Jom Haschoa

»2500 Menschen wie du und ich«

Genau 94 Blätter im DIN-A4-Format, darauf 2500 Namen, und beinahe zwei Stunden brauchte es, um sie zu verlesen. Es waren Namen »von Bürgern dieser Stadt, die gewaltsam aus ihrer Mitte gerissen wurden«, sagte Rabbiner Jehoschua Ahrens am Donnerstag in Düsseldorf, wo die Lesung zu Jom Hashoa mitten im Trubel der Altstadt, zwischen Baustellen und Feierabendverkehr, manchen Passanten für einen Moment innehalten ließ.

Es waren die unterschiedlichsten Menschen, und so waren auch die 2500, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus Düsseldorf deportiert und ermordet wurden. »2500 Mal Freude und Leid, 2500 Mal Lachen und Weinen, 2500 Mal Fröhlichkeit und vielleicht auch schlechte Zeiten«, zählte Ahrens auf. »2500 Menschen wie du und ich.«

Doch auch an diesem Tag, dem Holocaust-Gedenktag, wollte der Rabbiner nicht nur in die Vergangenheit blicken. Denn heute würden sich junge Jüdinnen und Juden der dritten Generation wieder als Teil der Gesellschaft fühlen. In dieser müsse die Forderung »nie wieder Auschwitz« verankert werden. Von der jungen Generation könne man erwarten, dass sie sich gegen Antisemitismus einsetzt, »zum Wohl der ganzen Gesellschaft«.

Anschläge Die vergangenen zehn Monate habe Europa schwierige Zeiten erlebt, sagte Rabbiner Ahrens und erinnerte an die Anschläge in Paris, Brüssel und Kopenhagen, bei denen jüdische Menschen zu Zielen von Terroristen wurden. »Wir werden aber nicht nur angegriffen, weil wir eine Minderheit sind, sondern für Freiheit und Demokratie stehen.«

Dass diese Freiheit stets verteidigt werden muss, räumte die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) während der Gedenkveranstaltung ein. Synagogen und Gedenkstätten würden noch immer von der Polizei geschützt. Doch die Juden – wünschte sich Löhrmann – sollten nicht nur in Deutschland leben können, sie sollten sich auch nicht verstecken müssen. Das erst sei ein sichtbares Zeichen der Freiheit.

Neben der Landtagspräsidentin waren zahlreiche weitere Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur zur Veranstaltung gekommen, darunter Schulministerin Sylvia Löhrmann, Bundestagspräsident a. D. Burkhard Hirsch (FDP), Regierungspräsidentin Annemarie Lüttkes (Bündnis 90/Die Grünen), Superintendentin Henrike Tetzdie stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Marie-Agnes Strack-Zimmermann, der Künstler Konrad Klapheck sowie Patrick Orth, der Geschäftsführer der Toten Hosen, und viele andere.

Gäste
Viele dieser Gäste nahmen an Jom Haschoa nicht nur repräsentative Funktionen wahr. Sie hatten eines der 94 Blätter in der Hand, um damit ans Mikrofon zu treten und die Namen der Ermordeten vorzulesen. Initiiert wurde die Gedenkveranstaltung zum achten Mal von der Religionsschule der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Wenn sie die Schoa im Unterricht behandelt, sei das Ausmaß für die Kinder und Jugendlichen kaum zu verstehen, erklärt Lehrerin Tamara Guggenheim. Dass man sechs Jahre, sieben Monate und 14 Tage ohne Pause die Namen der Getöteten vorlesen müsse, um alle zu nennen, seien aber Zahlen, »die den Kindern verdeutlichen, welche Dimension das hatte«, sagt Guggenheim.

Inzwischen beteiligen sich in Düsseldorf Kinder ab der siebten Klasse an der Namenslesung zu Jom Haschoa. »Manche gehen auch noch in die sechste, wollen aber unbedingt mitmachen«, erzählt die Pädagogin. »Die kommen dann in Begleitung ihrer Eltern.«

Zum dritten oder vierten Mal dabei ist Dow Michael Glikman. Der 15-Jährige freut sich darüber, dass er in den vergangenen Jahren immer mehr Besucher bei der Veranstaltung zählen kann. »Und das nicht nur wegen der wichtigen Leute, es kommt auch immer mehr Zivilbevölkerung«, meint er. »Vor allem ist es schön, dass viele nichtjüdische Menschen hier sind, eine Düsseldorfer Schule hat zum Beispiel einen ganzen Kurs geschickt.«

Während der Namenslesung könnten sich die Besucher ein Bild davon machen, was die Zahl 2500 bedeutet. »Man hat zwar auch das Mahnmal an der alten Synagoge, aber das hier ist was anderes. Es ist verständlicher.«

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Frankfurt am Main

Marek Lieberberg wird 80 – Ein Leben für die große Bühne

Kaum ein anderer hat die Live-Musiklandschaft in Deutschland über Jahrzehnte so geprägt wie der jüdische Konzertveranstalter aus Frankfurt

 04.05.2026

Glosse

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Tipps und Tricks für Judenhasser

Eine Handreichung

von Daniel Neumann  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Geburtstag

Andreis Glück

Der Schoa-Überlebende Andrei Moiseenkow wird 100 – Weimar feiert seinen Ehrenbürger

von Helmut Kuhn  01.05.2026

Porträt

An der Basis

Lea Rosenberg setzt sich beim Paritätischen Wohlfahrtsverband für Geflüchtete ein

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.05.2026

Jüdische Gemeinden

Das neue angstvolle »Normal«

Wie haben sich der 7. Oktober 2023 und die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten ausgewirkt? Der neue Lagebericht des Zentralrats der Juden in Deutschland

von Katrin Richter  01.05.2026

Berlin

CDU-Präsidium tagt in Chabad-Synagoge

Die Parteispitze will damit ein Zeichen setzen

 01.05.2026

Berlin

Tanzen, trotz allem

Der Israeltag am Wittenbergplatz setzte ein Zeichen der Solidarität, der Lebensfreude – aber auch der Sorge

von Christine Schmitt  30.04.2026