Todesstrafe

Zum Sterben verurteilt

Schlagzeilen: 2006 berichteten israelische Zeitungen über die Hinrichtung des irakischen Diktators Saddam Hussein. Foto: imago

Tora und Todesstrafe? Für viele stellt dies ein schweres Dilemma dar. Wenn sie die Rechte des Menschen achtet und das Leben jedes Einzelnen zum Allerwichtigsten ernennt, wie kann dann dieselbe Tora uns vorschreiben, Menschen zu töten, die bestimmte ihrer Gesetze gebrochen haben?

Betrachten wir das Beispiel des Schabbat: Falls sich jemand in Lebensgefahr befindet, hat er – und sogar auch andere – die Pflicht, den Schabbat zu brechen, um sein Leben oder das Leben seines Nächsten zu retten. Doch heißt es auch in der Tora, dass jemand, der den Schabbat öffentlich entweiht, durch Steinigung zu töten ist. Der Widerspruch ist offensichtlich, doch wie kann man diese scheinbar widersprüchliche Position erklären?

Definition Wenn man sich den Toratext im Original, in der heiligen Sprache, anschaut, fällt einem auf, dass die Tora bei den Todesstrafen die Ausdrücke »jumat hamet« oder »mot jumat« benutzt. Das kann als »der Tote soll getötet werden« oder »der Tote soll sterben« übersetzt werden. Stellt sich die Frage: Wenn der Mensch schon tot ist, wie kann er noch mal getötet werden? Warum werden in der Tora gerade diese ungewöhnlichen Ausdrücke benutzt? Vielleicht könnte uns die Antwort auf diese Frage helfen, auch unsere Ausgangsfrage zu beantworten.

Die zweite Mischna im Traktat Awot (Sprüche der Väter), die in jedem Siddur zu finden ist, besagt Folgendes: »Schimon der Gerechte war einer der Letzten der großen Versammlung. Er pflegte zu sagen: Auf drei Dingen besteht die Welt – auf Tora, auf Dienst und auf Wohltaten.«

Es gibt unzählige Kommentare, warum die Welt gerade auf diesen Dingen besteht, und was genau damit gemeint ist. Zum Beispiel könnte mit »Tora« das Lernen der Tora gemeint sein. Das würde bedeuten, das unsere Welt untergehen würden, sobald es einen Moment gäbe, an dem nirgendwo auf der Welt Tora gelernt und gelehrt würde.

Torastudium Manche Kommentatoren gehen sogar so weit, zu sagen, dass unsere Welt extra so erschaffen wurde, dass es auf einer Halbkugel Nacht und auf der anderen Tag ist, damit die Tora durchgehend gelernt werden kann. Denn in dem Moment, in dem sich die Menschen auf der einen Seite der Erde zum Schlafen hinlegen und ihr Torastudium unterbrechen, sind die Menschen auf der anderen Seite bereits aufgestanden und haben mit dem Lernen begonnen. So gibt es keine Unterbrechungen im Torastudium. Dies rettet unsere Welt vor dem Untergang.

Ein anderer Kommentar besagt, dass mit »Tora« die Einhaltung der Gebote gemeint ist. Nur so könne die Tora unsere Welt durchdringen, um sie zu beleben. Manche Kommentatoren weisen auf den Midrasch hin, der besagt, dass uns G’tt bei der Übergabe der Tora eine Bedingung gestellt hat. Dementsprechend würde die Welt weiterhin bestehen bleiben, falls wir die Tora annehmen. Falls nicht, würde Er alles in den chaotischen Zustand (Tohu Wabohu) zurückverwandeln. Also wird mit »Tora« unsere Annahme der Schrift am Berg Sinai gemeint.

Golem Auch über den Begriff »Dienst« gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche sagen, dass damit der Tempeldienst gemeint ist, also die Opfergaben, die mit dem heutigen Gebet ersetzt wurden. Andere übersetzten das Wort »Awoda« wörtlich, und sagen, dass die Welt von unserer alltäglichen Arbeit abhängig ist. Falls die Menschen aufhören würden zu arbeiten, würde unsere Welt zusammenstürzen. Es gibt aber einen Kommentar, der ein ganz neues Licht auf unsere Mischna wirft, und zwar vom Maharal aus Prag, Rabbi Jehuda ben Bezalel Löw. Der wurde nicht nur wegen der Erschaffung des Golems bekannt, sondern auch durch seine scharfe Denkweise, die uns bis zum heutigen Tage ermöglicht, so viele unverständliche Stellen aus der Tora und dem Talmud so deutlich und verständlich zu machen.

Der Maharal sagt, dass die Mischna mit »Welt«, nicht die meine, die wir uns vorstellen. Vielmehr gehe es um die innere Welt jedes Menschen. Und die »Tora« symbolisiere die Beziehung des Menschen zu sich selbst. Denn durch das Lernen der Schrift entwickelt man sich intellektuell und moralisch. Mit dem »Dienst« werde unsere Beziehung zu G’tt symbolisiert. Und schließlich würden durch die »Wohltaten« unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen dargestellt.

Also steht die innere Welt eines Menschen auf drei Säulen, die unser Wertesystem symbolisieren: auf der Beziehung zu sich selbst, der Beziehung zu G’tt und zu den Mitmenschen. Sobald eine dieser Säulen bricht, stürzt die gesamte innere Welt eines Menschen zusammen.

Gegenteil Doch wodurch können diese Säulen zerstört werden? Indem man das Gegenteil dessen tut, wofür die Werte stehen. Das Gegenteil der Tora, die das Geistlichste dieser Welt darstellt, ist das Körperlichste, und zwar die verbotenen sexuellen Beziehungen. Das Gegenteil des G’ttesdienstes ist der Götzendienst. Und das Gegenteil der Wohltaten ist das Morden. Indem man also mindestens eines dieser Dinge praktiziert, zerstört man seine innere Welt.

Die Todesstrafen, die von der Tora vorgeschrieben werden, sind auf diese drei Dinge zurückzuführen. Auch beim Beispiel des Schabbats. Die Tora sagt: Falls jemand, der den Sinn des Schabbats versteht (heutzutage gibt es keine Menschen mehr, die den vollen Sinn verstehen können), und ihn öffentlich entweiht, obwohl er gewarnt wurde, der wird mit dem Tode bestraft.

Einer der Gründe warum wir Schabbat feiern, ist, dass G’tt nach den sechs Tagen der Schöpfung am siebten Tag geruht hat. Indem wir Schabbat halten, verkünden wir, dass G’tt der alleinige Schöpfer unserer Welt ist, die Er während der sechs Tage erschaffen hat. Demzufolge sagt der, der den Schabbat öffentlich entweiht, dass G’tt nicht derjenige ist, der alles erschaffen hat. Er gleicht also dem Götzendiener.

Selbstmord Und so haben alle Todesstrafen in der Tora einen direkten Bezug entweder zu verbotenen sexuellen Beziehungen, Götzendienst oder Mord. Falls nun jemand eine solche Tat begeht, zerstört er seine innere Welt und gleicht auf der spirituellen Ebene einem toten Menschen. Wobei das irdische Gericht nur das zu Ende führt, was er schon selbst begonnen hat: seinen Selbstmord.

Als weiteren Beweis dafür kann ein Gesetz aus dem Talmud‐Traktat Makkot angeführt werden. Danach ist der, der einen schon zum Tode Verurteilten tötet, freizusprechen. Zwar ist die Tötung eines Menschen verboten, doch wird die Tat nicht gesühnt, weil der andere schon als Toter angesehen wird.

Wir können nun verstehen, warum die Tora den Ausdruck »und der Tote wird sterben« benutzt. Weil der Mensch schon seine innere Welt selbst zerstört hat und dem Toten gleicht, und das Gericht nur zu Ende bringt, was der Verurteilte selbst bereits begonnen hat. So ist klar, dass für die Tora das Menschenleben immer noch Vorrang hat, die Tora möchte, dass wir leben. Doch leider entscheiden sich viele Menschen für einen spirituellen Selbstmord und disqualifizieren sich damit selbst von der Liste der Lebenden.

Abschließend ist es wichtig zu bemerken, dass wir nach jüdischem Recht heute keine legitime Rechtsinstitution haben, die die Macht hätte, eine Todesstrafe nach dem jüdischen Recht zu verkünden.

Der Autor ist Assistenzrabbiner der Synagogen‐Gemeinde Köln.

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