Schule

Abi-Ball per Zoom

Das waren die Reste der Party vom vergangenen Jahr, 2020 fällt die gemeinsame Abiturfeier erst einmal aus. Foto: Getty Images / istock

In dieser Pandemie-Situation sei das Abitur eigentlich nicht so wichtig, sagt Neala Patterson aus Frankfurt. Dennoch ist sie enttäuscht, denn bis vor wenigen Wochen hatte sie gedacht, dass 2020 ihr Jahr werden würde. »Aber man kann sich immer nur wieder bewusst machen, was Alten-, Krankenpfleger und Ärzte leisten – dann kommt man runter.«

Studiengang Für die Schüler hat das Abi trotzdem eine große Bedeutung und entscheidet auch, ob man für einen Studiengang zugelassen wird. Viele wissen gar nicht, ob sie die Abi-Klausuren überhaupt schreiben werden, und wenn ja, wann. Bayern hat schon angekündigt, sie zu verschieben, ebenso Nordrhein-Westfalen.

Eine weitere Variante wäre, sie ganz ausfallen zu lassen und den Durchschnitt aus den bisherigen Zensuren zu errechnen. Mittlerweile gibt es zwei Petitionen der Schüler: eine mit dem Ziel, dass die Klausuren stattfinden, eine andere, die sich dagegen ausspricht.

Prüfungen Vor Pessach hieß es für Berlin und Hessen, dass die Prüfungen nach den Osterferien durchgeführt werden sollen. »Die drei schriftlichen Arbeiten habe ich noch vor der Schließung schreiben können«, sagt Neala Patterson. Aber in den Tagen davor war sie bereits unsicher, ob es zu den Prüfungsterminen überhaupt kommen wird, da sich das Coronavirus immer mehr ausbreitete.

Sicherheitshalber habe sie sich den Lernstoff häufiger angeschaut. Da sie zu den Risikopatienten gehört, gab es für sie eine Sonderregel, und sie musste ganz alleine in einem Raum die Klausur schreiben, was ihr nicht gefiel. »Meine Schule war sehr gut vorbereitet. Die anderen haben zu zehnt in einem Klassenzimmer geschrieben, und es wurde darauf geachtet, dass man nichts unnötig anfasst.«

Sie habe den Eindruck, dass durch diese Situation alle zusammenkommen. Jetzt hat sie noch zwei mündliche Prüfungen vor sich, die letzte im Darstellenden Spiel. »Eigentlich sollten wir uns gemeinsam etwas erarbeiten, aber das geht ja nun nicht wegen der Abstandsregelung.« Ihre Aufgabe lautet also: eine Szene zum Coronavirus zu präsentieren. »Ich möchte es jetzt hinter mir haben. Vor lauter Ungewissheit, ob geprüft wird oder nicht, konnte ich schon nichts mehr essen.«

Zeugnisübergabe Deprimierend findet sie auch, dass die Mottowoche ausfallen musste, zur Abi-Fahrt ging es schon Anfang des Jahres, aber der Abi-Ball wird wahrscheinlich auch gecancelt, und wie die Zeugnisse übergeben werden sollen, weiß auch keiner. Für die nächsten Monate hatte sie Festivals herausgesucht, sie wollte nach Kroatien reisen und im April ihren 18. Geburtstag feiern.

»Wir hängen in der Luft«, sagt Naomi Maor aus Berlin, und dieses Gefühl haben viele Schüler.

Vieles wird nun anders sein als gedacht. Immerhin hatte sie eine Party mit Freundinnen – über »Zoom« im Internet. Obwohl ihr die Quarantäne-Zeit auf die Nerven geht, räumt sie ein, dass es ihr gut geht. »Da muss ich nur an die Flüchtlinge denken.«

»Wir hängen in der Luft«, sagt Naomi Maor, Schülerin des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn. Jüngst hat der Berliner Senat verkündet, dass die Klausuren nach den Osterferien geschrieben werden. Sie sieht sich nun ihre alten Klausuren an, liest die Kommentare der Lehrer und studiert die Fehler. Ebenfalls hilfreich findet sie es, im Internet vorherige Klausuren durchzugehen.

Mottowoche Durch die Schulschließung Mitte März fühlt sie sich »aus der Bahn geworfen«. Die Mottowoche fiel aus, worüber alle sehr traurig waren. Sie sei auf jeden Fall dafür, die Klausuren nun zu schreiben, denn so habe jeder auch die Chance, seine Note und seinen Durchschnitt zu verbessern.

Für manches Studienfach an der Uni muss man einen Numerus clausus erfüllen. »Ich fürchte, dass es sonst irgendwann heißt, dass es 2020 ja kein richtiges Abitur gab.« Und die fünf Prüfungen gehören zum Abitur einfach dazu. Da müsse man durch, und ohne sie würde nachher etwas fehlen, sagt Naomi.

Der Abi-Ball war schon bezahlt, ebenso die Abi-Fahrt – beides ist mittlerweile abgesagt.

Nach dem Sommer möchte sie für acht Monate nach Israel gehen und das Hachschara-Programm absolvieren. Danach hofft sie auf einen Studienplatz für Zahnmedizin.

Motivation »Die Motivation war weg«, sagt Rebecca Heil. Denn die Ungewissheit, ob die Prüfungen stattfinden, war groß. Ebenso fiel es ihr schwer, zu lernen und sich dann beim Schreiben ausreichend zu konzentrieren. Eine Klausur hat sie geschrieben, bei einer war sie krank, und bei der dritten hatte sie einen Blackout. »Denn da hat mich die Situation schon belastet und aufgewühlt. Ich hatte Angst, ob ich mich anstecke und meine Familie dann auch.«

Rebecca hat Sport als Prüfungsfach und soll den Cha-Cha-Cha alleine tanzen.

Die Prüfungen wurden zuerst mit 30 Schülern in der Turnhalle, später zu zehnt in einem Klassenzimmer abgehalten. »Ich hatte den Eindruck, dass alle mit der Situation überfordert waren«, sagt Rebecca. Trotz Kontaktsperre die Abiklausuren zu schreiben, falle schwer.

Und auch ihre letzte von fünf Prüfungen wird anders ablaufen als gedacht. Denn sie hat sich Sport ausgesucht mit Schwerpunkt Tanz. »Den Cha-Cha-Cha muss ich dann alleine tanzen. Wie soll das gehen?« Und auch Team-Sportarten sind nun nicht möglich.

Hinzu kommt, dass in Hessen die letzten beiden Prüfungen im Mai/Juni stattfinden sollen, ausgerechnet dann, wenn die Virologen mit dem Höhepunkt der Pandemie rechnen. »Können dann die Prüfungen gewertet werden?«, fragt sich die 18-Jährige.

Auslandsaufenthalt Auch ihre nächste Zukunft wird anders werden als gedacht, denn sie wollte im Ausland auf einer Tierauffangstation helfen, in Israel Korallenriffe pflegen und in Florida Delfine betreuen. Das wird nun alles nicht möglich sein. Danach möchte sie Psychologie studieren.

Kurz vor den Osterferien hat Klara Gottlob noch mit dem Lehrer telefoniert, der ihr fünftes Prüfungsfach betreut, und ist das Thema in Jüdischer Religion mit ihm durchgegangen. »Diese Prüfungen werden anders als in den vergangenen Jahren laufen«, ist sich die 18-Jährige sicher.

Schon während der Abi-Klausuren kamen jeden Tag andere Informationen aus den Ministerien.

Und schon die ersten Klausuren waren psychisch anstrengend, da jeden Tag in den Ministerien neu diskutiert wurde, ob und wie sie geschrieben werden sollen.

Abstand Am ersten Prüfungstag sollten die Schüler Abstand einhalten, an den nächsten Tagen waren sie nur noch zu zehnt in einem Raum, und es gab vor der Schule eine Gesundheitsprüfung. Und man sollte den Schulweg so zügig wie möglich hinter sich bringen. »Das war für mich kein Problem, weil ich nicht weit entfernt wohne und zu Fuß gehen kann.« Andere hätten den Bus nehmen müssen.

»Die Tage vor den Klausuren waren blöd, da ich nicht wusste, ob geschrieben wird oder nicht.« Unter diesen Bedingungen konnte sie sich nicht richtig vorbereiten. »Mein Kopf war leer.« Jetzt ist sie glücklich, dass sie die ersten drei schriftlichen Arbeiten schon hinter sich hat.

Viele wollten die Zeit nach dem Abitur für Praktika und Auslandsaufenthalte nutzen. Daraus wird wohl nichts.

Was sie auch schade findet, ist, dass die Motivationsplakate, die die Eltern traditionell für ihre Kinder am Gymnasium aufhängen, gar nicht von allen Schülern gesehen werden konnten. »Darüber freuen sich sonst immer alle.« Die Schulleitung habe nun aber angekündigt, dass sie noch länger hängen bleiben werden.

Auch bei ihr fiel die Mottowoche aus, über den Abi-Ball wird erst demnächst entschieden. Wenn sie das Abitur in der Tasche hat, möchte sie das nächste Jahr nutzen, um Praktika zu machen und andere Länder und Städte kennenzulernen. Langfristig möchte sie sich mit Menschenrechten und Internationalem Recht beschäftigen. »Ich hoffe, dass wir der einzige Jahrgang sind, der von der Pandemie betroffen ist.«

München

Jahrestag, Literatur, Restitution

Meldungen aus der IKG

 06.12.2021

Ausstellung

Berliner erzählen von ihrem »jüdischen Berlin«

Im Frühjahr hatte sich das Centrum Judaicum mit der Frage »Was ist Ihr jüdisches Berlin?« an alle Berliner gewandt

 06.12.2021

Nordrhein-Westfalen

Veranstalter ziehen positive Bilanz des Jubiläumsjahrs »1.700 Jahre jüdisches Leben«

Generalsekretärin des Vereins: »Das große Interesse hat uns überwältigt«

 06.12.2021

Düsseldorf

Rosenmontagszug nach Protest der Jüdischen Gemeinde verschoben

Nun soll Ende Mai Karneval gefeiert werden. Grund für die Verschiebung ist der Protest mehrerer Verbände

 06.12.2021

Corona

Doppelt schutzbedürftig

Kinder mit Einschränkungen leiden während der Pandemie besonders stark – so wie Daniel aus Villingen

von Christine Schmitt  05.12.2021

Porträt der Woche

»Berlin hat mich verändert«

Dan Allon ist Künstler und beschäftigt sich mit seiner Familiengeschichte

von Jérôme Lombard  05.12.2021

Lichterfest

Gemeinsam zuversichtlich

In ganz Deutschland beteiligen sich Politik und Gesellschaft öffentlich an den Feierlichkeiten zu Chanukka

von Brigitte Jähnigen  05.12.2021

Nordrhein-Westfalen

Zedaka in Kall

Die ZWST hilft Flutopfern mit »Tiny Houses«

von André Anchuelo  03.12.2021

Berlin

»Papier ist geduldig«

Fachleute appellieren an künftige Bundesregierung, angekündigte Förderung jüdischen Lebens umzusetzen

 03.12.2021