Porträt der Woche

Auf den Pelz gerückt

»Ich war 26 Jahre alt, als mein Vater krank wurde und ich das Geschäft übernahm«: Anita Schwarz Foto: Judith König

Porträt der Woche

Auf den Pelz gerückt

Anita Schwarz betreibt ein Kürschner-Atelier in Frankfurt am Main

von Canan Topçu  11.03.2013 18:25 Uhr

Unsere Tage verlaufen im Sommer anders als im Winter. Aber unabhängig von der Jahreszeit beginnt der Tag gleich: Mein Mann und ich frühstücken zusammen mit unseren Kindern. Leroy, unser Sohn, ist zwölf Jahre alt, und Celina ist 15. Das gemeinsame Frühstück ist uns sehr wichtig. Am Tisch besprechen wir, was am Tag zu erledigen ist und wer was macht. Einer von uns bringt dann die Kinder zur Schule. Beide gehen auf die Jüdische Schule.

Um 9 Uhr sind wir im Geschäft. Früher war es im Dornbusch so, dass alle Läden über Mittag von 13 bis 15 Uhr und mittwochs am Nachtmittag geschlossen blieben. Wir haben diese Öffnungszeiten beibehalten, so kann ich die Kinder in dieser Zeit sehen. Als sie noch klein waren, habe ich sie mittags aus der Schule geholt, wir haben gemeinsam zu Mittag gegessen, und um 15 Uhr bin ich wieder ins Geschäft gegangen. Inzwischen fahren die Kinder mit der U-Bahn zurück.

ungarn Wir wohnen fußläufig entfernt von unserem Geschäft, das ist praktisch. Die Kinder schauen immer mal vorbei, und ich kann Termine außerhalb der Öffnungszeiten vereinbaren, denn ich bin ja schnell im Laden. Es ist ein Pelzgeschäft. Mein Vater hat sich 1971 damit selbstständig gemacht. Als er 1990 krank wurde, habe ich es übernommen. Ich war damals 26 Jahre alt.

Mein Vater ist 1993 gestorben. Meine Mutter lebt noch, sie ist 80 Jahre alt. Meine Eltern kommen aus Ungarn. Meine Mutter war in Auschwitz. Kennengelernt haben sie sich in Budapest, dort haben sie auch geheiratet. Eigentlich wollte mein Vater Drucker werden; als Jude durfte er das aber nicht, deswegen hat er Kürschner gelernt und nach dem Krieg für die ungarische Außenhandelsgesellschaft gearbeitet. Im Auftrag der Firma kamen meine Eltern Anfang der 50er-Jahre nach Frankfurt. Das war eigentlich nicht auf Dauer angelegt, doch nach dem Ungarnaufstand 1956 entschlossen sie sich, hier zu bleiben.

Über ihre Kindheit und die Zeit in Auschwitz hat meine Mutter ein Buch geschrieben; es heißt Ein Mädchen allein auf der Flucht. Mutter wird immer wieder zu Lesungen eingeladen. Meine Schwester oder ich begleiten sie. Das ist eine Aufgabe von uns. Meine Schwester engagiert sich viel mehr, weil ich nicht so viel Zeit habe wegen des Geschäfts. Manchmal begleiten auch die Kinder sie. Als meine Mutter anfing, das Buch zu schreiben, begann unser Leben sich zu verändern. Die Vergangenheit holte unsere Familie ein. Die Schoa beschäftigt mich jetzt viel mehr, es zieht mich immer wieder runter.

Kindheit Ich wurde 1964 in Frankfurt geboren. Ich ging in den Jüdischen Kindergarten, danach kam ich in die Lichtigfeld-Schule und blieb da bis zur vierten Klasse. Aus dieser Zeit habe ich noch Freunde. Ab der fünften Klasse bin ich auf die Wöhlerschule gegangen und habe das Abitur gemacht. Eigentlich wollte ich danach ins Ausland gehen, doch daraus ist nichts geworden, weil mein Vater sehr krank wurde.

Meine Schwester – sie ist zwölf Jahre älter als ich – lebte damals mit ihrem Mann und den Kindern in Belgien. Ich fühlte mich verantwortlich für meine Eltern, wollte sie nicht allein lassen. Ich machte eine Kürschnerlehre und wollte eigentlich danach studieren. Doch durch die Krankheit meines Vaters hat sich alles anders entwickelt. Ich habe meine Meisterprüfung gemacht und bin ins Geschäft meines Vaters eingestiegen, auch weil es mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Meinen Mann habe ich während der Ausbildung kennengelernt. Er ist auch Kürschner. Wir sind schon ewig zusammen, geheiratet haben wir 1995. Er ist kein Jude, aber unsere Kinder erziehen wir jüdisch. Unser Sohn hat in diesem Jahr seine Barmizwa.

Ich bin immer sehr selbstbewusst damit umgegangen, dass ich Jüdin bin. Vielleicht hatte das auch etwas damit zu tun, dass ich nicht mit negativen Reaktionen konfrontiert werden wollte, wenn andere es zufällig und nicht von mir erfahren hätten. Ich wollte mitbekommen, wie die Menschen darauf reagieren.

Cousinen Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich ungarische Staatsbürgerin, erst danach habe ich den deutschen Pass bekommen. Zu Hause haben wir immer Ungarisch gesprochen, und das tue ich bis heute mit meiner Mutter. Wir haben von jeher einen Bezug zu Ungarn gehabt, dort leben auch noch Verwandte. Ab und zu reise ich hin, um Cousinen zu besuchen.

Als Kind und Heranwachsende habe ich sehr viel mitbekommen vom Arbeitsleben meiner Eltern. Sie haben die meiste Zeit im Geschäft zugebracht, oft nächtelang gearbeitet. Heute ist das anders. Ich bin zwar viel im Geschäft, aber häufig auch draußen. Ich reise zu Messen und gelegentlich auch zu Modenschauen. Wir arbeiten nach Maß und nach den Wünschen der Kunden. Es gibt nicht mehr viele, die diesen Beruf ausüben. Manche Kunden kommen sogar aus dem Ausland.

Unser Geschäft ist klein, und das Atelier liegt direkt daneben. Dadurch ist es sehr persönlich bei uns. Inzwischen kommen die Töchter und Enkelinnen der Kunden meines Vaters. Viele kenne ich schon lange, bekomme Geschichten erzählt, und es entstehen persönliche Beziehungen – das ist sehr schön. Manchmal kommt eine Kundin mit einem Mantel, den mein Vater für ihre Großmutter angefertigt hatte, und bittet mich, ihn zu ändern. Einen Pelz kann man ja rupfen, scheren, färben, leichter machen oder ihn zu einer schicken Jacke umarbeiten. Mein Beruf hat viel mit Kreativität zu tun. Für meinen Vater war das, was er gemacht hat, nie nur Arbeit, sondern immer auch sein Hobby. Und mir geht es genauso.

In den Sommermonaten entwickele ich neue Modelle für die nächste Saison, kümmere mich um die Umarbeitung und Pelzaufbewahrung. Zum Winter hin arbeite ich auch abends, weil ich tagsüber mit Kunden beschäftigt bin. Im Sommer schließe ich das Geschäft um 18 Uhr. Die Abende verbringe ich dann mit meiner Familie. Ich bin im Elternbeirat aktiv, und weil ich dem Geschäftsring Dornbusch vorstehe, fallen auch immer mal Termine an.

Aber regelmäßig habe ich eigentlich nur am Donnerstag etwas vor. Da bin ich abends von halb sechs bis halb sieben Uhr beim Yoga. Nach Möglichkeit verbringe ich die Abende mit meinen Kindern. Das ist mir sehr wichtig. Solange sie noch zu Hause sind, will ich für sie da sein und etwas von ihnen haben! Ich schaue nach ihren Hausaufgaben, wir sitzen zusammen im Wohnzimmer, spielen Gesellschaftsspiele oder schauen uns etwas im Fernsehen an. Oft ist auch meine Mutter dabei. Sie wohnt ein Haus weiter und kocht häufig für uns.

freizeit Früher, als die Kinder noch nicht da waren, haben wir viel unternommen. Aber jetzt verbringen mein Mann und ich die Freizeit mit den Kindern. Wir fahren aber immer mal für ein verlängertes Wochenende weg; so waren wir im Herbst im Schwarzwald wandern. Mit meinen Eltern konnten wir nie in den Ski-Urlaub fahren, weil die Winterzeit für sie die Hauptarbeitszeit war. Das machen mein Mann und ich anders. Wir machen auch mal einen Ski-Urlaub mit unseren Kindern. Wir planen aber nicht im Voraus, sondern sehr kurzfristig und spontan. An Wochenenden gehen wir mal ins Theater oder auch zu Lesungen. Wenn möglich, mit den Kindern. Samstagabend ist meistens irgendetwas los: ein Fest oder eine Feier. Ich habe einen großen Freundeskreis.

Wir machen an den Wochenenden hin und wieder auch mal eine Städtereise, nach Paris oder nach Straßburg. Noch kommen die Kinder mit. Wenn ich nicht arbeite oder mit meinen Kindern bin, dann lese ich. Besonders mag ich Biografien, auch weil man dabei viel über andere Zeiten erfährt.

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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