Brit Mila

Wahn und Werte

Er soll beschnitten werden, sagt die Tora. Beschneidung ist Körperverletzung, meinen die Kritiker der religiösen Praxis. Foto: Getty

Beim Thema Beschneidung machen sich offenbar tief sitzende Ressentiments Luft, die sich oftmals nicht spezifisch gegen Islam oder Judentum richten, sondern gegen Religion überhaupt», sagt Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

In dieser Kontroverse kommen die aggressiv-kulturkämpferischen Töne nicht von denen, die ihre Religion verteidigen, sondern von denen, die mit missionarischem Wahn die Welt verbessern wollen. Offensichtlich haben diese Eiferer auch ihre eigene Religion, mit einer einzigen Mission: alle anderen Religionen auf dem Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen. Nun hatten wir Juden schon immer unter Missionaren zu leiden, und wie mein Vater sel. A. zu sagen pflegte: Wir haben sie alle überlebt, so werden wir auch diese überleben. Wir Juden haben eben ein Langzeitgedächtnis.

Gesellschaft Darin wird auch das Urteil von Köln seinen gebührenden Platz einnehmen. Es richtet sich im Kern gegen die Religion überhaupt. In der Nachkriegszeit wäre ein solches Urteil nicht denkbar gewesen. Nachkriegsdeutschland war nach dem Ende der NS-Zeit darum bemüht, sich selbst und aller Welt zu zeigen, dass man eine zivile Gesellschaft sei. Eine solche Gesellschaft kann es sich aber niemals leisten, aus einem Wahn heraus Verbote zu erlassen. Genau darin bestand eben der Zivilisationsbruch.

Zu dessen Zeit allerdings wurde er nicht als Wahn betrachtet – im Gegenteil. Die Legitimierung für neue Verbote kam aus dem Wissenschaftsbetrieb. Rassentheorie und Eugenik galten als fortschrittliche Wissenschaften und hehre Instanzen. Als solche genossen sie gesellschaftlichen Konsens und diktierten die Wertebestimmung in allen Bereichen des öffentlichen und auch privaten Lebens. Die breite Mehrheit fand sich entweder damit ab oder war sogar damit einverstanden.

Das machte den Zivilisationsbruch möglich. Erst danach wandelte sich das Bild. Die einst hochgeachteten Wissenschaften von den Rassen, der Vererbung und der Volksgesundheit, denen sich alle anderen Wissenschaften unterzuordnen hatten, werden gesellschaftlich im Nachhinein als Wahn betrachtet. Diese Forschung und mit ihr der gesamte Wissenschaftsbetrieb waren freilich von vornherein von diesem Trugschluss befallen, bloß war es Konsens – nur wenige wollten es sehen. Das war ein Paradigmenwechsel.

Es bedurfte des Zivilisationsbruchs mit seinen Millionen von Opfern, um dieses Empfinden infrage zu stellen. Dennoch konnten auch nach dem Zivilisationsbruch, als die monströsen Folgen des Wahns bekannt wurden, viele der beteiligten Wissenschaftler ihre Karrieren fortsetzen. Nur: Welcher Wert oder welche Normen, welche Instanzen sind es, die in diesem Wandel nun an die Stelle eines abgelösten Primats der Wissenschaft treten?

Um diese Frage beantworten zu können, lohnt sich ein weiter Blick zurück, vor allem auch deswegen, um nachvollziehen zu können, wie ein Paradigmenwechsel funktioniert. Besonders anschaulich lassen sich diese gerade in der Art und Weise darstellen, wie Christen mit Juden in vergangenen Epochen verfuhren. Jahrhundertelang kam die Legitimationsgrundlage für politische Entscheidungen aus dem Glauben heraus. Der Glaube war das Primat, das damit auch über jeder judenfeindlichen Gesetzgebung stand. Theologie der Verachtung als Grundlage der Verfolgung. Dass dies ein Wahn ist, wie nachmalig der Rassenwahn, dass Glaube sich durch Wahn in sein Gegenteil verkehrt, wurde erst später erkannt.

Inquisition Ein Vorreiter dieser Erkenntnis war vor 500 Jahren Johannes Reuchlin. Dieser christliche Humanist schützte das Judentum vor einem Urteil der Inquisition und rettete damit nicht nur die gesamte damalige deutsch-jüdische Literatur vor dem drohenden Scheiterhaufen, sondern tatsächlich auch die Ehre und den Kern des Christentums.

Die Rechtsprechung der Inquisition hat, ähnlich wie die heutige Rechtsprechung in Köln, ein Urteil hervorgebracht, das die Wurzel jüdischer Identität bedrohte. Damals war es das Verbot des jüdischen Schrifttums. Als Begründung wurde Gotteslästerung angegeben, die ersten Bücher wurden beschlagnahmt und zum Teil verbrannt. Die Inquisition behauptete, Juden seien Gotteslästerer. Heute unterstellt das Kölner Urteil, sie verstümmelten kleine Kinder. Damals hieß es, man müsse Gott schützen. Heute heißt es, man müsse kleine Kinder schützen.

Wo es um Abschaffung der Religion geht, entsteht nicht etwa ein religionsfreier Raum, sondern eben Platz für Quasi-Religion, die alle Eigenschaften des bekämpften Objekts annimmt. Wie sonst ist der Glaube und missionarische Eifer der Beschneidungsgegner zu erklären? Das ist nicht Fortschritt. Im Gegenteil, es ist ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung. Wieder wird ein Glaube zum Wahn: Sie glauben, nicht zu glauben, das ist ihr Glaube. Wie in der Inquisition gilt: «Willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein.» Wer ihren Glauben nicht annimmt, der ist ihnen suspekt und rückständig. Das ist nicht nur eine Abwertung des Gegenübers, sondern auch eine Abwertung der eigenen Einzigartigkeit. Zudem dient dann der andere leicht als Projektionsfigur eigener abgewehrter Anteile. Eine verhängnisvolle Entwicklung.

Wieder sollen Andersgläubige unter Druck bekehrt werden und den wahren Glauben fortan pflegen. Das hatten wir doch schon alles! Dass wir das weitgehend hinter uns haben, zumindest im christlich-jüdischen Kontext, verdanken wir unter anderem Johannes Reuchlin. Er argumentierte, dass eine Verleumdung der Juden immer auch eine Verleumdung des Christentums bedeutet. Zudem, so Reuchlin, sei kein Christ dazu berechtigt, Andersgläubige unter Druck zu bekehren. Der christliche Glaube würde an solcher Gewalt nur Schaden nehmen.

Auch diese Erkenntnis gilt heute als allgemein akzeptiert. Vor fünf Jahrhunderten allerdings löste sie eine irrationale Debatte aus, vergleichbar der heutigen Diskussion um das Urteil von Köln. Was uns heute fehlt, ist ein Christ und Humanist vom Format eines Johannes Reuchlin. Nicht nur, um das Judentum zu retten, sondern mit ihm auch die Humanität und das Christentum. Das darf jetzt von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam gefordert oder zumindest gehofft werden.

Judenfeindschaft Seit Reuchlin sind nun 500 Jahre vergangen, Jahre voller schrecklicher Rückschläge. Das Urteil von Köln ist nur ein weiteres aus einer langen Reihe, die auch Reuchlin bereits zu seinen Lebzeiten kannte. Auch er konnte seinen Schüler Philipp Melanchthon nicht dazu bewegen, Abstand von den judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers zu nehmen. Die Kirchen und der Staat gerieten weiter in den Sog der Judenfeindschaft. Dennoch sollte gerade hier und jetzt festgestellt werden, dass vor 500 Jahren ein Umdenken in Gang gesetzt wurde.

In der Vergangenheit haben Rückschläge dieser Art zum Zivilisationsbruch geführt. Er wurde möglich ausgerechnet durch einen Paradigmenwechsel, der als Fortschritt bezeichnet wurde. Schließlich wurde mit dem Beginn der Aufklärung die Wissenschaft als fortschrittlich im Vergleich zum Glauben betrachtet. Die Vernunft trat als Wert an die Stelle des Glaubens, die Wissenschaft als Instanz an die Stelle der Kirche. Dieser emanzipatorisch erscheinende Paradigmenwechsel führte in der Judenpolitik früherer Jahrhunderte nur oberflächlich zur Emanzipation der Juden. Am Ende dieses Paradigmenwechsels stand dann eben jene «Wissenschaft» mit ihrer «Rassentheorie». Viel zu spät wandelte sich der gesellschaftliche Konsens, um den in ihr wohnenden Wahn als solchen zu erkennen. Mit diesem Wandel hat sich also wieder ein Paradigmenwechsel angekündigt.

Dass Aufklärung, und mit ihr Wissenschaft und Vernunft, in das Gegenteil umschlagen kann, darauf haben vor allem Theodor Adorno und Max Horkheimer in ihrem Werk Dialektik der Aufklärung hingewiesen – zu einem Zeitpunkt, als das Ausmaß der Verkehrung noch nicht absehbar war.

Werte So gingen Aufklärung, Vernunft und Wissenschaft den gleichen Weg wie zuvor schon Glaube und Kirche, die sich durch Verkehrung ihrer eigenen Werte dazu brachten, als Instanzen gesellschaftlichen und politischen Handelns abzuhalftern. Wenn nun die Aufklärung, und mit ihr die Werte der Vernunft und der Wissenschaft als Instanz dieses Handelns – wie einst der Glaube und die Kirche als Macht- und Moralinstanz – nicht mehr Gültigkeit besitzt, stellt sich die Frage: Welche Werte, welche Instanzen treten an ihre Stelle?

Das Urteil von Köln ist in diesem Sinne aufschlussreich. Es wird nicht wissenschaftlich begründet, sondern basiert auf der moralischen Instanz körperlicher Unversehrtheit – ein deutlicher Hinweis, dass hier ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde. Erstmals wurde nicht unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten differenziert und daraus ein moralisches Urteil abgeleitet, sondern es wurde im Namen der Menschenrechte gesprochen. Ein Unterschied kommt aus der Verbotsperspektive auf; und zwar eben nicht unter wissenschaftlichen, sondern menschenrechtlichen Gesichtspunkten.

Das ist ein Indiz für besagten Paradigmenwechsel: von der Wissenschaft weg zu den Menschenrechten als moralische Instanz, derer man sich je nach Weltanschauung bedienen kann. Wie früher die Wissenschaft und davor der Glaube. Nun sind die Menschenrechte und die Humanität dran, als Schutzschild für einen Wahn herzuhalten und instrumentalisiert statt geschützt zu werden.

Muster Und wie mit Glaube und Wissenschaft wird man erst zu spät diesen Wahn erkennen. So war das auch mit dem Wahn früherer Epochen. Das Muster ist immer gleich: Eine Mehrheit gibt sich fortschrittlich und erkennt nur sehr spät im Nachhinein den selbst verschuldeten Irrweg. Alle Umfragen belegen, dass auch heute eine Mehrheit dem scheinbar fortschrittlichen Paradigmenwechsel anhängt. Das Muster scheint sich zu wiederholen.

Menschenrechte werden nicht geschützt, sondern instrumentalisiert, um eine Weltanschauung zu legitimieren. Wie einst der Glaube und nach ihm die Vernunft wird auch die Humanität daran Schaden nehmen. Angeblich sollen archaische und brutale Sitten überwunden werden. In Wirklichkeit agieren viele Beschneidungsgegner mit einem Eifer, den man sonst nur von religiösen Fundamentalisten kennt. In der Theologie nennt man so etwas Bekehrungswahn. Seit Reuchlin wissen wir, dass das ein Irrweg ist. Den Menschenrechten als Instanz droht das gleiche Schicksal wie dem Glauben und der Wissenschaft vor ihr. Eine bedenkliche Fehlentwicklung.

Der Autor ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt/Main.

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