Spaziergänge

Als Henriette und Fanny noch jung waren

Spaziergänge

Als Henriette und Fanny noch jung waren

Ein neues Buch führt den Leser entlang der Spuren berühmter jüdischer Berlinerinnen und Berliner

von Christine Schmitt  14.11.2022 12:43 Uhr

Dieses Buch zu lesen, bringt einfach Spaß. Angesprochen fühlen sollen sich alle »junge und jung gebliebenen Menschen«, so der Autor. Und das ist Ronen Altman Kaydar in Berliner Rebell*innen geglückt.

In acht Stadtspaziergängen werden Juden wie Fanny Mendelssohn, Henriette Herz, Adolf Jandorf und Martha Jacob begleitet. Und zwar werden sie vorgestellt, als sie selbst jung waren. Auf den Stadtspaziergängen kann man ihre Stationen verfolgen. Allen gemeinsam ist, dass sie Werke veröffentlichten oder Unternehmen gründeten, als sie noch Teenager oder nur wenig älter waren. Auch sprachlich sind die 103 Seiten sehr einladend. Übrigens folgen in der zweiten Hälfte die Texte auf Hebräisch – also auch für Israelis ein Gewinn.

überraschung Dass Fanny Mendelssohn bereits als Kind komponierte, diese Werke aber unter dem Namen ihres Bruders Felix veröffentlicht wurden, dürfte für die meisten Leser keine Überraschung sein. Wohl aber, wie sehr sie Angst vor einer Heirat hatte, denn der Ehemann hätte ihr verbieten können, weiter zu komponieren. Was aber nicht geschah.

Eher unbekannt dürfte die Biografie von Martha Jacob sein, die als Sportlerin sehr ehrgeizig war und deshalb den jüdischen Sportverein verließ, um sich weiterentwickeln zu können. Mit 18 Jahren wurde sie deutsche Meisterin im Speerwurf und nahm 1928 an den Olympischen Spielen in Amsterdam teil.

Eine Entdeckung ist auch Adolf Jandorf, der »unverschämt forsche« Geschäftsmann aus Hamburg, der ein erfolgreiches Unternehmen für den Verkauf von Textilartikeln aufbaute und mit einem bestickten Kissen einen Verkaufsschlager erfand. Für alle Jugendlichen: »Nur ein Viertelstündchen« stand darauf gestickt, also 15 Minuten länger chillen. 1907 gründete er als 37-Jähriger das Kaufhaus des Westens, das wenige Jahre später an Oskar Tietz verkauft wurde.

literatursalon Henriette Herz war 16 Jahre alt, als sie ihren ersten Literatursalon in Berlin gründete. Da war sie bereits zwei Jahre verheiratet. Sie hatte sich immer gewünscht, in einer Gruppe von jungen, gemeinsam lernenden Menschen, die sich angeregt miteinander unterhielten, inspiriert zu werden. Doch die Schulen standen ihr nicht offen.

Als sie mit 16 Jahren in ihrem Wohnzimmer einige Damen einlud, mit ihnen Tee trank und sich über ein Buchgeschenk freute, war das die Geburtsstunde ihres Salons. Es war ein Lyrikband von Goethe, dessen Gedichte sie gleich vorlas. Sie war die erste Jüdin in Berlin, die in ihrem Haus einen literarischen Salon eröffnete.

Ein fiktiver Personalausweis, der übrigens jedem Protagonisten vorangestellt wird, führt ihre Adresse und den Ort ihrer Grabstätte auf. Ebenso ihre Besonderheiten und was sie sonst auszeichnet. Bei Henriette Herz war es, dass sie acht Sprachen beherrschte. Als letzte Rubrik werden – wie bei allen anderen – Spuren, Plätze, Straßen und Alleen, die nach ihr benannt sind, aufgezählt. Grafisch ist das sehr anschaulich mit ihrem Konterfei aufbereitet. Dazu kommen Fotos von Herz und ihrem Ehrengrab.

geburtshaus Der Stadtspaziergang führt von Friedländers Jüdischer Schule, wo heute das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn steht, über den Henriette-Herz-Platz zu dem Platz ihres Geburtshauses bis hin zur Wohnung im Nikolaiviertel, wo sie ihren Salon führte.

Also: das Buch in die Hand nehmen, lesen, dann die Schuhe anziehen und die Stadt aus einer anderen Perspektive entdecken.

Ronen Altman Kaydar: »Berliner Rebell*innen. Wie junge Jüdinnen & Juden die Geschichte Berlins prägten«. Ariella, Berlin 2022, 206 S., 16 €

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026

Würdigung

Bayerischer Walk of Fame

Zwei Lebensgeschichten, ein gemeinsames Zeichen: Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern werden für ihr Engagement geehrt

von Luis Gruhler  23.10.2026

München

Auf eine Maß mit Lion Feuchtwanger

Ein neu gegründeter Stammtisch erinnert an ein Stück vergessener jüdisch-bayrischer Tradition. Ein Ortstermin

von Leon Stork  22.10.2026

Mode

Sieben Jahre Prada

Diane Bouccara erlebte als Managerin die Welt der Haute Couture bis zur Selbstaufgabe – ehe sie durch ihre Teschuwa zum orthodoxen Judentum fand

von Alicia Rust  22.10.2026

Fotografie

Nordisch by Nature

Der Fotograf Kay Michalak hat für sein neues Buch Jüdinnen und Juden aus norddeutschen Gemeinden porträtiert. Es sind Momente der Begegnung, die die Vielstimmigkeit des jüdischen Lebens zeigen

 21.10.2026

Frankfurt

Auf dem Schuk

Der neue Laden will mehr sein als ein koscherer Supermarkt: ein Ort zum Einkaufen, Plaudern und Ankommen – für die jüdische Gemeinde und das ganze Viertel

von Mascha Malburg  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Engagement

Einsatz für jüdisches Leben und Verständigung: Grigory Rabinovich mit Verdienstorden der Bundesrepublik geehrt

 21.10.2026

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 22.10.2026 Aktualisiert