Nizawim

»Wähle das Leben, damit du lebst!«

Mosche ermuntert uns, die richtige Entscheidung zu fällen und dem Weg der Tora zu folgen – auch im Interesse späterer Generationen

von Shimon Lang  26.09.2019 14:15 Uhr

Der Bund mit G’tt schließt auch die Nachkommen mit ein. Foto: Getty Images

Mosche ermuntert uns, die richtige Entscheidung zu fällen und dem Weg der Tora zu folgen – auch im Interesse späterer Generationen

von Shimon Lang  26.09.2019 14:15 Uhr

In Mosches langer Rede kommt es in diesem Wochenabschnitt zum Höhepunkt. »Ich habe das Leben und den Tod vor dich hingegeben, den Segen und den Fluch. Wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen« (5. Buch Mose 30,19). Mosche ermuntert jeden von uns, im Leben die richtige Entscheidung zu fällen und dem Weg der Tora zu folgen. Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) bemerkt, dass diese Entscheidung aktiv und bewusst gefällt werden muss.

Was an dem Vers auffällt, ist der Nachtrag: »du und deine Nachkommen«. Wieso diese spezifische Erwähnung? Warum werden die Nachkommen zu Betroffenen meiner Entscheidung erklärt? Möglicherweise lassen sich mit dem folgenden Ansatz, basierend auf den Ausführungen des New Yorker Rabbiners Yosef Yitzchak Jacobson, die tiefen und gedankenreichen Facetten von Mosches Aufforderung aufzeigen.

mordpläne Wenn wir unsere Entstehungsgeschichte betrachten, begann das erste Exil damit, dass Jakows Söhne ihren Bruder Josef verkauften. Auf Geheiß des Erstgeborenen Reuven warfen sie ihn in eine Grube. Angesichts der Mordpläne der Brüder war es Reuvens Motivation, Josefs Leben zu retten. Seine Intention war es, Josef später aus der Grube zu befreien. Doch dieser Plan ging schief.

Die Tora erzählt, wie die Brüder gemeinsam aßen, während sich Josef in dieser lebensgefährlichen Grube mit Schlangen und Skorpionen befand. Reuven war bei diesem Essen nicht dabei. Wo war er?

Exil Gemäß einer Erklärung Raschis (1040–1105) fastete er und tat Buße für eine Sünde, die er neun Jahre zuvor an seinem Vater begangen hatte. Reuven war mit seinem eigenen spirituellen Wachstum beschäftigt, während sein Bruder in der Grube litt. Das Exil begann nicht aufgrund von »schlechten Menschen« mit »schlechten Eigenschaften«. Es begann aus dem Grund, dass sich jemand mit seinem eigenen spirituellen Wachstum beschäftigte, während ein Kind schrie und Hilfe brauchte.

Reuvens Fehlverhalten führte zum Exil des Volkes. Ein solches Verhalten ist leider auch heute noch zu beobachten. Wie viele Kinder leben in einer emotionalen Grube. Sie schreien um Hilfe, aber wir sind mit uns selbst beschäftigt und nehmen die Schreie und Hilferufe nicht wahr. Wie viele Kinder leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen, Depressionen, an Sucht oder unter Einsamkeit? Wie viele haben resigniert und wenig Hoffnung, einen Partner zu finden? Hören wir sie und ihr Leiden?

Diese Realitäten sind auch Teil des Lebens, das Mosche uns auffordert zu wählen. Wie idyllisch Mosches Aussage auch klingen mag – es gilt zu bedenken: »Das Leben zu wählen« beinhaltet auch, sich mit ebendiesen Realitäten auseinanderzusetzen. Das Leben verlangt, dass ich mir jeden Tag aufs Neue bewusst mache, was Gottes Wille für mich heute bedeutet und was Er von mir erwartet.

konflikte Viele Eltern setzen große Erwartungen in ihre Kinder. Aber es sind die Hoffnungen der Eltern und nicht die der Kinder. Oft kommt es zu Unverständnis oder Konflikten, weil die Eltern zu wenig auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen. Dies könnte sein, weil sie ihr Kind und seine Bedürfnisse gar nicht kennen oder seine Wünsche für belanglos halten. Die Eltern haben Vorstellungen davon, welche Bedürfnisse das Kind haben soll. Sie verkennen ihr Kind und versuchen, ihm ihre Vorstellungen aufzudrücken.

Die Gesellschaft verlangt Perfektion. Dieses Begehren ist dermaßen mächtig, dass Defizite nicht eingestanden, sondern verschwiegen werden.

Aufgrund der hohen Erwartungshaltung der Gesellschaft werden familiäre Probleme kaschiert. Eheprobleme, psychische Krankheiten, Gewalt oder Missbrauch werden kaum thematisiert – vor allem in eng geführten Gemeinschaften nicht. Mein Kind hat perfekt zu sein und muss so sein, wie es die Umgebung von ihm erwartet.

Früher wurden Kinder Göttern als Opfer dargebracht, heute opfert man die Kinder den sozialen Erwartungen.

Wenn wir dies theologisch betrachten, gilt festzuhalten, dass Kinder im Leben ihren Weg, ihre Mission und ihren eigenen Zugang zum Göttlichen haben. Aufgabe und Verantwortung der Eltern ist es, diesen Weg zu akzeptieren, zu begleiten und zu unterstützen.

Dies beinhaltet, dass die Eltern gegebenenfalls ihre Komfortzone verlassen müssen, um mit dem Kind nach dessen Strukturen zu interagieren. Eltern müssen auf die Schwächen des Kindes eingehen und es dementsprechend stärken. Es gilt, das Kind so anzunehmen, wie es ist, und sich von den Vorstellungen, die man von seinen Kindern hat, zu verabschieden, auch wenn dies schmerzhaft sein mag.

risse Von dem jüdischen Sänger und Songwriter Leonard Cohen (1934–2016) stammt folgender Liedtext: »Forget your perfect offering, there is a crack, a crack in everything, that’s how the light gets in« (Vergiss das perfekte Opfer. In allem ist ein Riss, ein Riss, so kommt das Licht herein).

Es sind die Risse, die mich zum Überdenken zwingen. Es sind die Risse, die religiöses Wachstum ermöglichen. Es sind die Risse, die Einblick in die Seele erlauben. Es sind die Risse der Kinder, die es Eltern und Gemeinschaften ermöglichen sollen, ihre Bewertungen und ihre religiöse Auslegung zu hinterfragen. Eine vollständige Akzeptanz des Kindes ermöglicht es, sich vom sozialen Druck zu befreien.

»Wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.« Das ist nicht nur die Aufforderung, die Gebote zu erfüllen, sondern es ist der Auftrag, das Leben samt seinen – teilweise schmerzvollen – Realitäten anzunehmen und sich ständig zu hinterfragen, um Gott neu zu finden.

Wie Rabbiner Hirsch sagt, geschieht dies nicht gedanken- und willenlos, sondern es ist eine bewusste Entscheidung.

Damit meine Nachkommen leben können, muss ich erst verstehen, was es bedeutet, das Leben zu wählen. Meine Nachkommen sind von meiner Entscheidung betroffen und werden deshalb in dem Vers ausdrücklich erwähnt.

Man könnte dies sogar dahingehend erweitern, dass ich erst durch meine Nachkommen in der Lage bin, Realitäten zu akzeptieren, die Bedürfnisse des anderen zu sehen, ihn liebevoll und vollständig zu akzeptieren, meine Vorstellung zu hinterfragen und mein spirituelles Wachstum neu zu gestalten.

Der Autor ist Psychologe in Osnabrück. Er hat an Jeschiwot in Jerusalem und in England studiert.

Inhalt
Im Zentrum des Wochenabschnitts Nizawim steht der Bund des Ewigen mit dem gesamten jüdischen Volk. Diesmal sind ausdrücklich auch diejenigen Israeliten miteinbezogen, die nicht anwesend sind: die künftigen Genera-tionen. Gott versichert den Israeliten, dass Er sie nicht vergessen wird, doch sie sollen die Mizwot halten. Nach reuevoller Umkehr werden sie zurückkehren in das Land der Väter.
5. Buch Mose 29,9 – 30,20

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