Abitur, und dann?

Alles neu im neuen Jahr

Zu Hause bleiben oder in die Ferne ziehen? Welches Fach an welcher Hochschule studieren? Die Abiturienten des Jahres 2019 stellen in diesen Wochen wichtige Weichen. Foto: Getty Images/ iStock

Das neue Jahr steht vor der Tür – und das erste Semester an der Uni ebenfalls: Für die Abiturienten 2019 beginnt in diesem Herbst in jeder Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt. Welche Pläne haben junge Juden aus Deutschland nach dem Ende ihrer Schulzeit? Wir haben uns umgehört.

 

Sophie SteiertFoto: privat

London »Ich werde direkt studieren«, sagt die 17-jährige Sophie Steiert. Sie ist die zweitjüngste Abiturientin des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn in Berlin, im Mai war sie gerade einmal 16 Jahre alt. Und sie hat einen Notendurchschnitt von 1,0 – damit stehen ihr alle Studiengänge offen. Mehrere Monate lang hat Sophie überlegt, in welchem Land sie welches Fach studieren möchte. Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen Politik und Wirtschaft, aber auch mit Mathematik und Wirtschaft als Nebenfach hatte sie im Sommer noch geliebäugelt.

Nun ist sie dabei, ihre Koffer zu packen: Sie wird nach London ziehen und sich dort als Studentin am King’s College mit Mathematik auseinandersetzen. »Ich freue mich so!«, sagt die 17-Jährige. Denn auf der Zielgeraden war dieses Fach ihr größter Wunsch. In London wird sie erst einmal im Studentenwohnheim unterkommen. Mit im Gepäck hat sie ihre eigene Kaffeemaschine, die über viele Funktionen wie Espresso und Milchaufschäumen verfügt.

Eine andere Option, über die Sophie zunächst auch nachgedacht hatte, fiel flach: Weil sie noch unter 18 Jahre alt ist, konnte sie nicht als Freiwillige ins Ausland gehen. Auch nicht nach Israel, obwohl sie sich als »super zionistisch« beschreibt: »Ich habe mehr Fern- als Heimweh.«

Ihr großes Ziel ist es, in die Politik zu gehen. Dabei denkt Sophie nicht an einen Abgeordnetensitz, sondern eher an eine Referententätigkeit, und zwar am liebsten bei der EU: »Ich bin überzeugte Europäerin.« Sie hofft, mit ihrer Arbeit viel zu bewirken. Schon jetzt engagiert sie sich bei Volt Europa, der pro-europäischen Bürgerbewegung mit Parteicharakter.

Sophie (17) beginnt ein Mathematikstudium in London. Im Gepäck: ihre Kaffeemaschine.

Klimaschutz findet sie wichtig, »weil der Klimawandel meine Generation betreffen wird«, und natürlich auch den Kampf gegen Antisemitismus. Ganz aktuell macht sie sich Sorgen wegen des Brexit: »Ich hoffe, dass er nicht stattfindet.«

Rosch Haschana wird Sophie zum ersten Mal ohne ihre Familie feiern, aber das bereitet ihr wenig Stress. »Das Tolle an London ist ja auch, dass es dort jüdische Communitys gibt«, sagt sie. Jede Uni habe ihre eigene Society: »Deshalb freue ich mich auch auf das jüdische Leben dort.«

 

Daniel Shvarts

Gelsenkirchen Ein Studienplatz in Wirtschaftsinformatik und -psychologie – das ist der Wunsch von Daniel Shvarts aus Gelsenkirchen. »Ich hoffe noch auf das Losverfahren«, sagt der 18-Jährige. Falls das nichts wird, kann Daniel ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Essen aufnehmen. An Wirtschaft interessiert ihn, wie man Handelszweige aufbaut, wie der Markt funktioniert und wie Firmen agieren. Den Sommer über hat Daniel bei einem IT-Unternehmen gearbeitet, was ihm nicht nur jede Menge Spaß machte, sondern auch Geld einbrachte.

Daniel (18) will  Wirtschaftsinformatik studieren. Rosch Haschana feiert er mit der Familie.

Danach war er mit dem Taglit-Programm in Israel. In der Pause zwischen Schule und Uni konnte er seine Freizeit genießen, er unternahm mehrere Städtetrips mit Freunden. Und Daniel ging seiner großen Leidenschaft für Musik nach: Der 18-Jährige entwickelt Songs, unterhält einen eigenen YouTube-Kanal und ist bei Spotify registriert.

Ob Daniel von zu Hause auszieht oder nicht, hängt ganz von seinem Studienort ab. Essen liegt nicht weit entfernt von Gelsenkirchen – in diesem Fall würde er sich keine eigene Wohnung suchen. An Rosch Haschana will Daniel mit seiner Familie in die Synagoge gehen und hofft, dass alle Familienmitglieder kommen: »Das würde mich freuen.«

 

Anat Gelbart

Berlin Ihre drei Geschwister studieren in Israel – doch Anat Gelbart reizt es nicht, ihre Heimatstadt Berlin zu verlassen. »Hier bin ich aufgewachsen, und hier möchte ich bleiben«, sagt die 17-Jährige. Höchstens ein Auslandssemester würde sie in Erwägung ziehen.
»Fast jeder fragt mich, was ich nun machen möchte«, sagt sie – für Abiturienten eine harte Zeit. Anat hat sich entschieden, Psychologie zu studieren, und sie hatte auch schon mehrere Zusagen von Hochschulen in der Tasche. Nachdem sie sich alle angesehen hatte, entschied sie sich für die nächstliegende – die Freie Universität in Berlin-Dahlem.

Außerdem hat Anat im Sommer diverse Fahrstunden genommen, ihren Führerschein aber noch nicht in der Tasche. Und sie war bei den European Maccabi Games in Ungarn und feuerte dort die Sportler an. Viele Jahre hat Anat regelmäßig Rhythmische Sportgymnastik trainiert, doch vor ein paar Jahren ist sie auf Inline-Skaterhockey umgestiegen. Jeden Sonntag organisiert ein Lehrer ihrer ehemaligen Schule, des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn, eine AG in der Turnhalle: »Somit bleibe ich der Schule noch verbunden.«

Und Anat hat die Sommermonate auch genutzt, um viel Zeit mit ihren Freunden zu verbringen, von denen nun etliche wegziehen. »Der Abschied gehört zum Leben dazu.« Aber sie werden sich alle wiedersehen, ist sich Anat sicher.

Nun besucht sie erst einmal ihre drei Geschwister in Israel, will aber selbst weiter bei ihren Eltern wohnen. Was sie an Rosch Haschana machen wird, weiß sie noch nicht: »Ich bin da spontan.« In den vergangenen Jahren ist sie oft mit der Familie im Ausland gewesen und hat dort die Feiertage in einer Chabad-Gemeinde verbracht.

 

Julia Freiberger

Perspektiven Julia Freiberger hat anstrengende Monate hinter sich, denn neben den Abivorbereitungen tanzte sie bis vor Kurzem auch im Friedrichstadtpalast in Berlin. Seit mehr als zehn Jahren trainierte sie dort viermal die Woche und stand regelmäßig auf der Bühne.

Doch im Sommer hat die 18-Jährige dort aufgehört. Die Entscheidung fiel ihr schwer. Sie sei dort »aufgewachsen« und habe viel Zeit mit den anderen Tänzerinnen verbracht, sagt Julia. Nun spielt sie mit dem Gedanken, wiedereinzusteigen und bei einer neuen Truppe mitzumachen.

Zwischendurch hat sie auch darüber nachgedacht, Schauspielerin zu werden, will jetzt aber doch lieber Volkswirtschaftslehre (VWL) studieren. Denn die 18-Jährige findet es wichtig, in Zukunft von ihrer Arbeit leben zu können. Einen Studienplatz in Berlin hat sie schon in der Tasche.

Ihre Idee: in Richtung »Politik und Business« zu gehen. In den vergangenen Monaten hat sie bei der Internationalen Funkausstellung (IFA) gejobbt und war als Madricha auf Machane in Ungarn, wo sie ihre eigenen Gruppen geleitet hat.

Außerdem schreibt sie derzeit an einem Fantasy-Roman, der im Frühjahr erscheinen soll. Erst einmal will sie zu Hause wohnen bleiben. Neujahr wird sie mit Freunden und ihrer Familie feiern. Julias Verwandte kommen aus der Ukraine zu Besuch, und ihre Schwester erwartet ein Kind: »Ich werde Tante, ist das nicht toll?«

Rebecca Vaneeva

Israel Rebecca Vaneevas neues Leben hat gerade angefangen. Die Hamburgerin ist mit dem Deutsch-Israelischen Freiwilligendienst der ZWST in Israel und arbeitet in einer Einrichtung, in der geistig und körperlich behinderte Menschen leben. Sie sind zwischen 22 und 84 Jahre alt, und manche von ihnen leben so sehr in einer eigenen Welt, dass Rebecca sich nicht immer sicher ist, ob sie alles um sich herum mitbekommen.

Rebecca (18) arbeitet mit Behinderten in Israel, um »hinter die Fassade« zu blicken.

»Da brauche ich Geduld«, sagt die 18-Jährige. Aber sie würde auch viel Dankbarkeit ernten, es sei eine tolle Erfahrung. »Ich wollte mal hinter die Fassade blicken«, sagt sie. Denn in Hamburg habe sie von behinderten Menschen nicht viel mitbekommen. Wenn sie wieder zurückkommt, möchte Rebecca Wirtschaftspsychologie studieren, möglichst in Hamburg oder Lüneburg.

Auch ein berufsbegleitendes Studium wäre nach ihrem Geschmack: »Dann hätte ich schon Erfahrung.« Zu Neujahr hat sie sich in Tel Mond in der Nähe von Netanja verabredet – mit Freunden, die sie von einem Schüleraustausch kennt.

Dialog zwischen den Religionen

»Christlich-Jüdische Zusammenarbeit 2026« in Köln eröffnet

Mit der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an den katholischen Judaisten Christian Rutishauser beginnt die einstige »Woche der Brüderlichkeit«

 08.03.2026

Ehrung

Holocaust-Überlebender Leon Weintraub erhält Göttinger Friedenspreis

Auszeichnung für einen Hundertjährigen und für das Schulnetzwerk »Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage«

 08.03.2026

Internationaler Frauentag

Sie machen die Gemeinden

Wie prägen Frauen die jüdische Community? Wir haben uns bei Vorsitzenden umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  08.03.2026

Porträt

Mit viel Gespür

Franklin Oberlaender ist Familientherapeut, liebt Bücher und das Genre »Film Noir«

von Alicia Rust  08.03.2026

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Debattieren, begegnen und einander stärken: Mehr als 400 junge Erwachsene setzten beim Jugendkongress ein Zeichen

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg, Moritz Piehler  05.03.2026

Berlin

Jüdisches Krankenhaus sucht weiter nach neuem Träger

Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin soll zunächst weiter in Eigenverwaltung saniert werden. Der Krankenhausbetrieb wird in dieser Zeit in vollem Umfang aufrechterhalten

 05.03.2026

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026