Hamburg

Alle unter einem Dach

Franziska von Maltzahn (l.) und Stefanie Szczupak vor dem Relief Joseph Carlebachs, 1921 Rektor der Talmud-Tora-Schule und später bis zu seinem Tod Oberrabbiner von Hamburg Foto: Heike Linde-Lembke

Es gibt Träume, die wahr werden. Der größte Wunsch der Jüdischen Gemeinde Hamburg, ein Joseph‐Carlebach‐Bildungshaus zu bauen, wird nun Realität. Das Projekt ist in Hamburg und wohl auch in ganz Deutschland einmalig. Am Hamburger Bildungshaus soll eine Lehr‐ und Lernkultur entstehen, die den individuellen Interessen und Voraussetzungen jedes einzelnen Kindes entspricht.

Für die Realisierung ist ein ausgeklügeltes System von Aus‐ und Umbauten, Umzügen und neuen Einrichtungen notwendig. Denn zuallererst gilt es, der stetig wachsenden Schülerzahl der jüdischen Schule in Hamburg ein Zuhause in einem einzigen Gebäude zu geben, und zwar an einem historischen Ort, in der Talmud‐Tora‐Schule. Der Name wurde für das denkmalgeschützte Haus zur Erinnerung an das blühende jüdische Leben im Grindelviertel vor der Schoa beibehalten.

»Die Hamburg überlässt uns das Uni‐Gebäude zu sehr großzügigen Konditionen«, ist Franziska von Maltzahn erleichtert.

Der ganz große Traum indes, ein Bildungshaus mit Synagoge auf dem Bornplatz, dort, wo bis zu ihrer Schändung am 9. November 1938 die legendäre Bornplatz‐Synagoge stand, muss vorerst weitergeträumt werden.

Bornplatz‐Synagoge »Die Stadt Hamburg überlässt uns das Uni‐Gebäude an der Binderstraße zu sehr großzügigen Konditionen«, sagt Franziska von Maltzahn, als Referentin der Jüdischen Gemeinde Hamburg für das Bildungshaus zuständig.

In das Haus an der Binderstraße sollen die Verwaltung und die Sozialabteilung der Gemeinde ziehen. Der Zugang wird vom Haus der Talmud‐Tora‐Schule eingerichtet, sodass es keinen weiteren Eingang geben muss. »Die Räume in der Binderstraße wurden auch von der Universität als Büro‐ und Besprechungsräume genutzt, sodass der Umbau gut zu meistern ist«, sagt Stefanie Szczupak vom Vorstand der Gemeinde.

Vorbild des Hamburger Bildungshauses ist das in Wien.

Talmud‐Tora‐Schule, Kindergarten mit Krippe und die gesamte Schule mit Mensa finden ab dem neuen Schuljahr, also ab August dieses Jahres, im gesamten historischen Haus der ehemaligen Talmud‐Tora‐Schule eine neue Heimat. Vorerst, denn mittelfristig wird das Gebäude an der Binderstraße, das seit mehr als 30 Jahren aus Containern besteht, einem Neubau weichen, in dem dann das eigentliche Joseph‐Carlebach‐Bildungshaus untergebracht werden soll.Dieser Neubau würde der Gemeinde die große Chance bieten, eine Einrichtung nach modernsten Erkenntnissen, wie etwa für die Begabtenförderung, zu errichten, ähnlich dem Wiener Bildungshaus, das sich Stefanie Szczupak und Franziska von Maltzahn zum Vorbild genommen haben und von dem sie hellauf begeistert sind.

Dort gebe es kleine Klassen, Ruhe‐ und Leseinseln und vor jedem Klassenzimmer einen Garderobenraum mit Schmutzschleuse. Für diesen Neubau hat die Gemeinde bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. »Wir wollen ein Bildungshaus ganz im Sinne und auf der Basis der Erkenntnisse von Rabbiner Joseph Carlebach errichten, der seiner Zeit stets voraus dachte«, sagt Stefanie Szczupak. Kinder und Jugendliche von der Krippe bis zum Abitur, jüdische und nichtjüdische Kinder, Kinder mit Handicap und mit besonderen Begabungen sollen gemeinsam unter einem Dach ein Zuhause finden und damit eine Stätte, die ihnen das Gefühl gibt, jederzeit in einer ihnen vertrauten Umgebung willkommen zu sein.

Das neue Bildungshaus soll auch als Stadtteilschule fungieren.

Umbauphase Bis das Bildungshaus eingeweiht werden kann, werden weiterhin die Container mit zwei Klassen und Fachräumen auf dem Schulhof zwischen der Talmud‐Tora‐Schule und dem Uni‐Haus Binderstraße von der Oberstufe genutzt, damit die älteren Jahrgänge während der Umbauphase eigene Räumlichkeiten erhalten. »Diese Container sind gut ausgestattet, mit Sanitäranlagen und allem, was dazugehört«, sagt Stefanie Szczupak.

Das neue Bildungshaus soll auch als Stadtteilschule fungieren, schließlich ist das Hamburger Stadtviertel Grindel vor der Schoa das jüdische Viertel gewesen – und ist es auch heute wieder, da die Synagoge an der Hohen Weide zu Fuß gut zu erreichen ist. 2020 wird die seit elf Jahren existierende jüdische Schule in Hamburg den ersten Jahrgang zum Abitur führen. »Bisher hatten wir eine dynamische Entwicklung der Schülerzahlen, 2020 haben wir den 13. Schuljahrgang erreicht«, sagt Stefanie Szczupak, und es klingt freudiger Stolz in ihrer Stimme, weil dann alle Schüler und Kita‐Kinder unter einem Dach unterrichtet werden können. Einziges Manko: Die unteren Klassen haben ihre Turnhalle in der Talmud‐Tora‐Schule, die Oberstufen müssen eine andere Turnhalle nutzen, die circa 15 Gehminuten entfernt liegt.

Wartelisten »Mit dem Neubau können wir auch mehr Schülerinnen und Schüler aufnehmen, denn unsere Schule hat einen derart guten Ruf, dass wir Wartelisten führen«, sagt Stefanie Szczupak. Auch eine Zweizügigkeit der Schule wäre im neuen Bildungshaus umsetzbar. »Wir wollen kleine Klassen mit maximal 18 Schülern als Lerngruppe bieten«, ergänzt Franziska von Maltzahn. Die Schüler kommen aus ganz Hamburg, zudemaus den umliegenden Gemeinden der Kreise Pinneberg, Segeberg und Stormarn. Nichtjüdische Schüler werden ebenfalls gern aufgenommen.

Und der Traum von einem Gesamtensemble mit Gemeindezentrum, Synagoge und Bildungshaus? Wird weiter geträumt!

»Wir haben auch Schüler, deren Eltern aus Israel, den USA oder anderen Ländern nach Hamburg kommen, um in Deutschland zu arbeiten, und sie wählen Hamburg, weil es hier für ihre Kinder eine gute jüdische Schule gibt«, sagt Stefanie Szczupak.

Für den Neubau des Bildungshauses muss die Verwaltung umziehen, aber das sei vertretbar. »Hauptsache, wir können unser Bildungshaus in Ruhe unter allen erforderlichen Gesichtspunkten möglichst optimal entwickeln«, sagen Szczupak und von Maltzahn. Und: »Wenn wir in Hamburg ein Carlebach‐Bildungszentrum haben, hat das eine große, selbstbewusste Signalwirkung, zumal unsere Kinder ein Recht auf ein selbstbestimmtes, normales jüdisches Leben mit hohen Bildungschancen in diesem Land haben.«

Und der Traum von einem Gesamtensemble mit Gemeindezentrum, Synagoge und Bildungshaus? Wird weiter geträumt. Denn schließlich: Der Traum vom Bildungshaus wird jetzt auch endlich wahr.

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