Kino

Am Scheideweg der Erinnerungskultur

Journalist, Comic-Experte und ehemaliger Pressereferent der IKG: Michael Schleicher Foto: Sharon Bruck für IKG-Kulturzentrum

Kino

Am Scheideweg der Erinnerungskultur

Der Comic-Experte Michael Schleicher stellte in München den Animationsfilm »Das kostbarste aller Güter« vor

von Nora Niemann  02.04.2025 09:32 Uhr

Geschichten der Judenverfolgung können erzählt werden als Gewaltexzess, als historische Analyse, Erlebnisbericht, Liebesbeweis, als Horror oder Heldenstück. Anfang März kam das Format Märchen hinzu, in Form des Films Das kostbarste aller Güter, dem der gleichnamige Roman von Jean-Claude Grumberg zugrunde liegt. Im Rahmen der 16. Jüdischen Filmtage fand die Münchner Premiere im City Kino statt.
Es geht bei dieser Geschichte, die so ähnlich mehrfach auch in der Wirklichkeit geschah, darum, dass ein Mann im Winter 1943 sein Neugeborenes aus dem Deportationszug nach Auschwitz in den Schnee hinauswirft.

Das Unwahrscheinliche geschieht. Die Frau eines polnischen Holzfällers nimmt sich des kleinen Mädchens an. Erst will ihr Mann, der nur von den »Herzlosen« spricht, die ihr Schicksal verdienen, nichts von dem Kind wissen. Schließlich opfert er sogar sein Leben, um es zu retten. Die Frau des Holzfällers aber überlebt und mit ihr das Kind, das 20 Jahre später zu einer schönen jungen Frau herangewachsen ist. Märchen haben meist ein Happy End, doch dieses hat eine bittere Note. Der Vater, der das Lager überlebt, hat sein Kind kurz nach seiner Befreiung wiedergesehen, doch nicht gewagt, sich in seinem ausgemergelten Zustand zu erkennen zu geben.

Das alles wird im Format eines Animationsfilms erzählt.

Das alles wird von Michel Hazanavicius, einem Regisseur mit polnisch-litauischem Hintergrund, der 2012 für seinen Film The Artist den Oscar erhielt, im Format eines Animationsfilms erzählt. Der Sohn von Holocaust-Überlebenden konnte nicht nach München kommen, schickte dafür eine Grußbotschaft. Wie sehr Hazanavicius mit diesem Filmformat in einer langen Tradition jüdischer Zeichner von Comics und Graphic Novels steht, machte der Comic-Experte Michael Schleicher in seiner kenntnisreichen Einführung zur Münchner Premiere deutlich.

Schleicher, Leiter der Kultur- und Medienredaktion von »Münchner Merkur« und »tz«, war in der heißen Phase der Entstehung des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz Pressereferent der Israelitischen Kultusgemeinde. Er kennt sich also nicht nur im Comic-Genre aus, sondern auch in jüdischen Lebenswelten.

Wie er erläuterte, seien Comic und Film genuine Kunstformen des 20. Jahrhunderts: »Ihr Entstehen setzte technische Revolutionen voraus. Beim Kino war es die Erfindung der Kamera und Projektionstechnik, beim Comic vor allem die erfolgreiche Entwicklung des Massenmediums Zeitung.« Eine der bekanntesten Comicfiguren war Superman, erdacht von Joe Shuster und Jerry Siegel, Söhnen jüdischer Emigranten aus Europa.

Schleicher erinnerte auch an das Holocaust-Comic Maus, für das Art Spiegelman 1992 den renommierten Pulitzerpreis bekam. Der Journalist wies zudem darauf hin, dass es inzwischen schon mehr als 400 Graphic Novels zur Schoa gebe.

Am Scheidepunkt der Erinnerungskultur – ohne Zeitzeugen – ende die Ära des Dokumentarfilms, wie etwa Claude Lanzmann sie prägte. Nun müsse man sich mit Fiktion behelfen, wenn man von dem Menschheitsverbrechen erzählen wolle. »Comics und Animationsfilme«, so Schleicher, »erlauben durch ihre Nicht-Realität, ihre Stilisierung, eine richtige und wichtige Distanz zum Thema.«

Der Film läuft im City-Kino, Sonnenstraße 12, München.

Jüdischer Wahlkämpfer

»Wer nicht kämpft, hat schon verloren«

David Rosenberg über den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, die Niederlage seiner Partei und warum er sich gerade als junger Jude weiter politisch engagieren will

von Mascha Malburg  27.03.2026

Kommentar

Lieber Meron Mendel, das ist keine Politik mit Kettensäge. Das nennt man Demokratie!

Öffentliche Mittel sind an Wirkung gebunden. Maßnahmen müssen überprüfbare Ergebnisse erzielen. Bleibt diese Wirkung aus, endet ihre Legitimation

von Stefan Hensel  27.03.2026

Beziehung

Von Menschen und Wölfen

Laura Goldfarb ist vieles: Therapeutin, Schauspielerin – und Autorin. Mit ihrem Mann hat sie einen Paar-Ratgeber geschrieben, der anders ist als andere. Zu Besuch im Prenzlauer Berg

von Bettina Piper  26.03.2026

Rede

Zentralrat der Juden verteidigt Karin Prien

In Erfurt sprach Josef Schuster über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an die Familienministerin ein

 25.03.2026

Programm

Ferienprogramm, Retrospektive und ein Rache-Musical: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April

 25.03.2026

Turnier

Fliegende Kippot

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Pascal Beck  24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Rothenburg

Unter dem Pflaster

Als im vergangenen Sommer bei Grabungsarbeiten die Fundamente einer Synagoge entdeckt wurden, war das eine Sensation. Messungen zeigen nun: Sie war eine der großen

von Marc Peschke  23.03.2026

Kulturprogramm

Von Spezialitäten und Zumutungen

Der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman las im Jüdischen Gemeindezentrum aus seinem jüngsten Buch

von Nora Niemann  23.03.2026