Talmudisches

Wie du heißt, so bist du

Sein Leben entsprach seinem Namen: Mosche, der »Herauszieher«, wurde nicht nur selbst aus dem Wasser gezogen, sondern er brachte das ganze jüdische Volk aus Ägypten heraus Foto: Getty Images

Im ersten Buch Samuel (25,25) lesen wir, wie König David von Avigail über das schlechte Naturell ihres Mannes, des Hirten Naval, aufgeklärt wird: »Wie sein Name lautet, so ist er auch: Naval (der Verdorbene) ist sein Name, und Verderbtheit (Nevala) zeichnet ihn aus.«

Diese Bemerkung ist jedoch nicht nur ein Wortspiel. Vielmehr steckt ein allgemeines Prinzip dahinter: Viele Namen im Tanach sind sprechende Namen. Sie sind nicht nur willkürliche Wörter, die einer Person als Kennzeichnung anhaften, sondern ihre hebräische Bedeutung weist auch auf das Wesen des damit bezeichneten Menschen hin.

Identität Mosche, der »Herauszieher«, wurde nicht nur selbst aus dem Wasser gezogen, sondern er brachte das ganze jüdische Volk aus Ägypten heraus. Jarowam dagegen, der »Volksstreiter«, trug dazu bei, den Riss zwischen Jisrael und Jehuda durch Zwist zu vergrößern, bis sich das Volk in zwei Staaten teilte. In der Heiligen Schrift ist die Identität von Name und Wesen, sowohl positiv als auch negativ, also ein häufiges Phänomen.

Außerhalb des Tanachs schreiben viele Menschen ihren Namen keine große Bedeutung zu. Eine Geschichte dazu findet sich im Talmud im Traktat Joma 83b.

Rabbi Meir, Rabbi Jehuda und Rabbi Jossi waren auf Reisen. Der Schabbat näherte sich, also suchten sie eine Herberge auf. Als sie dem Wirt ihre Wertgegenstände zur Aufbewahrung übergeben wollten, schreckte Rabbi Meir zurück. »Der Mann heißt Kidor!«, stellte er fest. Man solle ihm deshalb nichts anvertrauen.

Doch Rabbi Jehuda und Rabbi Jossi schrieben Namen keine große Bedeutung zu und konnten auch nicht bemerken, was an dem Namen Kidor schlecht sein sollte. Daher baten sie Rabbi Meir, nachdem sie dem Wirt ihr Geld übergeben hatten, seinen Standpunkt zu erläutern.

Rabbi Meir erklärte, der Name Kidor stamme aus dem Schriftvers: »Denn eine Generation (ki dor) des moralischen Umsturzes sind sie, Kinder, denen man nicht vertrauen kann« (5. Buch Mose 32,20). So wie die Bezeichnung Kidor in der Tora auf Untreue hinweise, so könne man auch diesem Wirt kein Geld anvertrauen.

Tatsächlich sollte Rabbi Meir Recht behalten. Nach dem Ausgang des Schabbats leugnete Kidor, dass die Gelehrten ihm ihre Wertsachen anvertraut hatten. Der spontane Zorn Rabbi Jehudas und Rabbi Jossis wendete sich aber nicht nur gegen den Wirt, sondern auch gegen Rabbi Meir: Wenn er dies von vornherein wusste, warum hatte er seine Kollegen nicht rechtzeitig gewarnt?

Prinzip Schließlich erklärt der Talmud, dass Rabbi Meir sich selbst nicht sicher war, ob das Prinzip der Name‐Wesen‐Gleichheit immer gelte. Er wollte den Ruf des Wirtes nicht voreilig zerstören.

In dieser Geschichte erscheint uns Kidor wie ein zweiter Naval. In beiden Fällen deutet der jeweilige Name auf Charakterschwächen hin.

Dennoch ist in der talmudischen Erzählung eine gewisse Ambivalenz in Bezug auf Namensdeutungen feststellbar: Namen können zwar eine Bedeutung haben, doch muss dies nicht so sein. In vielen Fällen erlauben Namen nur sehr uneindeutige oder überhaupt keine Aussagen über ihre Träger.

Diese rabbinische Herangehensweise an die Deutung von Namen lebender Personen findet eine Parallele in der rabbinischen Methodik zur Traumdeutung: Träume können zwar eine Bedeutung haben, müssen es aber nicht. Doch will man sie deuten, sollte man sie positiv erklären, um somit eine Art Gebet an Gott zu richten, sodass dem Leben des betroffenen Menschen eine positive Wendung gegeben werde.

Diese moralische Lektion, die die Weisen aus Trauminterpretationen gezogen haben, sollte man auch auf Namensdeutungen anwenden: Namen sollten – anders als es Rabbi Meir tat – prinzipiell positiv ausgelegt werden, um im Mitmenschen das Gute und nicht das Schlechte zu sehen.

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