Porträt der Woche

Aus Liebe zum Kochen

»Die Liebe zum Kochen und Backen habe ich bereits als Kind durch meine beiden Großmütter erfahren.« Foto: Gregor Zielke

Porträt der Woche

Aus Liebe zum Kochen

Julia Mostova-Schwarz ist Food-Coach in Berlin und unterrichtet auch online

von Christine Schmitt  19.06.2022 09:58 Uhr

Wenn ich ein Café besuchen möchte, dann gehe ich die paar Meter nach Prenzlauer Berg, wenn mich ein Theaterstück interessiert, dann nach Mitte und um Produkte beim Fleischer einzukaufen, bleibe ich im Wedding. Dort, wo ich mit meinem Mann und meinen drei Söhnen wohne, treffen sich diese drei Bezirke, die alle unterschiedlich sind. Hier wohne ich gerne.

Das Einkaufen hat in den vergangenen Jahren für mich an Bedeutung gewonnen, denn seit Anfang der Pandemie biete ich auf meiner Facebook-Seite Kochkurse an und muss mich natürlich um die Zutaten kümmern. Während des Lockdowns fingen so viele Leute an, sich für das Kochen zu interessieren.

zusammenstellungen Schon damals stand ich gerne in der Küche und probierte Rezepte aus oder überlegte mir neue Zusammenstellungen. Nun meldeten sich Freundinnen, um sich von mir erklären zu lassen, wie man etwas kocht.

Ich nahm mir immer Zeit, um es ausführlich zu erläutern, bis mir eines Tages eine Freundin vorschlug, die Abläufe doch aufzunehmen und ins Netz zu stellen, dann müsste ich nicht immer wieder alles für jeden einzeln wiederholen. Mir gefiel die Idee – und so entstanden meine ersten Auftritte im Internet. Seitdem betreibe ich einen kulinarischen Blog, bin in den sozialen Medien aktiv und biete Kurse an.

Mein Wunsch ist es, mein Wissen, meine Ideen und meine Leidenschaft für das Kochen und das Backen rund um traditionelle jüdische und israelische Speisen weiterzugeben.

arbeitsschritte Die Teilnehmerinnen waren und sind nicht nur aus Berlin, sondern auch aus anderen Städten zugeschaltet. Jeder absolviert mit mir parallel die Arbeitsschritte und kann jederzeit Fragen stellen. Das ist der Unterschied zu einem YouTube-Video. So entsteht das schöne Gefühl, dass man etwas zusammen in der Gruppe macht und nicht alleine mit dem Computer ist.

Es war immer ein Traum von mir, die Rezepte meiner Großmütter weiterzugeben.

Die Liebe zum Kochen und Backen habe ich bereits als Kind durch meine beiden Großmütter erfahren, durch die ich auch zahlreiche jüdische Speisen kennengelernt habe. Für mich gehört Kochen zur Familie und zur Gemeinschaft mit Freunden. Es war immer ein Traum von mir, die Rezepte meiner Großmütter weiterzugeben.

Als dann Svetlana Agronik vom Projekt Impuls der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erfuhr, dass ich so etwas anbiete, lud sie mich ein, es auch für Impuls zu entwickeln. Und mittlerweile stehen die Teilnehmer und ich gemeinsam vor dem Herd, und ich habe eine Bufdi-Stelle bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin für ein Jahr angenommen. Dabei kann ich auch meiner weiteren Leidenschaft nachgehen, dem Gestalten von Werbeanzeigen für Impuls. Eigentlich bin ich nämlich Grafikdesignerin.

Einmal im Monat bieten wir im Projekt Impuls einen Kochkursus an, dem meistens die Speisen für die jeweiligen Feiertage gewidmet sind. Manchmal auch der israelischen Küche. Beispielsweise ging es bei unserem letzten Treffen um traditionelles Essen für Schawuot: Mamaliga mit Schafskäse und Käse-Blintzes mit Erdbeerkompott. Ich werde oft gefragt, ob es möglich wäre, einen Kurs zum Thema »Gefilte Fisch« anzubieten, aber da muss ich immer verneinen, denn mit dem ist das so eine Sache. Da er erst nach einer Nacht im Kühlschrank perfekt ist, ist er für einen Kurs ungeeignet.

Ukraine Aufgewachsen bin ich in der Ukraine, in Iwano-Frankiwsk. Das liegt westlich, und viele Ukrainer, die das Land nach der Invasion der Russen nicht verlassen wollten, sind nun dorthin geflohen. Es ist alles voll, kein Hotelzimmer ist mehr frei, berichtet einer meiner Verwandten, der dort noch lebt. Wenn ich mit ihm spreche, dann sagt er immer, dass es noch nicht so schlimm sei. Nur den Flughafen gebe es nicht mehr. Na ja.

In diesen Tagen helfe ich Ukrainern, wo ich kann. Ich unterstütze sie gerne bei der Sichtung der Papiere und bei der Wohnungssuche. Unser Wohnzimmer bieten wir zum Übernachten für ein paar Nächte an, und eine Frau aus Odessa blieb zwei Monate, bis sie weiterzog nach Portugal. Die meisten wollen allerdings wieder in ihre Heimat zurück.

Ich wusste, dass ich jüdisch bin, aber die Religion auszuleben – das war undenkbar.

Ich wusste, dass ich jüdisch bin, aber die Religion auszuleben – das war undenkbar. Als ich 15 Jahre alt war, konnten meine Familie und ich als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland emigrieren. Meine Eltern organisierten vor der Emigration noch einen Lehrer, der mir Deutsch beibringen sollte, was aber nicht viel gebracht hatte. Ich war traurig, dass ich meine Freunde verlassen musste, und interessierte mich nicht übermäßig für die neue Sprache.

Mathe So landete ich in Bückeburg in Niedersachsen, in einem Flüchtlingsheim, in dem meine Eltern und ich ein Zimmer hatten. Was soll ich sagen? Ich war viel mit anderen draußen unterwegs. Vorher hatte ich ein eigenes Zimmer.

In der Schule fühlte ich mich als Außenseiterin. Ich konnte kein Deutsch, die anderen fanden mich komisch, und ich war die einzige Ausländerin. Aber in Mathematik und Chemie war ich gut. Nach eineinhalb Jahren konnten wir das Heim verlassen. Ich ging in Hannover weiter zur Schule, denn ein Studium in meiner Familie war ein Muss. Meine Eltern und Großeltern haben alle studiert.

Beide Opas landeten dann zufällig zum Studium in Odessa, wo sie Pädagogik und Geschichte studierten. Ein Jura- oder ein Medizinstudium war damals für Juden ohnehin nur sehr schwer zugänglich. Ein Großvater wurde Leiter eines Waisenheimes. Mein anderer war Schuldirektor und dann Dozent bei der Hochschule.

studium Nach dem Gymnasium überlegte ich lange, was ich machen sollte, und entschied mich für ein Studium im Fach Design – aber ich schaffte die Aufnahmeprüfung nicht. Daraufhin nahm ich erst einmal die Seite der Uni Hannover unter die Lupe und schaute, was alles so im Angebot ist. Ich saß davor und dachte nur, das passt nicht, das passt nicht und das auch nicht. Bei Landschaftsarchitektur mit Freiraumplanung blieb ich hängen und schrieb mich ein. Allerdings war nach dem ersten Semester Schluss für mich, denn ich hatte es mir anders vorgestellt.

Ich bewarb mich noch einmal für Design und bekam einen Studienplatz in Hildesheim. Dorthin pendelte ich von Hannover aus. Anschließend war ich in einem kleinen Verlag für das Design und die Werbung verantwortlich, bis er pleiteging. Ich habe schnell verstanden, dass man sein Privatleben aufgeben muss, um bei einer großen Werbeagentur richtig erfolgreich zu werden. 24 Stunden an sieben Tagen – was ich nicht wollte.

In dieser Zeit lernte ich auch meinen jetzigen Mann kennen, zu dem ich nach Berlin zog. Dort fing ich an, freiberuflich zu arbeiten, was ganz gut klappte. Doch dann wurde ich mit meinem ersten Sohn schwanger, der mittlerweile elf Jahre alt ist. Mein zweiter Sohn kam sieben Wochen zu früh auf die Welt, weshalb ich viel Zeit zu Hause verbrachte und mich mit gesundem Essen beschäftigte, da er mehrere Allergien hatte.

Außergewöhnliche Gerichte kommen bei meinen Kindern nicht gut an.

Da schoss mir die Idee in den Kopf, ein Küchenstudio aufzumachen. Ich hatte einen Business-Plan – und kurz vor der Umsetzung war ich wieder schwanger und legte die Pläne ad acta. Außergewöhnliche Gerichte kommen bei meinen Kindern allerdings nicht gut an. Während der Pandemie absolvierte ich noch ein Studium zum Food-Coaching, bei dem es um gesunde Ernährung geht. Was für den einen gut ist, muss bei dem anderen nicht unbedingt funktionieren. Es ist alles sehr individuell – das habe ich dabei gelernt.

Schweden Kochbücher studiere ich auf Deutsch, während ich Literatur am liebsten auf Russisch lese. Meine ukrainischen Kenntnisse hatte ich bis jetzt nicht so oft benutzt. Bis vor Kurzem hörte man auf den Straßen kaum Ukrainisch, was sich seit Februar verändert hat.

Mein Leben ist komplett ausgefüllt. Ich bin froh, wenn ich ein paar Stunden in der Woche nur für mich habe. Mit meinen drei Kindern möchte ich Zeit verbringen, meiner Arbeit als Designerin und Werbegestalterin nachgehen. Allerdings nehme ich Designaufträge nur noch von alten Stammkunden an.

Auch fotografiere ich gerne und träume davon, dass wir wieder ein Zelt einpacken und in der Natur wandern gehen. Gerne in Schweden oder einem anderen skandinavischen Land oder auch in Mecklenburg-Vorpommern. Ab und zu verabreden wir uns mit Freunden zum gemeinsamen Paddeln. Das Paddeln ist nicht so mein Ding, aber ich bereite gerne das Essen am Lagerfeuer vor. Das ist mal etwas anderes als in der Küche – und ich genieße es.

Tu Bischwat

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