Anoha

Anfassen und Klettern erwünscht

»Wir befinden uns gerade mitten in der Flut und werden gleich durch die Geschichte joggen«, kündigt Ane Kleine-Engel, Leiterin der Kinderwelt ANOHA des Jüdischen Museums Berlin, an. Die Erzählung der Arche Noah aus der Tora steht im Mittelpunkt der umgebauten Blumengroßmarkthalle, die am 27. Juni eröffnet – eine langersehnte Einweihung, die wegen Corona um mehr als ein Jahr verschoben werden musste.

Vor der offiziellen Eröffnung am gestrigen Mittwoch, zu der auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kam, führte Ane Kleine-Engel Journalisten schon einmal durch das Haus. Das Kindermuseum lädt Kinder im Kita- und Grundschulalter zum Entdecken, Ausprobieren und Spielen ein. ANOHA, verkürzt für Arche Noah, ist gegenüber dem Hauptgebäude neu erbaut worden und umfasst 2700 Quadratmeter.

SINTFLUT »Wir sind nun am Eingang bei der Sicherheitsschleuse«, sagt Kleine-Engel. Dort müssen die Taschen zum Durchleuchten aufs Band gelegt werden, zur Einstimmung läuft ein Film mit Röntgenbildern von Seepferdchen, Fischen und Schildkröten – und als Besucher wird man spätestens in diesem Moment sehr neugierig.

Mit raschem Schritt schreitet Ane Kleine-Engel voran, denn sie hat ein enges Zeitfenster, da sie in diesen Tagen vielen Gästen das Haus zeigen wird. »Wenn die Tickets kontrolliert sind, dann geht man über diese Linie und befindet sich in der Sintflut.«

An den Wänden werden Bilder von strömendem Regen und Wasserwellen projiziert, hinzu kommen noch Blitz und Donner. Kinder können auf Wackelinseln springen, die sich dann anhören, als würden sie in einer Pfütze landen. Buchstaben wird es nicht geben, stattdessen sogenannte Vermittler, an die sich die Kinder mit Fragen oder Anregungen wenden können.

»Unser Haus richtet sich an Kinder von drei Jahren aufwärts, da brauchen wir keine Schilder.« Die Vermittler können auf Wunsch die Geschichte erzählen, haben aber auch den Auftrag, die Kids zu ermuntern, selbst aktiv zu werden.

STATIONEN Der Regen wird nun immer stärker, überall, wo man steht, kann man das Gefühl bekommen, mitten im Wasser zu sein. »Wir Menschen können aber nicht lange im Wasser überleben, wir müssen nun aktiv werden.« Da bietet sich die Station an, bei der man selbst ein Schiff bauen und es anschließend schwimmen lassen kann. Kleine-Engel nimmt ein selbst gebautes, aus Holz und einer CD, in die Hand und lässt es im Sintflutsimulator schwimmen. Ob es zum Berg Ararat gelangt? »Wenn wir ein Schiff selbst bauen, müssen wir nicht ertrinken. Somit werden wir aktiv und finden eine eigene Lösung.«

Die Arche im Museum ist so groß, dass man gar nicht weiß, wo sie anfängt. Umrandet wird sie von den Tieren, die gerettet werden wollen. Übrigens: Anfassen und Klettern sind erwünscht. »Wir laden Kinder ein, die Geschichte in ihre eigene Lebenswelt zu übersetzen und weiterzuentwickeln. Sie sind die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller und gestalten aktiv mit«, sagt Ane Kleine-Engel.

Mit Geschichten von Schöpfung, Sintflut und Neuanfang sollen die Gäste zum Nachdenken über ein respektvolles Miteinander von Mensch, Tier und Natur angeregt werden.

Der Eisbär hängt in der Seilbahn und braucht dringend Hilfe – hier sind die Kinder gefragt.

Doch wer darf mit? Natürlich viele Tiere. Und diese 150 Tiere haben es in sich, denn 15 Künstler waren am Werk und haben fantasievolle Wesen aus Fundstücken, gebrauchten Alltagsgegenständen und recycelten Materialien gestaltet. Die Eselin wurde beispielsweise aus einem Fußball, einem Papierkorb, Stöckelschuhen, einem Vogelhaus, Schreibmaschinentasten, einem Teppich und einem Besen gebaut. »Auch Erwachsene stehen manchmal vor ihnen und staunen.« Ane Kleine-Engel hofft, dass sich die derzeitigen Besucher in 20 Jahren noch an sie erinnern werden.

GIRAFFENRUTSCHE »Wir sind nun beim Boarding vor der Arche.« Doch wie kommt man auf die Arche? Wer will, kann über die Giraffenrutsche einsteigen – oder durch ein Loch. Der Eisbär allerdings hängt in der Seilbahn und braucht dringend Hilfe, die die Kinder zusammen beim Schieben leisten können. Die Eselin kann in ihren Körben andere mitnehmen. Aber wen will sie einpacken? Beispielsweise ihre Lieblingstiere? Oder darf auch die Zecke mit? Wer darf bestimmen?

»Wenn wir den Bären retten, fallen uns Fragen zu Natur- und Umweltschutz ein. Wenn wir darüber diskutieren, ob nur die Lieblingstiere mit auf die Arche dürfen, sprechen wir über Ausgrenzung und Diskriminierung«, so Ane Kleine-Engel.

An dieser Stelle werden mehrere Vermittler da sein, um die Kinder zum Nachdenken über Gott und die Welt, über das Zusammenleben und den Artenschutz und Klimawandel anzuregen. »Wie wollen wir gemeinsam auf dieser Erde leben? Wie kann ein respektvolles Miteinander von Mensch, Tier und Natur gelingen?«

ANOHA will Kinder ermutigen, eigene Visionen zu entwickeln – inspiriert vom jüdischen Konzept des Tikkun Olam, das jeden Einzelnen auffordert, die Welt ein Stück besser zu machen.

TORA »Jetzt sind alle an Bord, aber die Tora verrät uns nicht, was auf der Arche passiert.« Ein Jahr wird die Fahrt dauern. Die Mitglieder des Kinderbeirates, der sich jedes Jahr neu formiert, wollten, dass es auf dem Schiff eine Küche gibt, Plätze zum Schlafen und eine Schule.

Ane Kleine-Engel geht ein paar Schritte weiter zum Herzstück der Kinderwelt, eine sieben Meter hohe Holzkonstruktion mit einem Durchmesser von 28 Metern, die vom amerikanischen Büro Olson Kundig Architecture and Design entworfen wurde. Der ringförmige Bau ist von der über 4000 Jahre alten mesopotamischen Geschichte der Arche inspiriert und mutet gleichzeitig wie ein Raumschiff an. »So verbindet er Vergangenes und Zukünftiges und regt dazu an, darüber nachzudenken, wie das Leben in der Zukunft aussehen könnte«, sagt die Museumsleiterin.

»Das ist der Raum, in dem diskutiert und verhandelt wird, wie wir die Welt gestalten wollen und eigene Regeln aufstellen.« Einmal durchgegangen, sieht man endlich die ersten Felsen, die aus dem Wasser ragen. »An diesem Punkt sind wir auf einem guten Weg und haben es in der Hand, unsere Zukunft vernünftig zu gestalten.«

REGENBOGEN Für das Kindermuseum sei Nachhaltigkeit sehr wichtig. Gerade Biodiversität spiele bei der Arche Noah eine Rolle. Vor allem Holz sei beim Kindermuseum verwendet worden, ebenso heimische und nachhaltige Rohstoffe. Auf eine Klimaanlage wurde verzichtet. 170 Besucher können zu normalen Zeiten ins Museum. Derzeit herrschen aber noch Corona-Bedingungen.

Am Ende gibt es doch noch ein paar Buchstaben: Denn Kinder beantworten an einem Regenbogen mehrere Fragen, was man verbessern kann, wovon es zu viel oder zu wenig gibt auf der Welt. Und auf die Tafel, die die Eselin transportiert, hat jemand mit Kreide geschrieben: »Herzlich willkommen in Anoha«.

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