Tora, Talmud und die Evangelien

Zwei Geburten

Rabbinische Betrachtungen zur Parallelität biblischer Lesungen

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  23.12.2021 13:28 Uhr

An Heiligabend feiern Christen die Geburt Jesu. Juden lesen an Schabbat Schemot in der Tora von der Geburt Mosches. Foto: Getty Images/iStockphoto

Rabbinische Betrachtungen zur Parallelität biblischer Lesungen

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  23.12.2021 13:28 Uhr

In diesem Jahr fallen der Abend des christlichen Weihnachtsfestes und der Beginn des Schabbats Schemot zusammen. Gelesen wird also nicht nur eine Geburtsgeschichte – also die von Jesus bei den Christinnen und Christen in den Kirchen –, auch in den Synagogen lesen wir quasi parallel eine Geburtsgeschichte: die von Mosche.

Auf den ersten Blick scheinen beide Geburtsgeschichten nicht allzu viele Gemeinsamkeiten zu haben. Zwar geht es beide Male um Säuglinge in Lebensgefahr, die im Auftrag eines bösen Herrschers ermordet werden sollen, aber der Kontext ist doch ein ganz anderer.

HEBAMMEN Ein Blick in die rabbinische Literatur zeigt allerdings, dass beide Geschichten mehr gemeinsam haben als viele wissen. In der Tora, im 2. Buch Mose 2, beginnt die Geschichte mit Mosches Geburt. Nicht so im Talmud, da beginnt sie schon früher. In Sota 11b wird diskutiert, wer die beiden hebräischen Hebammen Schifra und Pua aus dem Kapitel davor waren (Schemot 1,15), die so vielen Kindern das Leben retteten. Eine Meinung besagt, dass es sich um Jochewed und Mirjam handelte, also die Mutter und Schwester von Mose.

Der Talmud erklärt auch, warum: »Pua ist Mirjam, und sie wird deshalb Pua genannt, weil sie redete (poa) und das Kind hervorbrachte. Eine andere Erklärung: »Pua (hieß sie deshalb), weil sie durch den Heiligen Geist redete und sprach: Meine Mutter wird ein Kind gebären, das Israel erlösen wird.«

HEILIGER GEIST Durch die spätere Prophetin Mirjam redete also der heilige Geist und kündigte den Erlöser Israels an. Die Parallele zur christlichen Weihnachtsgeschichte sticht sofort ins Auge. Das Motiv des Erlösers wird übrigens auch am Namen deutlich. Die Rabbiner verstehen nämlich den hebräischen Namen Mosche nicht nur im einfachen Sinn, so wie es in der Tora (2. Buch Mose 2,10) steht, also einen aus dem Wasser Gezogenen, sondern als einen aus dem Wasser Rettenden. Mosche wird später der Retter, der Erlöser seines Volkes, der die Wasser spaltet (vgl. Rabbiner Samson Raphael Hirsch zu ebd.).

Es geht aber noch weiter. Etwas später, in Sota 12b/13a erklärt der Talmud den Vers (Schemot 15,20): »Da nahm Mirjam die Prophetin, die Schwester Aharons (...)« wie folgt: »Die Schwester Aharons und nicht die Schwester Mosches? Rav Amram sagte (...), dies lehrt, dass sie, als sie noch nur die Schwester Aharons war, weissagte und sprach: Meine Mutter wird einen Sohn bekommen, der Israel erlösen wird. Als Mosche geboren ward, füllte sich das ganze Haus mit Licht. Da stand ihr Vater auf, küsste sie aufs Haupt und sprach zu ihr: Meine Tochter, deine Weissagung ist in Erfüllung gegangen.«

LICHT Als Mosche geboren wurde, füllte sich also das ganze Haus mit Licht. Ein ähnliches Motiv findet sich auch in der Geburtsgeschichte von Jesus. Christinnen und Christen verbinden mit diesem Licht die G’ttlichkeit Jesu. Auch das findet sich bereits bei Mosche. In Sota 12a heißt es: »Da sah sie , dass er gut war« (2. Buch Mose 2,2).

Es wird gelehrt: Rabbi Meir erklärte: Sein Name war Tow (gut). Rabbi Jehuda erklärte: Sein Name war Towija (G’ttesgüte). Rabbi Nechemja erklärte: Er war der Prophetie würdig. Manche erklären: Er wurde beschnitten geboren. Die Weisen erklären: Als Mosche geboren wurde, füllte sich das ganze Haus mit Licht, denn hier heißt es: »Und sie sah, dass er gut war«, und dort (1. Buch Mose 1,4) heißt es: »und G’tt sah das Licht, dass es gut war.«

Noch deutlicher wird die Verbindung von Mosche mit der G’öttlichkeit etwas später in Sota 12b, in einer Diskussion um den Vers »Da öffnete sie sie und sah es, das Kind« (2. Buch Mose 2,6). Die Tochter des Pharaos öffnete das Kästchen und sah Mosche. Der Talmud fragt sich allerdings, warum es dann nicht einfach heißt »Sie sah das Kind«, sondern »Sie sah es, das Kind.« Rabbi Jossi bar Rabbi Chanina erwiderte: »Sie sah die Göttlichkeit bei ihm.«

LITERATUR Hier zeigt sich wieder einmal, wie verwoben die rabbinische Literatur und die Evangelien sind. Die Geburtsgeschichte von Mosche wurde zwar erst lange nach Jesu Geburt niedergeschrieben, aber in der Spätzeit des Zweiten Tempels war sie gewiss schon mündlich bekannt.

Die Verfasser der Evangelien wollten also Jesus als den neuen Mosche darstellen, sie arbeiteten mit bekannten Motiven der jüdischen Tradition jener Zeit. Weitere Parallelen finden sich übrigens auch in der Geburtsgeschichte von Awraham, wie er im Midrasch Bechaij Bereschit beziehungsweise im Sefer HaJaschar zu finden ist. Wahlweise ist Jesus also der neue Mosche oder der neue Awraham.

Bei aller Ähnlichkeit in den Texten wurde Jesus dennoch nicht der Erlöser Israels, denn seine Botschaft war nicht an uns, sondern an die Heiden gerichtet.

Trotzdem heißt das nicht, dass er keine Bedeutung haben kann. Rabbiner Jacob Emden schrieb passend, dass Jesus »der Welt eine doppelte Güte zuteilwerden« ließ, denn »einerseits stärkte er die Tora«, und andererseits »beseitigte er die Götzen der Völker«. Daher sind »Christen Gemeinden, die zum himmlischen Wohl wirken und zu Dauerhaftigkeit bestimmt sind (…), und die Belohnung wird ihnen nicht versagt bleiben«.

Wie es die Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum ausdrückt, ist das Christentum »ein Geschenk an die Völker«. Ich wünsche allen Christinnen und Christen ein frohes Fest!

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