Momententscheidung

Was für ein Finale!

Am kommenden Sonntag ist es soweit: Finale! Das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 2010. Viele Fans sind nach Südafrika gereist, um live mitzuerleben, welche Mannschaft die begehrte Trophäe mit nach Hause nehmen kann und damit ein neues Kapitel Fußballgeschichte schreibt.

Wenn wir zurückblicken auf die WM vor vier Jahren, erinnert sich bestimmt jeder an das spektakuläre Finale Frankreich gegen Italien, als einer der größten Ballkünstler aller Zeiten und eine Ikone des französischen Fußballs, Zinedine Zidane, dem italienischen Verteidiger Marco Materazzi einen Kopfstoß verpasst hat. Zehntausende im Stadion und zwei bis drei Milliarden Menschen an den Bildschirmen sahen, wie der Superstar mit einer roten Karte vom Platz gestellt wurde. Die Franzosen verloren ohne ihn das Elfmeterschießen gegen die Italiener (4:6), Les Bleus wurden nur Vize-Weltmeister.

Unsere Weisen sagen, dass wir aus allen Ereignissen eine persönliche Lehre für uns ziehen müssen. Was können wir also aus dem letzten WM-Finale lernen? Für Zidane war es sein letztes Turnier als Profifußballer, er wollte unbedingt noch eine Auszeichnung holen. So hat er sein Team auf vorbildliche Weise ins Finale geführt, doch dort nach einer Beleidigung von Materazzi die Unsportlichkeit begangen und einen Platzverweis bekommen. So wurde die ganze Welt Zeuge, wie jemand, der sich mühsam so viel aufgebaut hatte, in einer Sekunde alles verspielte.

Fehler Und so sagen unsere Weisen, dass für jeden Menschen die Gefahr besteht, in einem Moment alles zu verlieren. Eines der zahlreichen talmudischen Beispiele dafür ist Rabbi Elischa ben Avuah, der zu den größten Gelehrten der talmudischen Zeit zählt und sogar in den Pirke Awot (Sprüche der Väter) zitiert wird. Er verlor nach einem Fehler, der ihm niemals unterlaufen durfte, alles, was er sich zuvor erarbeitet hatte. Er verlor sogar seinen Anteil an der kommenden Welt. Seitdem wurde er vom Talmud nur als »Acher« (Anderer) bezeichnet. Also verlor er auch seinen Namen.

Die Weisen vergleichen uns mit einem Töpfer, dem als Aufgabe gestellt wurde, ein Kunstwerk zu vollbringen. Das einzige Problem dabei ist, dass der Töpfer nicht weiß, wie viel Zeit ihm für sein Kunstwerk gegeben wurde. Und so kann jemand die ganze Zeit richtig nutzen und ein richtiges Meisterstück anfertigen und im letzten Moment mit einer einzigen falschen Bewegung alles zerstören. Das war der Fall bei Zidane, als er mit einer Unbeherrschtheit die Schlagzeilen über seine Heldentaten in Sensatiosmeldungen über sein Missgeschick verwandelte. Und das Letzte, was über ihn in Erinnerung geblieben ist, war ein brutaler Kopfstoß, der in eine Veranstaltung ganz anderer Art gehört, ganz bestimmt nicht auf einen Fußballplatz.

Meisterstück Es kann aber auch in eine ganz andere Richtung gehen: Der Töpfer kann sich die meiste Zeit, die ihm gegeben wurde, mit ganz anderen Dingen vergnügen und nicht arbeiten. Dann macht er in letzter Minute eine richtige Bewegung, und schon ist das Meisterstück fertig. Genauso kann man in einem Moment zum Helden werden. Wenn wir uns an das EM-Finale von 1996 erinnern, als Oliver Bierhoff mit seinem Golden Goal der Deutschen Nationalmannschaft ihre dritte Europameisterschaft schenkte. In einem Moment wurde er zum Helden der Nation und zu einer Weltberühmtheit.

Kommende Welt So ist es auch der Fall mit der kommenden Welt, sagen unsere Weisen. Man kann sie sich auch nur in einem Augenblick erarbeiten. Der Talmud erzählt uns im Traktat Nida eine Geschichte über Rabbi Elazar ben Dordaya. Er hatte mit allen Prostituierten der Welt eine Beziehung gehabt. Eines Tages hörte er über eine Frau, die er noch nicht kannte, die aber sehr gut sein sollte, dementsprechend war auch ihr Preis. Er sammelte das Geld zusammen und begab sich auf die lange Reise zu ihr. Der Talmud beschreibt, wie er über sieben Flüsse und sieben Berge gegangen ist, so stark war sein böser Trieb und das Verlangen nach ihr gewesen. Doch als er bei der Frau ankam und sie schon dazu bereit waren, den Akt zu vollziehen, machte sie eine Andeutung, die auf seine Nichtigkeit und Vergänglichkeit hinwies. Dies brachte ihn zum Nachdenken über seine Existenz. Daraufhin kehrte er ihr sofort den Rücken und machte Tschuwa, kehrte zu G’tt zurück und starb im selben Augenblick. Unmittelbar danach verkündete eine g’ttliche Stimme, dass Rabbi Elazar ben Dordaya in die kommende Welt gelangt sei.

So sehen wir, wie jemand innerhalb eines Momentes seine kommende Welt verdiente und auch in dieser Welt auch noch einen Rabbinertitel erhielt.

Tränen Der Talmud fährt fort und erzählt von Rabbi Yehuda haNassi. Als er diese Geschichte hörte, begann er zu weinen und sagte, dass es Menschen gebe, die in einem Moment die kommende Welt gewinnen würden. Es stellt sich die Frage, warum er geweint hat. Sollte er sich nicht über diese positive Wendung für Rabbi Elazar ben Dordaya freuen? Es klingt so, als ob Rabbi Yehuda neidisch auf ihn gewesen sei: Schließlich musste er sein ganzes Leben lang hart arbeiten, um sich die kommende Welt zu verdienen. Dordaya hatte sie in einem Augenblick bekommen.

Selbstverständlich war Rabbi Yehuda haNassi nicht neidisch. Er weinte nicht wegen Rabbi Elazar, sondern wegen aller anderen. Alle von uns bekommen so viele Möglichkeiten, unser Leben zum Guten zu verändern. Doch so wenige von uns nutzen sie, so wie es Dordaya getan hat.

Achtsamkeit Diese Erkenntnis ist entscheidend für uns. Denn jeder Moment ist sehr wichtig, in jeder Sekunde können wir sowohl zum Helden als auch zum Verlierer werden. Deswegen ist es von großer Bedeutung für uns, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, um diese wichtigen Momente, die uns »von oben« geschickt werden, nicht zu verpassen. Jeder von uns ist ein Töpfer und jeder von uns muss sein Bestes geben, um den schönsten Topf zu kreieren. Doch gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir nicht die Augenblicke außer Acht lassen, in denen wir viele Stufen nach oben überspringen können. Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass stets die Gefahr besteht, in einem Moment unserer Unbeherrschtheit abzustürzen und alles zu verlieren. Aus diesem Grund schreiben unsere Weisen in den Sprüchen der Väter, dass man jeden Tag so leben soll, als ob es der letzte Tag seines Lebens wäre.

Möge dieses WM-Endspiel am kommenden Sonntag allen Fußballbegeisterten viel Unterhaltung und Spaß bereiten und uns allen weitere Lehren bringen, die wir auch zu nutzen wissen.

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