Schule

Ärger um die Hausaufgaben

Yakov und Judith lernen viel in der Schule, die Vokabeln müssen sie dennoch zu Hause lernen. Foto: Thinkstock

Den ganzen Tag in der Schule verbracht – und kaum zu Hause, muss das Kind noch Hebräischvokabeln lernen. Dass das Thema Hausaufgaben auch Ganztagsschüler betrifft, ist für viele Eltern ein Ärgernis, denn eigentlich hatte man gedacht, mit der Betreuung bis zum Nachmittag einen der ganz großen Stress‐ (und Streit-)Faktoren loszuwerden.

»Ach, das Grundsatzproblem langer Schultag versus Hausaufgaben«, sagt Ruben Herzberg, Leiter der Hamburger Klosterschule, der den jahrzehntelangen Streit aus eigener Erfahrung kennt, spontan. »Das größte Problem haben Ganztagsschulen immer dann, wenn sie nicht obligatorisch, sondern teilgebunden oder offen sind«, erklärt der ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hamburg.

»Manche Schüler gehen dann nach Unterrichtsende nach Hause, andere, deren Eltern berufstätig sind, sind darauf angewiesen, den Nachmittag in der Schule zu verbringen.« Für sie gibt es dann zahlreiche Angebote, »allerdings kann man sich vorstellen, wofür die Kinder sich entscheiden, wenn sie beispielsweise die freie Auswahl zwischen Rudern, spanisch Kochen, Jazzdance und Hausaufgabenbetreuung haben«.

offene Angebote In der Realität hielten »offene Angebote« in diesen Schulformen die Schüler meistens davon ab, beim Hausaufgabenangebot mitzumachen. »Und natürlich ist es gerade für die, die Förderung bräuchten, ein Drama, nach einem langen Schultag nach Hause zu kommen und noch Aufgaben machen zu müssen.«

In der Klosterschule, einer obligatorischen Ganztagsschule, legt man dagegen Wert auf einen »Wechsel aus Entspannung und Lernen«. Dem Biorhythmus der Kinder werde beispielsweise dadurch Rechnung getragen, dass morgens zwischen 10 und 11.30 Uhr Studienzeiten in den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik stattfinden. Die Kinder erledigen dann selbstständig längerfristige Aufgaben, die ihnen von den Lehrern gestellt wurden. »Sie sind fit und konzentriert – bei uns wird zwar auch nachmittags gearbeitet, aber dann geht man methodisch anders an die Sache heran.«

Gleichwohl sind die Hausaufgaben auch in der Klosterschule nicht vollständig abgeschafft. »Hebräischvokabeln beziehungsweise Vokabeln allgemein sind ein gutes Beispiel«, sagt der dienstälteste Gymnasialschulleiter Hamburgs, »man kann einfach in einem Raum, in dem noch viele andere Schüler sitzen, keine neuen Wörter lernen, denn dazu muss man sie ja auch laut vor sich hinsprechen.« Und so gehört das Vokabellernen zu den drei Ausnahmen von der Hausaufgabenbefreiung.

»Die Eltern unserer Schüler bekommen schon bei der Anmeldung mitgeteilt, dass ihre Kinder zu Hause Vokabeln lernen werden. Die zweite Ausnahme betrifft die Lektüre; Bücher werden auch am Wochenende oder nach Schulschluss gelesen. Und eine weitere gibt es im Fach Biologie, wo das Führen eines Baumtagebuchs eine Aufgabe sein kann. Die Kinder müssen dann einmal in der Woche beschreiben, was sich im Jahreszeitenlauf ändert.«

Unterstützung Im Wesentlichen gebe es keine Probleme mit Eltern, die sich über zu viele Hausaufgaben beschweren, betont Herzberg. »Das hat auch mit dem Ausgleich familiärer Voraussetzungen zu tun. Kinder mit viel Hausaufgaben in ein Elternhaus zu schicken, in dem nicht beim Lernen geholfen werden kann, geht natürlich nicht – die Schule muss solche Defizite ausgleichen.«

Die Klosterschule, sagt der Leiter mit einem gewissen Stolz, überwinde mit ihrem Konzept »den größten Mangel des deutschen Bildungssystems, nämlich dass der schulische Erfolg eines Kindes unmittelbar mit dem Bildungsgrad der Eltern und ihrer Bereitschaft, beim Lernen zu helfen, zusammenhängt«.

Nachholbedarf Herzberg selbst verbrachte »die ersten anderthalb Schuljahre« in einer israelischen Grundschule, »es war wohl keine richtige Ganztagsschule«, erinnert sich der 61‐Jährige. Schon damals gab es in Israel allerdings schon mehr Ganztagsschulen als in Deutschland, »der deutsche Sprachraum bildet in dieser Beziehung international immer noch das Schlusslicht«.

Umso wichtiger sei es, sich mit Pädagogen aus anderen Ländern auszutauschen, wie es Herzberg regelmäßig macht. Gerade erst war eine Delegation aus Südkorea zu Besuch. »Zu uns kommen immer wieder Kollegen aus anderen Ländern, weil wir eben anders ticken.«

Ein weiteres Beispiel: die Joseph‐Carlebach‐Schule. Sie wird derzeit von 112 Schülern besucht. Hausaufgaben sind in der staatlich genehmigten jüdischen Ganztagsschule allerdings kein Konfliktpunkt, wie Schulleiter Gerd Gerhard sagt. »Die meisten Kinder lernen im Primarbereich nach einem Wochenplan, ein Großteil der Aufgaben wird in der Schule erledigt.«

Paradiesische Zustände, mögen sich da einige Kinder und leidgeprüfte Eltern sagen. In den höheren Klassen sind feste Lernzeiten im Stundenplan vorgesehen. »Schriftliche Arbeiten werden im Wesentlichen in der Schulzeit erstellt«, erklärt Gerhard weiter.

Wochenplan Manchmal, so der Schulleiter, müsse allerdings »der Wochenplan nachgearbeitet werden, je nach individueller Lerngeschwindigkeit«. Aufgaben könnten dann auch reduziert werden. »Es gibt im Aufgabenbereich schließlich Pflicht und Kür; das heißt, das im Lehrplan vorgesehene Pensum muss natürlich erledigt werden, darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, weitergehende, fördernde Aufgaben zu stellen.«

Im Bereich des Sprachenlernens müssen die Kinder allerdings auch zu Hause noch Aufgaben erledigen. »Wir bieten derzeit die Fremdsprachen Spanisch, Englisch, Hebräisch an, Vokabeln werden nach Schulschluss gelernt, anders geht es nicht.«

Die Joseph‐Carlebach‐Schule ist Bestandteil eines ehrgeizigen Plans: Bis zum Jahr 2020 soll in Hamburg, einmalig in Deutschland, ein jüdisches Bildungszentrum entstehen, das Kinder von der Krippe bis zum Abitur betreut. »Keine Brüche, keine Wechselprobleme, Erzieher und Lehrer können zusammenarbeiten, um das Beste für das jeweilige Kind zu erreichen«, fasst Gerhard die Vorteile dieses Konzepts zusammen.

Bildungszentrum »Natürlich ist das schon auch eine Mammutaufgabe«, sagt Gerhard. »Der Unterricht muss fakultativ entwickelt werden, Förder‐ und Rahmenkonzepte müssen erarbeitet werden, dabei werden nicht nur selbstverständlich die staatlichen Rahmenpläne eingehalten, sondern es gilt ja auch, das jüdische Profil unserer Schule zu entwickeln. Für die wenigsten Kinder ist Hebräisch beispielsweise Muttersprache, sie lernen es also praktisch wie eine Fremdsprache. Sie zur Literaturreife zu führen, ist das Ziel.«

»In der Öffentlichkeit gibt es falsche Vorstellungen von Privatschulen«, hat Gerhard festgestellt. »Entgegen den landläufigen Meinungen sind wir aber keine Eliteschulen und betreiben keine Bestenauslese, sondern sind für alle Schüler offen, deren Eltern sich mit unserem Konzept identifizieren können.« Entsprechend will man in der Carlebach‐Schule auch allen Kindern gerecht werden, »sowohl solchen mit Handicap als auch mit Höchstbegabung« – Förderung durch Aufgaben gehört ebenso dazu wie Förderung im sozialen und emotionalen Bereich.

Die Schüler, die derzeit die Jahrgangsstufe 7 besuchen, werden die Ersten sein, die an der Schule die Hochschulreife erlangen, entsprechend werden auch Unterricht und natürlich die Hausaufgaben ständig angepasst werden. »Wir arbeiten mit vielen Institutionen zusammen, mit Behörden, regionalen Beratungszentren, Anbietern für außerschulisches Lernen, um die individuellen Bedürfnisse der Schüler von der Hochbegabung bis zur Lese‐Rechtschreibschwäche abzudecken, um fördern, aber auch fordern zu können«, erklärt Gerhard.

13 Klassenstufen Für die Kinder der Carlebach‐Schule ein weiterer Vorteil: Als Stadtteilschule gehört die Bildungseinrichtung zu den sogenannten G9‐Schulen, in denen das Abitur erst in der 13. Klasse abgelegt wird – in den traditionellen Gymnasien der Hansestadt machen die Schüler bereits nach acht Jahren, in der 12. Klasse, das Abitur. Entsprechend haben die Carlebach‐Schüler ein Jahr länger Zeit, den Lernstoff zu erarbeiten.

Die Zeiten, in denen Lehrer Schüler mit Hausaufgaben überhäuften und sich weder untereinander absprachen, um die Schüler nicht zu überfordern, und grundsätzlich darauf setzten, dass Eltern beim Lernen helfen, sind jedenfalls vorbei. Gerhard selbst besuchte ein bayerisches Internat, »wir hatten immer einen vollen Lernplan«, erinnert er sich. »Bis 16 Uhr war Unterricht, es gab zwar darin integriert feste Lernzeiten, aber besonders in der Oberstufe saß man oft noch bis Mitternacht und lernte. Diese Zeiten kann man aber nicht mit den heutigen vergleichen, es hat sich so viel geändert.«

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