Familiengeschichte

Alles über meinen Vater

Früher dachte Anja Schindler, sie sei ganz die Tochter ihres Vaters. Aber je älter sie werde, sagt die zierliche Frau, umso mehr Ähnlichkeit stelle sie auch zu ihrer Mutter fest. »Alles, was deutsch an mir ist, habe ich von meiner Mutter, alles Jüdische von meinem Vater«, sagt die 70-Jährige. Vor allem den Familiensinn, den Humor und einen Hang zur Sentimentalität.

»Dass meine Mutter auf viele Menschen so sachlich und kühl wirkte, hängt einfach mit ihrer Geschichte zusammen«, wirft Anja Schindler fast entschuldigend ein. Als die Großeltern, deutsche Kommunisten, die sich nach Hitlers Machtantritt in die Sowjetunion gerettet hatten, 1937 unter Stalin verhaftet wurden, war die Mutter 16 Jahre alt.

Kontakte »Meine Großmutter und mein Onkel wurden sofort erschossen; meine Mutter hat sich seitdem allein durchschlagen müssen«, sagt Anja Schindler. Das habe sie wohl dazu gebracht, Menschen »mit Abstand« zu betrachten – während sie ihren Vater als sehr offen beschreibt, als jemanden, der schnell Kontakte knüpfte und »alle Welt kannte«. Trotz seines Schicksals.

»Wenn die beiden zusammen auf die Straße traten, ging es weder vor noch zurück; ständig blieben sie stehen, weil mein Vater hier Leute begrüßte, dort Hände schüttelte«, erinnert sich Anja Schindler an ihre frühe Jugend in Ost-Berlin. Meir und Ursula Schwartz waren ein ungleiches Paar. Doch ihre Schicksale haben sie wohl zusammengebracht, sagt die Tochter. Über beider Lebensgeschichten hat sie Bücher geschrieben.

FLUCHT Meir Schwartz und seine künftige Frau lernten sich 1947 in Karaganda kennen, dem kasachischen Verbannungsort, wo 1949 Anja Schindler und zwei Jahre später ihr Bruder geboren wurden.

Zuvor hatte Meir »Mischa« Schwartz bereits sieben Jahre in der Sowjetunion gelebt. Diese Jahre bezeichnet Anja Schindler als »zweites Leben« ihres Vaters. Das dritte, in Ost-Berlin, der Heimatstadt seiner Frau, stand ihm zu diesem Zeitpunkt noch bevor. Es sollte 1956 beginnen. Drei Jahre nach Stalins Tod konnte die Familie die Sowjetunion in Richtung DDR verlassen. Da lag Meir Schwartz’ erstes Leben bereits unwiederbringlich hinter ihm.

Meir wurde 1915 in Botiza geboren, einem kleinen Dorf im Kreis Maramuresch im Norden Transsilvaniens, im Grenzgebiet zwischen Rumänien, Ungarn und der Ukraine. Seine Familie stammte ursprünglich aus der Bukowina und war sehr fromm.

Meir war das jüngste von fünf Geschwistern – nur zwei von ihnen überlebten die Schoa. Eine Schwester wurde samt Familie 1944 unter der faschistischen rumänischen Militärdiktatur nach Transnistrien deportiert und ermordet, die anderen Familienmitglieder sahen einander zum letzten Mal an der Rampe von Auschwitz.

Während Meir im Gulag schuftete, wurden seine Eltern nach Auschwitz deportiert.

Zu diesem Zeitpunkt schuftete Meir im Tausende Kilometer entfernten Workuta in einem von Stalins Straflagern, ohne das Schicksal seiner Angehörigen auch nur zu erahnen. Wegen völliger Entkräftung brachte man ihn 1943 in die Krankenstation und später zur Genesung nach Kasachstan. Als die Ärzte ihm dort im Frühjahr 1944 nur noch 60-prozentige Arbeitskraft bescheinigten und ihm daraufhin eine Rückkehr an den Polarkreis erspart blieb, begann er neue Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Familie zu schöpfen. Sein früheres Leben lag da schon weit hinter ihm.

HITLER-STALIN-PAKT Nach seiner Ausbildung zum Uhrmacher hatte es Meir 1934 nach Bukarest geschafft, wo er zunehmend mit dem Kommunismus sympathisierte. 1938 wurde er zum Wehrdienst in die Königliche Rumänische Armee eingezogen.

Am Ende seines Wehrdienstes 1940 hatte sich die Welt dramatisch verändert – seit dem 1. September 1939 herrschte Krieg in Europa. Mit dem Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt hatte sich die Sowjetunion die Rückgabe von Bessarabien gesichert, das nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien zugesprochen worden war. Juden, die nach der neuen Grenzziehung auf dem Gebiet der Sowjetunion lebten, wurden der »Kollaboration« bezichtigt – ein willkommener Mythos für die ein Jahr später einsetzende Vernichtungspolitik der rumänischen Faschisten gegenüber den Juden in ihrem Staatsgebiet.

Nachdem Deutschland Polen, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und schließlich im Juni 1940 Paris besetzt hatte, versuchten immer mehr rumänische Juden, das Land zu verlassen. Darunter Meir und seine Freunde. Ende August 1940 verabschiedete er sich in Botiza von seinen Eltern. Für die Reise zur 30 Kilometer entfernten ukrainischen Grenze hatten ihm Alter und Pesel Schwartz einen neuen Wintermantel geschenkt. Nur wenige Tage später griffen sowjetische Grenzsoldaten Meir auf und nahmen ihm den Mantel ab – samt aller Dokumente und Habseligkeiten.

VERHÖR Weil er mit seinem illegalen Grenzübertritt gegen sowjetisches Gesetz verstoßen hatte, steckte man ihn ins Gefängnis in Stanislaw – eine galizische Stadt, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt sowjetisch geworden war. Beim Verhör wurde der 25-Jährige gefragt, mit welchem Auftrag er in die Sowjetunion gekommen sei. Als Jude und Kommunist sei er vor den ungarischen und rumänischen Faschisten geflohen, erwiderte Meir.

Doch die Antwort versickerte im rechtsfreien stalinistischen Terrorapparat: Im April 1941 wurde Meir Schwartz von der »Sonderberatung des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten der UdSSR« zu drei Jahren »Besserungsarbeitslager« verurteilt – und wochenlang in überfüllten Güterwaggons gen Norden deportiert: in die autonome Sowjetrepublik Komi.

»Die Stärke, die ihm geholfen hat zu überleben, schöpfte er aus seiner Lebensfreude«, sagt Buchautorin Anja Schindler.

Trotz aller Widrigkeiten hat ihm das paradoxerweise das Leben gerettet, sagt Anja Schindler heute. So hat es auch ihr Vater immer gesehen: Er hatte Glück. Denn nur zwei Monate, nachdem Meir die Stadt Stanislaw in Richtung Gulag verlassen hatte, übernahmen die Deutschen dort die Kontrolle. Im Oktober 1941 wurde ein Drittel der jüdischen Bevölkerung, 12.000 Männer, Frauen und Kinder, von Wehrmachtssoldaten und ukrainischen Polizisten erschossen. Das Massaker, der sogenannte Blutsonntag, gilt als Beginn der »Endlösung«.

Von alldem erfuhr Meir lange Zeit nichts. »Er war ein Überlebenskünstler«, sagt seine Tochter. Besonders in Russland. Seine Sprachkenntnisse – er sprach neben Jiddisch Rumänisch, Ungarisch, Russisch und Deutsch – kamen ihm ebenso zugute wie sein unbedingter Lebenswille und seine große Lebensfreude. »Seine Stärke, die ihm geholfen hat zu überleben, schöpfte er aus dieser Lebensfreude«, sagt Anja Schindler.

»Jedem noch so unangenehmen oder schrecklichen Ereignis konnte er einen Funken Hoffnung oder ein noch so kleines Lachen abgewinnen. Ob er mir über seine Jahre in Rumänien oder über seine Lagerzeit erzählte – immer waren Weinen und Lachen beieinander«, schreibt Anja Schindler in ihrem Buch.

BRIEF 1949, nach neun Jahren, erreichte Meir ein lang ersehntes Lebenszeichen – ein Brief seines Bruders Benno. Erst auf wiederholte Nachfragen fand dieser den Mut, seinem Bruder vom Schicksal der Eltern zu berichten. Benno hatte Auschwitz und Zwangsarbeit überlebt und Aufnahme im DP-Lager Feldafing in Oberbayern gefunden, aber beschlossen, Europa zu verlassen.

Meir Schwartz war 41 Jahre alt, als sein drittes Leben begann. Und er umarmte es von ganzem Herzen.

Er fuhr zunächst nach Botiza – wo er auf seine Schwester Emma stieß, die wie er wie durch ein Wunder Auschwitz, Zwangsarbeit und Todesmärsche überlebt hatte und allein in das rumänische Heimatdorf zurückgekehrt war. Anfang der 50er-Jahre wanderten beide nach Israel aus.

Meir musste noch weitere sechs Jahre warten, bis er die Sowjetunion endlich verlassen durfte. Zwar hatte die rumänische Botschaft ihm und den Kindern zuvor bereits sämtliche Dokumente ausgestellt – doch seine Frau war nicht willkommen.

Zudem zerschlug sich nach Kriegsende schnell die Hoffnung, Willkür und Terror hätten ein Ende. Während in Rumänien Benno und Emma ihre Ausreise nach Israel vorbereiteten, wurde Europa von einer Welle antisemitischer – von Stalin angeordneter – Schauprozesse überzogen: 1949 in Albanien, Ungarn und Bulgarien, 1952 in der Tschechoslowakei.

»›Es kann jederzeit wieder passieren‹, hat meine Mutter immer gesagt«, sagt Anja Schindler nachdenklich. Ganz im Sinne der russischen Redensart: »Wo ein Mensch ist, wird sich der Paragraf finden.«

1964 sah Meir seine Geschwister Benno und Emma in Haifa wieder – nach 24 Jahren.

Weil nach Stalins Tod 1953 das politische Tauwetter Karaganda verspätet erreichte, musste die Familie noch weitere drei Jahre warten, bis sie ausreisen durfte.

Die Zugreise aus der kasachischen Steppe nach Berlin dauerte sieben Tage. Trotz des Abschiedsschmerzes gewöhnten sich die Kinder schnell an das neue Zuhause. In dieser Zeit beschreibt Anja Schindler die Atmosphäre in der DDR als »sehr sowjetfreundlich«. »Wir wurden wie Exoten behandelt, und alle waren sehr nett zu uns.«

Allerdings hatte die Freundlichkeit einen Haken: »Das Land, von dem die Leute damals schwärmten, kannten wir nicht«, sagt Anja Schindler. Stalins Terror war tabu. Niemand sprach darüber, was die Familie erlitten hatte.

Meir Schwartz war 41 Jahre alt, als sein drittes Leben begann. Und er umarmte es von ganzem Herzen. »Bei allen Problemen, die er hatte, fing sein Leben da eigentlich erst an«, sagt Anja Schindler rückblickend. Die Probleme waren vor allem gesundheitlicher Natur.

Aufgrund seiner durch Zwangsarbeit angeschlagenen Gesundheit wurde er bereits Anfang der 60er-Jahre Frührentner – und durfte in den Westen reisen. Auf abenteuerliche Weise gelangte er 1964 mit der staatseignen DDR-Fluggesellschaft Interflug nach Zypern, von dort aus flog er weiter nach Israel – und sah nach mehr als 20 Jahren endlich seine Geschwister Benno und Emma wieder – samt deren Familien.

TRAUMA Neben dem emotionalen Wiedersehen war es vor allem das Land selbst, das Meir begeisterte und in das er seitdem immer wieder lange reiste. »Mein Vater war damals unglaublich glücklich«, beschreibt Anja Schindler seine Rückkehr. Juden mit Waffen! Das war für ihn, der antisemitische Schikanen in der rumänischen Armee erlebt hatte und mit Uniformen nur Grauen verband, der stärkste Eindruck.

Stalins Terror war tabu. Niemand sprach darüber, was die Familie erlitten hatte.

Der antiisraelischen DDR-Propaganda verweigerte sich Meir. »Wenn zum Beispiel Leute vor unserer Tür standen und Unterschriften gegen Israel sammelten, jagte er sie fort.« Das konnte er sich auch deshalb erlauben, weil sein auf der Flucht und in der Verbannung entwickelter Instinkt, sich von eventuellen Karrierechancen fernzuhalten, ihm letztlich eine gewisse innere Freiheit ermöglichte.

Judentum als Religionszugehörigkeit zu definieren, hielt Meir für »groben Unfug« – er sah keinen Widerspruch darin, Jude und Kommunist zu sein. Auch hatten die offizielle antiisraelische Propaganda und die Ignoranz gegenüber dem Verfolgungsschicksal der Juden ihren Anteil daran, dass das Judentum für Meir immer wichtiger wurde. Die Trauer über den Verlust der Eltern und die Zerstörung der Familie wurden zu einem »nie endenden Trauma«.

HEIMAT Die Schoa blieb zeitlebens das »Tabuthema« ihres Vaters, sagt Anja Schindler. Filme, Bücher, Gedenkstätten – Meir ging alldem bewusst aus dem Weg. Doch er half seiner Tochter, Erinnerungsseiten für die Gedenkstätte Yad Vashem auszufüllen.

Heimat, das blieb für ihn zeitlebens sein aus dem Elternhaus mitgebrachtes Sprachengemisch aus Jiddisch und Rumänisch.

Und Heimat, das blieb für ihn zeitlebens sein aus dem Elternhaus mitgebrachtes Sprachengemisch aus Jiddisch und Rumänisch. Letztlich habe ihr Vater seine ganz eigene Sprache gehabt, sagt sie. »Wie konnte sich das passieren?« zum Beispiel. »Mein Enkel und mein Sohn sagen das heute noch – in liebevoller Erinnerung an ihren Opa Mischa.«

Anja Schindler: »Die drei Leben des Meir Schwartz. Das Schicksal meines Vaters«. Hentrich & Hentrich, Berlin 2018, 180 S., 19,90 €

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