Charlottenburg

Aufforderung, neu über das Leben nachzudenken

Der 89-jährige Zeitzeuge Samuel Marder Foto: Stephan Pramme

Seit mehr als sieben Jahrzehnten beschreiben die Überlebenden der Schoa, was damals geschehen ist – und mit ihnen seither. Es sind Berichte von unermesslichem Grauen, Geschichten von Trennung und Tod, von endlosen Albträumen und Ängsten bis in die Gegenwart.

Jeder dieser Berichte ist wichtig für die Welt auf dem schweren Weg eines friedvollen Zusammenlebens der Menschen – das Zeugnis von Samuel Marder aus Czernowitz aber ist eines der ungewöhnlichsten.

Ruhe »Mit einer lyrischen Prosa klagt Samuel Marder zu Gott. Aus Glauben, mit Schmerz, weil er ein Mensch ist, und mit Ruhe, weil er glaubt, dass das Göttliche im Menschen die dämonischen, die chaotischen und bösen Kräfte bekämpfen muss, die unsere Welt infizieren« – so beschreibt Rabbi Alan J. Yuter die literarische Aufarbeitung der Schoa, die Samuel Marder nun in deutscher Übersetzung vorstellte.

Eine Träne in die Ewigkeit lautet der poetische Titel eines Bandes mit kurzen Erzählungen, Erinnerungen und Gedichten, den der 89-jährige Zeitzeuge im Salon »nemtsov & nemtsov -– Raum für Kunst und Diskurs« in Berlin in Zusammenarbeit mit der Claims Conference vorstellte.

Samuel Marder war noch ein Teenager, als er nach dem Krieg in die USA kam. Er hatte sich vorgenommen, nach vorn zu schauen auf das künftige Leben. Er würde das Geigenspiel wieder aufnehmen, das er in der schrecklichen Zeit aufgeben musste, die hinter ihm lag. Noch heute ist er davon überzeugt, dass ihm diese Haltung das Leben gerettet hat – ein Leben, in dem er es bis zum Konzertmeister des National Ballet of Washington brachte.

Als in den USA die ersten Holocaust-Leugner auftraten, kamen auch die Bilder wieder.

Dann aber traten in den Vereinigten Staaten die ersten Holocaust-Leugner auf – und damit kamen auch die Bilder wieder. Die Bilder, wie die Nazis die Häuser in Czernowitz nach Juden durchsuchten. Das des deutschen Nachbarn, der den Vater retten wollte, was dieser ablehnte. Er habe keinen Vorteil gegenüber denjenigen haben wollen, die zu den Deportationszügen geführt wurden.

UNIVERSELL Wieder sah Samuel Marder seinen Vater, »diesen wunderbaren Menschen«, sterben, wie damals, als er ihm noch einmal im Traum begegnete und von ihm die Mazza bekam. Noch heute ist Samuel Marder überzeugt, dass dieser Traum ihm die Kraft zum Überleben geschenkt hat. Er habe beschlossen, jenen Holocaust-Leugnern entgegenzutreten, berichtete er, und das Berliner Publikum erlebt einen zutiefst spirituellen Mann.

Lange sei er nicht in der Lage gewesen, Gott für das Überleben zu danken, habe sich in einer Phase der Traurigkeit befunden. Nun aber beschäftigte er sich mit ebendieser Frage neu und wurde fündig bei dem jüdischen Publizisten Elie Wiesel und dem indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti.

Das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit, behauptete der eine, und der andere empfahl, auf Hass gar nicht erst zu reagieren. Samuel Marder erkannte dies als einen universellen Weg. Nicht die Religion sei das Problem, sondern die Menschen, verkündet er, der seit vielen Jahren regelmäßig eine kleine Synagoge in Manhattan besucht. Es sei leichter, Gott zu den Menschen zu bringen, als diese zu ihm, sagt er mit einem wissenden Lächeln.

GEDICHTE Nora Pester, die Verlegerin von Hentrich & Hentrich, hatte in ihrer Einführung darauf verwiesen, dass sich »die Texte des Buches in verschiedener Weise auf eine spirituelle Dimension beziehen, die Tod und Leben miteinander verbindet«.

Während der von Samuel Marder in einem angenehm ruhigen Ton vorgetragenen Erfahrungen bekamen die Zuhörer einen ersten Eindruck von dem, was damit gemeint sein könnte. Der deutsche Übersetzer Ulrich Seeberg las einige Passagen aus dem Buch – Aufforderungen an die Leser, neu über das Leben nachzudenken.

»Der Mann mit den Rosen« etwa ist die Geschichte eines amerikanischen Afghanistan-Veteranen, der im Krieg beide Beine verlor. Nun sitzt er in einem Bus, faltet für andere Fahrgäste aus Palmblättern kleine Rosen und bezeichnet sich als einen glücklicheren Menschen als je zuvor. Als unerwartete Entdeckung erweisen sich auch Gedichte, die nebeneinander in Original und Übersetzung abgedruckt sind.

Samuel Marder: »Eine Träne in die Ewigkeit. Erzählungen, Erinnerungen und Gedichte«. Hentrich & Hentrich, Berlin 2019, 318 S., 24,90 €

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