Motiv

Zorn, Steine, Scherben

»Moses zerschmettert die Gesetzestafeln«, Rembrandt van Rijn, Öl auf Leinwand, 1659, Gemäldegalerie Berlin Foto: Ullstein

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Zorn, Steine, Scherben

Unsere Weisen spekulieren darüber, warum Mosche die Bundestafeln zerbrach

von Rabbiner Joel Berger  25.09.2017 19:45 Uhr

In unserer Schriftlektüre aus der Tora für den Schabbat der Mittelfeiertage des Laubhüttenfestes lesen wir: »Und der Herr sprach zu Mosche: ›Hau dir zwei steinerne Tafeln, so wie die ersten waren, dass ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen, die du zerbrochen hast‹« (2. Buch Mose 34,1).

Zum besseren Verständnis dieses Verses muss man die Vorgeschichte kennen: Auf Geheiß G’ttes war Mosche auf den Berg Sinai gestiegen und 40 Tage und Nächte dort geblieben, um das Wort des Ewigen, in Stein gemeißelt, vor das Volk zu bringen und die g’ttliche Offenbarung zu verkünden (2. Buch Mose 19,3).

Doch die Israeliten wollten nicht länger auf Mosche warten. Sie bedrängten während seiner Abwesenheit seinen Bruder Aharon, er möge dem Volk einen Götzen, einen »sichtbaren Gott«, schenken. Sie begründeten ihren Wunsch mit den Worten: »Weil wir nicht wissen, was mit dem Mann Mosche, der uns aus Ägypten holte, geschah« (32,1). Daraufhin ließ Aharon Gold und Silber sammeln und formte daraus das Goldene Kalb.

goldenes kalb Kurz darauf spricht der Ewige zu Mosche: »Geh, steig hinab, denn dein Volk, das du aus dem Land Ägypten heraufgeführt hast, ist verdorben. Sie sind schnell vom Weg abgewichen, den Ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht, sich vor ihm niedergebeugt und haben ihm geopfert« (32, 7–8). Als Mosche nach 40 Tagen zum Lager der Israeliten zurückkehrt und das Goldene Kalb sieht, zerbricht er die Tafeln des Bundes, die er vom Berg Sinai mitgebracht hat.

Beim Lesen dieser Episode fragt man sich, woher Mosche den Mut nahm, die Tafeln, von G’ttes Hand gefertigt, zu zerbrechen. Denn sicherlich hat er dafür keine Anweisung von G’tt erhalten. Die rabbinische Tradition versucht, Mosches Tat zu erläutern. Einige unserer Weisen meinen, es sei Mosches eigener Entschluss gewesen, die Gesetzestafeln zu zerbrechen. Andere Gelehrte behaupten, Mosche habe die Tafeln auf Geheiß G’ttes zerbrochen.

In einem Midrasch (Awot deRabbi Nathan 2) lesen wir von dem Mischnagelehrten Rabbi Jehuda ben Betera, der im ersten Jahrhundert n.d.Z. in Babylonien ein berühmtes Lehrhaus unterhielt. Jehuda ben Betera geht davon aus, dass Mosche die Tafeln nicht zerstört hätte, wenn G’tt es ihm nicht befohlen hätte. Der Gelehrte stützt sich dabei auf den Toravers mit den Worten G’ttes »Mündlich rede ich mit ihm« (4. Buch Mose 12,8) und interpretiert sie so: »Auf Mein Geheiß« zerbrach Mosche die Tafeln.

Saphir Eine andere Lehrmeinung geht davon aus, dass die Gesetzestafeln von sich aus zerbrachen. Diese Erklärung lässt sich auch damit begründen, dass Mosche, als er vom Berg herunterkam, laut der Tora »Tafeln des Zeugnisses« in seiner Hand trug. Aber als er sich dem Lager der Israeliten näherte, erwähnt die Schrift die Tafeln nicht mehr.

Nach der klassischen mystischen Erklärung einer Aggada sollen die Tafeln, die aus zwei großen Saphirsteinen bestanden, zu schwer gewesen sein, um von einem einzigen Menschen getragen zu werden. Die g’ttlichen Buchstaben, die in sie eingraviert waren, sollen sie jedoch auf wundersame Weise leichter gemacht haben, damit Mosche sie tragen konnte.

Als die Buchstaben das Goldene Kalb erblickten, das das jüdische Volk gemacht hatte, richteten sie sich auf und flogen zurück zu ihrem g’ttlichen Ursprung. Sie ließen Mosche mit einer Last zurück, die er nicht mehr tragen konnte. So ließ er die Tafeln fallen (Talmud Jeruschalmi, Taanit 4,5). Ein Midrasch ergänzt hierzu, die nunmehr leeren Tafeln hätten nichts mehr bezeugen können und seien deshalb von selbst zerbrochen (Pirke deRabbi Elieser 54/35).

gesetzestafeln Ein Gelehrter meinte, dass Mosche auch deshalb die Tafeln vernichtete, weil er sein Volk Israel von der Strafe verschonen wollte, die es für die Abkehr von G’tt in den Götzendienst erhalten würde. Demnach zerbrach Mosche die Gesetzestafeln, weil er solidarisch und in die Schicksalsgemeinschaft seines Volkes mit eingebunden sein wollte. Zwar war es das Volk, das sich einen Götzen angefertigt hatte, aber Mosche gestand, er sei nicht minder schuldig, denn schließlich hatte er die Tafeln des Bundes zerbrochen.

Und so sprach er zu G’tt: »Sie haben gesündigt so wie ich, denn ich zerbrach die Tafeln. Wenn du ihnen vergeben kannst, so vergib auch mir. Und wenn das Volk nicht Deine Vergebung erfährt, dann sollst Du auch mir nicht vergeben« (Schemot Rabba 45/1).

Mit dieser Argumentation wollte Mosche den Ewigen davon abhalten, Seinen Plan zu verwirklichen, das jüdische Volk wegen seiner Verfehlung zu vernichten und aus Mosche und dessen Nachkommen ein neues auserwähltes Volk entstehen zu lassen (2. Buch Mose 32,10).

beweggründe Einige unserer Weisen sehen allerdings keine tieferen Beweggründe für Mosches Tat. Sie gehen davon aus, dass er die Tafeln allein aufgrund seiner Unbeherrschtheit und seines Zorns zerbrach. Daher lesen wir die Worte G’ttes an Mosche: »In deinem Zorn zerbrachst du die Tafeln. Und du selbst wirst sie wieder neu anfertigen« (Midrasch Hagadol, Schemot 32,19). In der Tat wurde die zweite Fassung der Tafeln mit den Zehn Geboten nicht von G’tt, sondern von Mosche gefertigt.

Nach einer aggadistischen Überlieferung sind jene steinernen Tafeln des Bundes, in die die Gebote eingemeißelt waren, bereits am Vorabend der Erschaffung der Welt angefertigt worden. Mit dieser Information wollen uns unsere Weisen lehren, dass niemand, weder ein Mensch noch ein Volk, die Gebote als seinen exklusiven Besitz betrachten darf. Die Gebote bewahren stets ihre Unabhängigkeit, sowohl von Zeit und Raum als auch von allen Kulturen. Ihre Aktualität wird für immer bestehen.

Der Midrasch hebt hervor, dass diese Gebote in der Wüste und nicht auf dem Territorium irgendeines Landes verkündet wurden. Daher gehören sie der gesamten Menschheit, für alle Zeiten.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

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