Pädagogik

»Wir brauchen ein Lehrbuch«

Jonathan Grünfeld Foto: privat

Pädagogik

»Wir brauchen ein Lehrbuch«

Jonathan Grünfeld über die Erfolge, Schwierigkeiten und Wünsche jüdischer Religionslehrer in Deutschland

von Ayala Goldmann  01.03.2020 07:13 Uhr

Herr Grünfeld, was war für Sie das Wichtigste bei der Fortbildungstagung für Religions- und Hebräischlehrer des Zentralrats, der ZWST und der Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in Heidelberg?
Für Hebräisch- und Religionslehrer ist die Möglichkeit, sich zu treffen und auszutauschen, sehr wichtig. Ich habe auch an Fortbildungen in Frankreich und Israel teilgenommen, aber die Situation der Lehrer dort ist eine ganz andere als die, die wir in Deutschland vorfinden. Aber auch in Deutschland ist es ein großer Unterschied, ob ich als Lehrer innerhalb einer jüdischen Gemeinde tätig bin oder an einer Schule, ob ich ein Kollegium um mich habe, alleine oder sogar »Wanderlehrer« bin. Daher ist das, was der Zentralrat, die ZWST und die HfJS uns einmal im Jahr anbieten, eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Weiterbildung.

Welche Workshops haben Ihnen am besten gefallen?
Der Psychologe Louis Lewitan aus München hat eine Einheit über Stressbewältigung angeboten. Das Stresslevel wird bei Lehrern sehr unterschätzt. Aber oft fehlen uns handfeste Rückmeldungen, wie unser Unterricht lief. Man fühlt sich immer wieder herausgefordert, mehr und Neues anzubieten. Das kann in einer Endlosschleife enden, und man merkt gar nicht, wie gestresst man ist. Bei einer zweiten Einheit ging es um Mobbing in der Schule – auch das ein brandaktuelles Thema in fast jeder Klasse.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung speziell für jüdische Religionslehrer? Die Tatsache, dass es kein einheitliches Lehrbuch gibt?
Ja, das ist unser großes Manko. Wir werden zwar seit den 90er-Jahren mit Staatsexamen ausgebildet. Aber was uns immer noch fehlt, sind die Lehrbücher. Das heißt, jede Lehrkraft in ganz Deutschland muss die Materialien selbst erarbeiten. Und das ist wirklich die ganz große Herausforderung für uns. Wir unterrichten ja nicht einfach irgendetwas. Wir haben den Anspruch, es gut zu machen, auch auf Augenhöhe mit den anderen Fächern. Aber so müssen wir selbst Texte erarbeiten und Bildmaterial finden, konform zu den Lehrplänen. Deshalb ist Vernetzung für uns so wichtig.

Welche Inhalte kommen denn bei Schülern gut an – und welche weniger?
Bei uns in Düsseldorf ist es so, dass sehr viele Familien in der Jüdischen Gemeinde traditionell sind, aber nicht unbedingt halachisch observant. Viele beten nicht dreimal am Tag und halten die Kaschrut und den Schabbat auch nicht sehr streng ein. Dennoch sind die Schüler bereit, zu lernen und zu erfahren und einiges auch in ihre eigene Lebenswirklichkeit zu integrieren. Das sind dann schöne Momente für mic0h als Lehrer. Der Religionsunterricht stellt ja an uns alle Fragen: Wie gehe ich mit den Herausforderungen des Lebens um? Es geht ja dabei nicht nur um die Halacha, um Gesetze, die man befolgen soll, sondern auch um Ethik und Moral. Und das ist universell. Wir haben ja auch nichtjüdische Schülerinnen und Schüler. Und es ist toll, wenn man dann sieht, wo das Verbindende und Gemeinsame ist. Wobei wir als Religionslehrer natürlich die jüdische Tradition und Kultur vermitteln wollen, das ist unser Hauptaugenmerk.

Was ist Ihnen für die Zukunft wichtig?
Dass die ZWST und der Zentralrat weiter diese Tagungen anbieten. Wichtig wäre für mich ein Lehrbuch für den jüdischen Religionsunterricht. Das würde uns erheblich weiterbringen.

Mit dem Religionslehrer am Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf sprach Ayala Goldmann.

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