Das E glänzt, das A und das I auch, am unteren Teil ist der Lack etwas abgeplatzt, und das Schild, auf dem einst die Marke stand, ist abgefallen. Die Zeit hat ihre Spuren an der »Triumph« hinterlassen. Kein Wunder: War die Reiseschreibmaschine doch viele Jahre enge Begleiterin von Jeanette Wolff. Auf dem kompakten Gerät schrieb die SPD-Politikerin Briefe, verfasste Reden, brachte Gedanken zu Papier. Nun steht die senffarbene kleine Maschine auf einem Sockel im Paul-Löbe-Haus. In ihr eingespannt ist ein Stück Papier. Darauf der Bundesadler, Wolffs Name und wenige Sätze: »Begegnung einer Jüdin mit jungen Menschen zwischen 17 und 22 Jahren im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit – von Jeanette Wolff.« Begegnung, Verständigung, Dialog – alles das war für Wolff im späteren politischen Leben nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern auch ein Muss, um das, was sie selbst als Jüdin in der Schoa erfahren musste, nie wieder geschehen zu lassen.
Wolff ist nur eine von insgesamt elf Biografien, die in der Ausstellung An eine Zukunft glauben … Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945 vorgestellt werden. Die dokumentarische Schau im Mittelgang des Paul-Löbe-Hauses ist auf vielen Ebenen ein Novum. Es sei, sagt Hilmar Sack, der die Ausstellung verantwortet, zum ersten Mal, dass eine solche Schau aus dem wissenschaftlichen Dienst des Bundestages heraus konzipiert worden ist. Der Wunsch, sich den jüdischen Abgeordneten des Bundestags und auch politisch engagierten Jüdinnen und Juden in der ehemaligen DDR zu widmen, kam aus dem Ältestenrat, erzählt Sack. Das war vor zwei Jahren.
»Die Devise meines Lebens war immer: besser Zivilcourage als Heldentum.«
Jeanette Wolff
Was nun zu sehen ist, ist eine chronologische Dokumentation, die Besucherinnen und Besucher einladen will, nicht nur die vielfältigen Schilderungen aus Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungen oder Briefen genau aufzunehmen, sondern sie auch in kleinen Heften nachzuschlagen, sie an Hörstationen zu verinnerlichen oder auf Bildschirmen sichtbar zu machen.
Basierend auf einem Essay von Julia Franck über Jeanette Wolff in dem von der Historikerin Natalie Weis und Helene Bukowski herausgegebenen Buch Der nächste Redner ist eine Dame – Die Frauen im ersten Deutschen Bundestag, das die ersten 38 weiblichen Abgeordneten vorstellt, beginnt also An eine Zukunft glauben … mit der Biografie Wolffs.
Ihr beiseite steht die Biografie eines Mannes, der im Gegensatz zur gläubigen Jeanette Wolff weniger bewusst mit seiner jüdischen Herkunft umgegangen war: Erik Blumenfeld. Der spätere CDU-Politiker kam aus einer Familie, in der der jüdische Vater zum Protestantismus übertrat. Seine Mutter war Angehörige eines dänischen Landadels. Als – nach Nazi-
Terminologie – »Mischling ersten Grades« wurde Blumenfeld verfolgt, überlebte die Vernichtungslager Auschwitz und Buchenwald. Über diese Zeit habe er selten gesprochen.
Einen Schwerpunkt bilden politisch engagierte Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen DDR
Wolff und Blumenfeld »waren einflussreiche Stimmen ihrer Zeit und prägten die Bundesrepublik politisch mit«. Sie repräsentierten »die Vielfalt jüdischer Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration – und stehen für die Selbstbehauptung der Überlebenden: Sie wollten nicht Opfer ihrer Geschichte bleiben, sondern selbst aktiv die Zukunft gestalten«, heißt es im Katalog zur Ausstellung, die vier Schwerpunkte setzt: Jüdische Biografien in den parlamentarischen Gründergenerationen. 1848/49 – 1867/71 – 1919/20; »Meine Härte habe ich in Auschwitz verbraucht«. Ausgrenzung und Verfolgung 1933–1945; »Eine Art gläserne Wand steht immer dazwischen«: Der schwierige Umgang mit dem Erlebten und »… eine andere Welt schaffen«: Aufarbeiten der Vergangenheit – das Parlament als ein Sprech- und ein Schweigeraum.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden politisch engagierte Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen DDR wie der Autor und spätere PDS-Abgeordnete Stefan Heym. Die Annäherung an Heym ist rund, schwarz, relativ klein und recht samtig. Es ist sein Hut, der zum Markenzeichen des Alterspräsidenten des 13. Bundestags wurde.
»Demokratie aber, ein griechisches Wort, heißt Herrschaft des Volkes.«
Stefan Heym
Heym, der in Chemnitz als Helmut Flieg zur Welt kam, gelang 1935 die Flucht in die USA. Bevor seine Frau und er 1953 in die DDR kamen, kämpfte Heym im Zweiten Weltkrieg bei den »Ritchie Boys« gegen die Nazis.
In der DDR war Stefan Heym als Schriftsteller bekannt, aber einzelne seiner Werke wurden wegen zu viel Kritik am alltäglichen, politischen oder sozialen Mangel nicht veröffentlicht. Am 4. November 1989 sprach Stefan Heym auf dem Alexanderplatz vor rund einer halben Million Demonstranten und brachte in seiner kurzen, aber bedeutenden Rede das auf den Punkt, was vielen als das Thema der Stunde galt: Öffnung, Teilhabe, Demokratie. Sein Appell: »Der Sozialismus – nicht der Stalinsche, der richtige –, den wir endlich erbauen wollen, zu unserem Nutzen und zum Nutzen ganz Deutschlands, dieser Sozialismus ist nicht denkbar ohne Demokratie. Demokratie aber, ein griechisches Wort, heißt Herrschaft des Volkes«, das klingt mit dem Foto mit, das auch im Paul-Löbe-Haus zu sehen ist.
Stefan Heym kämpfte im Zweiten Weltkrieg bei den »Ritchie Boys« gegen die Nazis
Unter der Frage »Welche Rolle spielt für Sie persönlich die eigene jüdische Familiengeschichte? Und was bedeutete der Holocaust für die Präsenz von Juden in der deutschen Politik?« diskutierten bei der offiziellen Eröffnung am 27. Januar unter anderem auch die Journalistin und Moderatorin Nina Ruge, die in der Ausstellung über das Schicksal ihrer Urgroßmutter, die in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, das Schicksal ihrer Großmutter, ihres Vaters und das Schweigen der Familie spricht. Ruge fragt sich, welches Bild für sie als kleines Mädchen passend gewesen wäre, und kommt zu dem Schluss, dass es ein Gespenst gewesen wäre, ein Gespenst namens »Angst Verdrängung«.
Es sind unter anderem Schilderungen wie die Ruges oder auch die von Esther Schulhoff, deren Großvater in einem Kellerversteck überlebte, die diese Ausstellung sehens- und hörenswert machen. Die kleinen Geschichten, die vielleicht sonst so nicht erzählt werden würden, und die zeigen, wie wichtig es ist, die Demokratie vor den Menschen zu schützen, die gern einen Schlussstrich ziehen möchten.
Die Ausstellung ist bis zum 6. März in der Halle des Paul-Löbe-Hauses zu sehen. Der Eintritt ist frei.