Termin

»Auf Wunsch der Queen«

Leitet die Gedenkstätte Bergen-Belsen: der Historiker Jens-Christian Wagner Foto: dpa

Herr Wagner, wann haben Sie vom bevorstehenden Besuch der Queen in Bergen-Belsen erfahren?
Erste Kontakte mit dem Buckingham-Palast, der britischen Botschaft und der niedersächsischen Staatskanzlei gab es im April, also relativ kurzfristig. Kurz vor den Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Lagerbefreiung gab es eine erste Vorbesichtigung durch die Briten.

Wie bereiten Sie und Ihre Mitarbeiter sich darauf vor?
Es ist natürlich ein logistischer Aufwand. Wir mussten Gruppen umbuchen, die sich für diesen Tag angemeldet hatten, und die Gedenkstätte bleibt bis zum Nachmittag für die Öffentlichkeit geschlossen. Für die Kollegen aus der Forschungsabteilung und der Dokumentation ist es aber ein ganz normaler Arbeitstag.

Gehört der Besuch in der Gedenkstätte zum offiziellen Programm der Königin?
Ja, aber er hat dennoch eher privaten Charakter: Die Königin kommt ausdrücklich auf eigenen Wunsch nach Bergen-Belsen. Der offizielle Staatsbesuch endet in Berlin. Auf dem Heimflug legt sie dann einen Zwischenstopp in Niedersachsen ein – extra für den Besuch der Gedenkstätte.

Was genau werden Sie ihr zeigen?
Das Außengelände mit den Denkmalanlagen. Viel mehr Zeit haben wir nicht – die Queen wird eine gute halbe Stunde bleiben. Das ist natürlich recht kurz – das Dokumentationszentrum und die Dauerausstellung etwa bleiben komplett außen vor. Was sehr schade ist, denn genau dort dokumentieren wir auch Zeugnisse britischer Soldaten, die Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreit haben – in aller perspektivischen Breite und Differenzierung.

Welche Rolle spielt Bergen-Belsen im kollektiven Bewusstsein der Briten?
Eine sehr große! Interessanterweise gilt in Großbritannien nicht Auschwitz, sondern Bergen-Belsen als der Symbolort für die Schoa schlechthin. So begründete Großbritannien 1999 die Nato-Intervention im Kosovo mit »Nie wieder Bergen-Belsen« – darin zeigt sich die Wirkungsmächtigkeit dieses Ortes im historischen Gedächtnis der Briten.

Wie erklären Sie sich diesen Stellenwert?
Nach der Befreiung richtete die britische Armee in Bergen-Belsen Nothospitale ein, wo die Soldaten und das britische Rote Kreuz die Überlebenden aufopferungsvoll pflegten. Später halfen sie, die Überlebenden im DP-Camp unterzubringen, dem Areal für Displaced Persons.

Wie nutzen Sie die mediale Aufmerksamkeit des Queen-Besuchs, um Inhalte auch jenen Teilen der Gesellschaft zu vermitteln, die sich nicht für Gedenkkultur interessieren?
Wir haben mit Hochdruck eine Webseite zum Queen-Besuch erarbeitet, mit vielen Fotos und Quellen. Darin geht es fokussiert um die Bedeutung von Bergen-Belsen für die Briten, aber auch um Fragen wie: Wieso wurde Bergen-Belsen von den Briten befreit? Welcher Anblick bot sich den Befreiern? Natürlich bietet dieser Besuch auch eine Chance, historische Inhalte zu vermitteln – und auch andere Seiten der Queen zu zeigen, nicht nur die Farbe ihres Hutes.

Zum Beispiel?
Elizabeth war 1945 Mitglied im Auxiliary Territorial Service, der Frauenabteilung des britischen Heeres. Es waren unter anderem ihre Kameradinnen, die die Befreiten in Bergen-Belsen gesund pflegten.

Reagieren Zeitzeugen anders beim Besuch der Gedenkstätte als junge Leute?
Wer wie die Queen einen eigenen biografischen Bezug hat, reagiert emotionaler. Die Queen war damals in London – aber sie hätte genauso gut auch aktiv bei der Befreiung von Bergen-Belsen dabei sein können.

Werden Sie, trotz strengen Protokolls, Gelegenheit zu persönlichen Worten haben?
Ich werde die Königin begrüßen und sie über das Gelände führen. Ich bin kein Protokoll-Experte. Doch wenn sich ein Gespräch ergeben sollte, wäre das durchaus ein Anknüpfungspunkt.

Mit dem Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026

Porträt der Woche

Der Landeshausmeister

Alexander Reznitchi ist Afghanistan-Veteran, war Sportlehrer und wurde Techniker

von Brigitte Jähnigen  24.04.2026

Kino

Boxen auf Leben und Tod

Im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage zeigte die Kultusgemeinde die Geschichte des Hertzko (Harry) Haft

von Helen Richter  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Musik

Jiddisch und Tango

Ein grandioser Abend mit der Allround-Künstlerin Lea Kalisch

von Nora Niemann  23.04.2026

Berlin

Kontrollzentrum für mehr Sicherheit jüdischer Einrichtungen geplant

Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung: Der Zentralrat der Juden hat Pläne, um die Sicherheit jüdischer Einrichtungen zu verstärken. Wie es Sicherheitskräften von Synagogen und Co. eigentlich geht, zeigt eine Umfrage

von Leticia Witte  23.04.2026

Leipzig

Schoa-Überlebender Andrei Moiseenko reist für seinen 100. Geburtstag durch Sachsen

Andrei Iwanowitsch Moiseenko wurde im Alter von 15 Jahren als Zwangsarbeiter nach Leipzig deportiert

 23.04.2026

Jewrovision

Feuerwerk von Talenten

Leipzig feiert ein Comeback, andere Jugendzentren wie Bremen, Hamburg oder Westfalen schließen sich für Auftritte zusammen. Der Countdown zum größten Event für jüdische Jugendliche läuft

von Christine Schmitt  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026