Geiger-Kolleg

»Wir können neue liturgische Musik schreiben«

Singt weiterhin in Schweden und unterrichtet in Potsdam: Kantor Isidoro Abramowicz Foto: Martina Siebenhandl

Geiger-Kolleg

»Wir können neue liturgische Musik schreiben«

Isidoro Abramowicz über Kantorenausbildung, Nussach und Herausforderungen in den Gemeinden

von Christine Schmitt  18.12.2017 17:23 Uhr

Herr Abramowicz, Sie sind am Abraham Geiger Kolleg Nachfolger von Eli Schleifer als Leiter der Kantorenausbildung. Was haben Sie sich vorgenommen?
Ich möchte die Ausbildung weiterentwickeln. Das, was ich selbst gelernt und erfahren habe, möchte ich weitergeben. Dazu kommt die Zusammenarbeit mit wichtigen Kantoren und Dozenten.

Sieben angehende Kantoren studieren derzeit am liberalen Kolleg. Ist die Kantorenausbildung denn für die Zukunft gesichert?

Natürlich. Wir bieten ein hoch qualifiziertes Studium an. Die bisherigen Absolventen haben gute Stellen in Deutschland, Paris und den USA bekommen.

Sie haben selbst am Abraham Geiger Kolleg studiert. Was haben Sie dort erfahren?
Wenn ich Hilfe brauchte, um mich auf Prüfungen oder Gottesdienste vorzubereiten, konnte ich mit den Professoren oder der Leitung sprechen. Es war immer jemand da, der mir zuhörte, mir helfen und mich unterstützen konnte. Dadurch habe ich viel gelernt und konnte das Studium sehr gut abschließen. Und ich fand und finde die Mischung aus Theorie und Praxis gut – denn Studenten absolvieren auch mehrmonatige Praktika in den Synagogen.

Werden Sie zwischen Stockholm, wo Sie als Kantor amtieren, und Potsdam pendeln?
Ja, ich bleibe weiter Kantor in Schweden in der Masorti-Gemeinde. Ich kann mich als Kantor weiterentwickeln und auch Erfahrungen sammeln, und das macht mich persönlich einfach reicher. Das kann ich an die Studenten nun weitergeben. Ich finde es wichtig, dass jemand aus der Praxis sie unterrichtet.

Hat sich der Beruf verändert?
Auf jeden Fall. Das gilt auch für die Gemeinden – da müssen wir wach und aufmerksam bleiben.

Woran merken Sie das?
Zum Beispiel daran, was die Mitglieder verlangen. Wenn man in eine Gemeinde kommt, spürt man, dass sie sich auch menschlich eine Person wünschen, die sie anleitet. Es ist nicht mehr nur so klassisch, dass der Kantor bei den Gottesdiensten singt, eine schöne Stimme hat und alle spirituell erfüllt sind. Heutzutage muss der Kantor auch eine Rolle als Pädagoge einnehmen und Entscheidungen treffen können, die mit der Gemeinde und der Halacha zu tun haben und auch viel Flexibilität erfordern.

Ist es schwierig, einen Job zu bekommen?
Manche Gemeinden wünschen sich einen Rabbiner und einen Kantor. Manche haben nicht so viel Geld und können sich nicht beides leisten. Einige wollen nur einen Rabbiner, und andere nur einen Kantor, der auch rabbinische Aufgaben übernimmt.

Hat sich der Gottesdienst in der jüngsten Zeit musikalisch stark verändert?
Ja, auf der ganzen Welt. Aber wir haben eine Verpflichtung, das ist unsere Tradition. Wir können ganz viel erneuern, aber gleichzeitig schauen wir darauf, was die Basis ist. Wir durften in Deutschland leider nicht erleben, dass sich alles reibungslos entwickeln konnte. Viele Gemeinden hatten einen deutschen Nussach, aber nach dem Krieg plötzlich keine Konstanz mehr. Der neue Nussach wurde eine Mischung aus moderner amerikanischer Musik mit Shlomo Carlebach und vielleicht einiges von Louis Lewandowski. Viele Gemeinden kennen heute keinen Originalnussach mehr, aber wir können mit den richtigen historischen Elementen neue liturgische Musik für die Gottesdienste schreiben.

Worin unterscheidet sich die Liturgie von Liberalen und Orthodoxen?

Mehr als die Liturgie sind es die Gebete, die sich unterscheiden. Moderne Melodien werden in allen Strömungen gesungen. Aber neue Formulierungen, die inklusiver oder egalitär sind, werden nicht von allen angenommen. Zum Beispiel: Im Amida-Gebet sprechen Orthodoxe in der ersten Bracha von »unseren Vätern«, während Masorti-Beter und Reformjuden »unsere Väter und Mütter« sagen. Im Morgengebet bei den Orthodoxen wird traditionellerweise »Gelobt seist Du (...), der Du mich nicht als Nichtjude geschaffen hast« gebetet, während in Masorti- und Reform-Siddurim steht: »Gelobt seist Du (...), der Du mich als Kind Israels geschaffen hast.«

Eine ganz andere Frage: Wie bewältigt ein Kantor Jom Kippur ohne ein Glas Wasser?
Aus Erfahrung weiß ich, dass man sich in einem derart spirituellen Zustand bewegt, dass man es ohne Probleme schafft.

Worüber freuen Sie sich bei Gottesdiensten am meisten?

Wenn ich sehe, dass die Beter teilnehmen, mitsingen und nach dem Gottesdienst sagen, dass es heute für sie besonders war und sie ihre Gefühle und Gedanken mitteilen konnten. Ein Kantor soll den Menschen mit Gesang und Gebet einen Ort geben, an dem sie sich aufgehoben und zu Hause fühlen können. Dann glaube ich, meine Arbeit gut gemacht zu haben.

Mit dem Leiter der Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg sprach Christine Schmitt.

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