moderne maßgeblich

von Ellen Presser  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026