Geschichte

»Akt der Tapferkeit und Toleranz«

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem bulgarischen Generalkonsul Dragomir Dimitrov Foto: IKG München und Oberbayern

Zu den lange Zeit zu wenig beachteten Aspekten des Holocaust zählt der geringe Widerstand vieler Menschen in den besetzten Ländern in Anbetracht der deutschen Vernichtungspolitik gegen die jüdische Bevölkerung. Fast überall konnten die Nationalsozialisten die jüdische Minderheit entrechten, berauben und schließlich deportieren, ohne dass sich dagegen nennenswerter Protest geregt hätte.

Umso größer wirkt daher der Kontrast zu den wenigen Ländern, in denen die nichtjüdische Mehrheit den deutschen Plänen aktiv entgegentrat und sich schützend vor ihre jüdischen Nachbarn stellte. Eine solche erfolgreiche Gegenwehr führte im Frühjahr 1943 zur Rettung der meisten bulgarischen Juden. Großdemonstrationen, individuelle Petitionen, Wortmeldungen der orthodoxen Kirche und auch Entscheidungen von Zar Boris III. konnten schließlich das Gros der bulgarischen Juden vor der Deportation bewahren.

erinnerung Zur Erinnerung an dieses besondere Ereignis lud das Generalkonsulat der Republik Bulgarien am 17. Mai ins Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ein. Zum 80. Jahrestag des Geschehens wurde dabei eine neue Ausstellung präsentiert, die die Rettungsaktion auf 18 Ausstellungstafeln detailliert nachzeichnete.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch betonte in ihrer Begrüßung, wie »außergewöhnlich, weil leider fast einmalig« der Einsatz der bulgarischen Bevölkerung gewesen sei.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch betonte in ihrer Begrüßung, wie »außergewöhnlich, weil leider fast einmalig« der Einsatz der bulgarischen Bevölkerung gewesen sei. Dem Großteil der jüdischen Bevölkerung im damaligen Zarentum sei die Deportation erspart geblieben, weil Gesellschaft und Politik sich für ihre Rettung eingesetzt hätten. Diese mutige Haltung verdiene größten Respekt.

Das Beispiel Bulgarien zeige damals wie heute, »dass individuelle Verantwortung zu keiner Zeit in einem dichten Nebel aus staatlicher Verpflichtung verschwinden muss«, wie Knobloch vor den über 100 Gästen, darunter viele aus den Reihen des konsularischen Korps, hervorhob: »Eine Gesellschaft muss sich nicht den Umständen ergeben, sondern kann ihre eigenen Werte verteidigen und durchsetzen.«

engagement Auch der bulgarische Generalkonsul Dragomir Dimitrov ging auf das einmalige Zusammenwirken von Politik, Zivilgesellschaft und Kirche im seinerzeit sogar formal mit dem Deutschen Reich verbündeten Bulgarien ein und lobte das Engagement als »Akt der Tapferkeit und Toleranz«.

Petar Stoilov, Doktorand und einer der ersten Absolventen des Judaistik-Studiengangs an der Universität Sofia, führte zum Abschluss mit einem Referat über »Die europäische Ausnahme« noch einmal ausführlich durch die Chronologie der Ereignisse. Stoilov ging dabei auch auf den Gegensatz zwischen der ohne Protest erfolgten Deportation von über 11.000 Juden aus neu an Bulgarien angegliederten Gebieten und dem »starken gesellschaftlichen und politischen Widerstand« gegen solche Transporte auf dem alten Staatsgebiet ein.

Auch dazu passend hatte Charlotte Knob­loch ihre Ansprache zuvor mit einem Zitat des aus Bulgarien stammenden Schriftstellers Elias Canetti beschlossen. Der hatte einst rhetorisch gefragt: »Warum sind nicht mehr Leute aus Trotz gut?« An diese klugen Worte müsse heute tatkräftig angeknüpft werden, erklärte Knobloch und forderte: »Trotzen wir den Übeln dieser Welt.«

Dresden

Jüdisches Leben: Gefühl von Unsicherheit im Alltag

In Sachsen gestalten Jüdinnen und Juden das kulturelle und gesellschaftliche Leben entscheidend mit. Dennoch bleibt Antisemitismus ein präsentes Problem

 23.06.2026

Meinung

Essen mit Beigeschmack

Katrin Richter kritisiert, dass jüdische und israelische Küche zunehmend nur noch mit Schutzkonzept serviert werden kann

 23.06.2026

Berlin

Zusammen genießen

Zum fünften Mal fand das Koschere Streetfood-Festival statt – mit Geschmäckern von fast überall

von Katrin Richter  23.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bildung

»Die jüdische Sicht stärken«

Eduard Steinberg über den neu gegründeten Verband jüdischer Pädagogen, Ausbildung von Lehrern und Fakten statt Meinungen

von Katrin Richter  22.06.2026

Maccabi

Eine Feier für den jüdischen Sport

Der Verein lud zum traditionellen Sommerfest im Vereinsgelände an der Riemer Straße

von Luis Gruhler  21.06.2026

München

Ganz im Vertrauen

Seit rund sechs Wochen ist Dominik Krause als Oberbürgermeister im Amt. Nun traf er sich mit Vertretern des Vorstandes der IKG zum Gespräch

von Luis Gruhler  21.06.2026

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026