Berlin / Stuttgart

Auf der Suche nach dem Leben

Bei der Probe: Ellen Wolf Foto: Gregor Zielke

Ihre hellen Augen strahlen unternehmungslustig, als sie mit forschen Schritten durch den Bühneneingang das Maxim-Gorki-Theater betritt. Ellen Wolf inspiziert schon mal den Saal, in dem sie in den nächsten Tagen das Stück Elsa spielen wird. Sie lebt in Argentinien, ist 83 Jahre alt und derzeit auf Theatertournee in Deutschland. Neben Berlin und Mühlheim an der Ruhr wird sie auch in ihrer Geburtsstadt Stuttgart auf der Bühne stehen und ihr eigenes Leben spielen. Wie sie als Kind Nazi-Deutschland verlassen musste, erst in der Schweiz lebte und schließlich mit ihrer Familie nach Argentinien auswanderte.

Auch dort musste sie eine Diktatur erleben. Ihre älteste Tochter wurde 1977 verschleppt und ermordet. Zeit zum Trauern mochte sie sich damals nicht nehmen. »Ich sehe dann immer zu, dass ich so viel zu tun habe, so dass keine Minuten mehr zum Innehalten übrigbleiben«, sagt sie.

Ellen Wolf musste über 70 Jahre alt werden, um zu erfahren, dass sie sich auf der Bühne sehr wohl fühlt und es ihr mühelos gelingt, in andere Rollen hineinzuschlüpfen. Sie spürte, dass sie jetzt Schauspielerin werden muss. Bei einer Laienaufführung zog sie die Zuschauer so in Bann, dass sie ihr rieten, noch eine Ausbildung zu machen. Was sie auch prompt tat. Mittlerweile müsse man Geld dafür zahlen, wenn man sie auf der Bühne erleben und sehen möchte, sagt sie und muss lachen.

Faszination Mehrere Jahre lang spielte sie in dem Stück La omision de la familia Coleman von Claudio Tolcachio eine Großmutter, bis sie krank wurde und aufhören musste. Bei einer Vorstellung vor zweieinhalb Jahren im Goethe-Institut in Buenos Aires fiel sie dem Theaterjournalisten Jürgen Berger und dem Intendanten des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, Armin Petras, auf. Berger war so fasziniert von ihrem Leben, dass er es aufschrieb und das Theaterstück Elsa ausarbeitete. Für die Hauptrolle sah er natürlich Ellen Wolf vor.

Nach ihrem Schulabschluss in Buenos Aires wollte sie eigentlich Mathematik studieren. Doch ein Bekannter hörte sie singen und ermunterte sie, es mit Gesang zu probieren. Mit Musik sei sie ja schließlich groß geworden, sagt sie. In Stuttgart hatte die Familie einen Flügel, denn »das gehörte schließlich zu einer jüdischen Familie«. Ihre ältere Schwester erhielt Unterricht, und Ellen spielte die Übungen nach, nur besser, erzählt sie schmunzelnd. Doch ihre Finger wurden trotz des Übens nicht geschmeidiger. Gesang fiel ihr leichter und sie studierte in der Schweiz und in Wien, bis eine Allergie ihre Stimme zerstörte und die Karriere beendete. Sie ging zurück nach Argentinien und lernte ihren Ehemann kennen. Fünf Kinder bekamen sie. Ihr Mann starb bereits vor 35 Jahren.

Muttersprache Es fiele ihr viel schwerer als sonst, den Text für Elsa auswendig zu lernen, bekennt Wolf. Manche Situation habe sie anders erlebt und es seien nicht ihre eigenen Worte. Aber sie habe nun auch gemerkt, was Muttersprache bedeutet. Denn obwohl sie als Fünfjährige Deutschland verlassen hat, ist ihr Deutsch doch die nächste Sprache. Sie komme auch gern nach Deutschland, und sie habe viele gute Erinnerungen an das Land. Wenige Jahre nach der Schoa besuchte sie Stuttgart, um ihr ehemaliges Kindermädchen wiederzusehen. Aber an die Villa und den großen Garten habe sie kaum Erinnerungen. Für die Zukunft hofft sie, wieder eine Großmutter spielen zu können.

Berlin

Jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Natur

Damit es grünt

Die Gemeinden machen sich Sorgen über die Folgen des Klimawandels – und suchen gemäß Tikkun Olam nach Auswegen

von Chris Meyer  30.08.2026

Rundgang

Blick in die Vergangenheit

Die jüdische Geschichte Münchens erlebte viele Umbrüche – und ist kaum jünger als die urkundlich verbürgte Historie der Stadt selbst

von Luis Gruhler  30.08.2026

Porträt der Woche

»Ich brauche absolute Ruhe«

Zvi Dori ist Geigenbauer in Hannover und seit dem 7. Oktober vorsichtiger geworden

von Alicia Rust  30.08.2026

Berlin

Jüdischer Garten ausgezeichnet

Laut Jury »zeugt der Garten neben seiner Niederschwelligkeit und atmosphärischen Dichte, von großer Poesie und Klarheit«

 28.08.2026

Ehrenamt

Zeit für andere

Vereine, Institutionen und auch Gemeinden bauen auf sie: Menschen, die sich freiwillig für jüdisches Leben engagieren. Zwei Projekte werden nun ausgezeichnet

von Katrin Richter  27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026