Omerzeit

Vorwärts zählen

Das Omer (wörtlich: »Garbe«) ist ein Gerstenopfer. Foto: Getty Images / istock

In den Tagen des heiligen Tempels von Jerusalem brachte das jüdische Volk am zweiten Tag des Pessachfestes ein Gerstenopfer dar (3. Buch Mose 23,10). Dieses wurde als »Omer« (wörtlich »Garbe«) bezeichnet und erlaubte praktisch den Verzehr von kürzlich geerntetem Getreide.

Wochenfest In der Tora wird im 3. Buch Mose 23,15 vorgeschrieben, ab dem zweiten Tag von Pessach jeden Tag »das Omer zu zählen« – insgesamt 50 Tage bis Schawuot. Dieses Gebot auszuführen, bedeutet eine wichtige Phase des geistigen Wachstums in Vorbereitung auf das Schawuotfest, das 50 Tage auf den Beginn der Pessachfeiertage folgt.

Das Omer kann nur dann mit einer Bracha, gezählt werden, wenn folgende Bedingungen

Schawuot, das »Wochenfest«, ist der Tag, an dem das jüdische Volk am Berg Sinai stand, um die Tora zu erhalten. Dieses Ereignis erforderte eine siebenwöchige Vorbereitungszeit.

Die Kommentatoren sagen, dass wir nur aus Ägypten befreit wurden, um die Tora zu empfangen und sie zu erfüllen. Daher wurde uns geboten, vom zweiten Tag Pessach bis zu dem Tag zu zählen, an dem uns die Tora am Berg Sinai gegeben wurde – um zu zeigen, wie sehr wir die Tora begehren.

Synagoge Das Omer wird jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit gezählt, was den Beginn des jüdischen Tages darstellt. In der Synagoge wird das Omer gegen Ende des Maariwgebetes gezählt. Um das Omer richtig zu zählen, muss man sowohl die Anzahl der Tage als auch die Anzahl der Wochen aufsagen.

Das Omer kann nur dann mit einem Segensspruch, einer Bracha, gezählt werden, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Man zählt das Omer am Abend, und man hat es noch nicht versäumt, an einem der Omertage zu zählen.

Das heißt konkret: Wenn ein Mensch das Omer einen ganzen Tag lang nicht gezählt und sich bis zum nächsten Abend nicht daran erinnert hat, soll er an den folgenden Tagen zwar weiterzählen, jedoch ohne Segensspruch.

Tag Der Grund dafür ist, dass die Tora bezüglich des Omer schreibt: »Sieben Wochen werden sie vollständig sein« (3. Buch Mose 23,15). Nach Ansicht vieler Rabbiner kann der Zeitraum von sieben Wochen nicht mehr als »vollständig« betrachtet werden, wenn an einem Tag nicht gezählt wurde.

Der Talmud berichtet, dass Rabbi Akiwa 24.000 Studenten hatte, die auf tragische Weise während der Omerperiode starben, weil sie einander nicht mit genügend Respekt behandelt hatten.
Deshalb veranstalten wir an den 33 Tagen von Pessach bis Lag BaOmer, dem 33. Tag des Omer, als Zeichen der Trauer keine Hochzeiten, hören keine Instrumentalmusik, weder live noch aufgezeichnet (A-cappella-Gesang ist erlaubt), und unterziehen uns weder einem Haarschnitt noch der Rasur.

Es gibt übrigens auch Traditionen, laut denen die 33-tägige Trauerperiode einige Wochen später beginnt – demnach fängt sie am ersten Tag des jüdischen Monats Ijar an und endet am 3. Siwan.

Countdown Bemerkenswert ist, dass unser Countdown eigentlich in die falsche Richtung läuft. Jeder von uns hat bestimmt schon einmal die Zeit bis zu irgendeinem tollen Ereignis gezählt. »Es sind noch zehn Tage bis zu meinem Geburtstag« oder »In drei Tagen ist endlich Urlaub« und so weiter. Die übliche Vorgehensweise dabei ist, auf den großen Tag herunterzuzählen, während wir beim Omer aufwärts zählen – von eins bis 50. Warum dieser Unterschied?

Beim Omer zählen wir aufwärts – von eins bis 50. Dabei enthüllen wir unsere Seele.

Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst eine grundlegendere Frage beantworten: Warum hat Gott 50 Tage gewartet, nachdem wir Ägypten verlassen hatten, um uns die Tora zu geben? Warum gab er sie uns nicht einfach in Ägypten oder unmittelbar nach dem Auszug?

Die Antwort lautet, dass das jüdische Volk damals nicht in der Lage war, die Tora zu empfangen. Über 200 Jahre lebten die Israeliten in einer ägyptischen Gesellschaft, die für ihre unmoralische Gesinnung bekannt war. Auch ohne direkte jüdische Beteiligung drangen diese Einflüsse in das Bewusstsein der Juden ein.

Kabbala Das Hauptbuch der Kabbala, der Sohar, berichtet, dass die Juden in Ägypten auf die 49. Ebene der geistigen Unreinheit gefallen seien.

Das eindrucksvolle Abenteuer des Exodus – zehn wundersame Plagen und die Teilung des Roten Meeres – brachte den Juden die physische Freiheit. Die Wunder Ägyptens waren jedoch nur ein Anstoß für die bevorstehenden geistigen Entwicklungen.

Doch eine einmalige Erfahrung, so mächtig sie auch sein mag, verändert die emotionale Haltung eines Menschen nicht dauerhaft. Dies ist nur durch Übung und Anpassung im Laufe der Zeit möglich. Mit anderen Worten: Zwar hat man die Juden aus Ägypten schnell herausgeholt, doch um Ägypten aus den Juden herauszuholen, bedurfte es etwas mehr Zeit.

Das merkt man sehr häufig auch im alltäglichen Leben. Oft, wenn Menschen ein großes Lern-Event verlassen oder aus einem guten Schiur herausgehen, sind sie durch die neu gewonnenen Erkenntnisse überwältigt und höchst motiviert. Trifft man sie jedoch ein Jahr später wieder, haben sie sich häufig überhaupt nicht verändert, weil sie diese Inspiration nicht in ihren Alltag integriert haben.

Warum sollte sich ein 50-Jähriger wie ein 45-Jähriger verhalten?

Unreinheit Jetzt können wir verstehen, warum die 50 Tage des Omer aufwärts gezählt werden. Wir beginnen den Prozess auf der 49. Ebene der geistigen Unreinheit. Jeden Tag ziehen wir eine weitere Schicht ab, um die ursprüngliche, reine Seele, die wir alle besitzen, zu enthüllen.

Awraham Diese Notwendigkeit für das Selbstwachstum wird in der Beschreibung Awrahams in der Tora betont: »Awraham war alt, er kam mit seinen Tagen« (1. Buch Mose 24,1). »Er kam mit seinen Tagen« lehrt uns, dass Awraham jeden Tag in vollem Umfang nutzte. Am Ende seines Lebens hielt er »all seine Tage« in der Hand. Kein Tag war ohne das notwendige Wachstum vergangen. Klassische talmudische Kommentatoren sagen, die Tage des Omerzählens seien die günstigste Zeit, um eine höhere spirituelle Ebene zu erreichen.

Bei Kindern gehen wir davon aus, dass Wachstum und Entwicklung ein Teil der Kindheit sind. Wir erwarten nicht, dass ein Zehnjähriger sich so verhält wie ein Fünfjähriger. Leider verlieren wir als Erwachsene oft den Impuls, weiter zu wachsen.

Doch warum sollte sich ein 50-Jähriger wie ein 45-Jähriger verhalten? Wir können diese fünf Jahre ebenfalls kraftvoll und konstruktiv nutzen. Die Formel, jung zu bleiben, heißt, weiter zu wachsen. Diese wunderbare Fähigkeit zu verlieren, ist in jedem Alter tragisch. Wenn wir uns nicht konstruktiv verändern, leben wir nicht. Wir existieren nur noch.

Wer als Erwachsener nicht mehr geistig wächst, schöpft sein Potenzial nicht aus.

Ein wesentliches Hindernis für das Wachstum ist das Gefühl, von der Größe der Aufgabe überwältigt zu werden. Aber das Judentum ist nicht alles oder nichts. Der Hauptgrund, warum Menschen versagen, ist, dass sie sich ein zu hohes und unerreichbares Ziel gesetzt haben. Wir verfehlen es dann unweigerlich und werden entmutigt.

himmelsLeiter In Jakows berühmtem Traum zeigt G’tt dem Träumenden die Vision einer Leiter, die bis in den Himmel reicht. Spirituelles Wachstum muss, wie das Steigen auf einer Leiter, Schritt für Schritt erfolgen.

Durch die Festlegung kleiner und realistisch zu schaffender Ziele werden wir durch wiederkehrende Erfolge ermutigt. Der Geschmack des Erfolges stärkt das Selbstvertrauen und die Entschlossenheit, und wir können diese Energie verwenden, um höhere Ziele anzustreben. Man muss sich immer vor Augen halten, dass die längste Reise mit nur einem Schritt beginnt.

Eine Geschichte erzählt über Rabbi Israel Salanter (19. Jahrhundert), dass er eine ganze Stadt dazu bringen wollte, die Tora zu befolgen. Er richtete wöchentlichen Unterricht ein und sagte zu seinen Schülern: »Wenn ihr am Schabbat arbeiten müsst, versucht zumindest, die Schabbatübertretungen zu minimieren.«

Auf heute übertragen, würde das bedeuten, zur Arbeit zu gehen, anstatt zu fahren. Mit dieser Herangehensweise konnte Rabbiner Salanter die Gemeinde innerhalb einiger Jahre auf die volle Einhaltung des Schabbats umstellen – Schritt für Schritt.

tempo Noch eine Bemerkung zum Schluss: Nirgends in der Tora wird das genaue Datum von Schawuot erwähnt. Es findet lediglich am Ende der 50 Tage statt – weil der Schlüssel zur geistigen Befreiung darin besteht, in unserem eigenen Tempo dorthin zu gelangen, indem wir die Schritte des Zählens befolgen.

Idealerweise haben wir am Ende des Omer-Prozesses eine Reise der Selbstverbesserung erlebt und sind bereit, die Tora zu empfangen. Der Feiertag, auf den wir hinarbeiten, heißt »Schawuot«, was »Wochen« bedeutet. Der Name selbst sagt uns, dass es ohne die wochenlangen Vorbereitungen kein Schawuotfest gibt.

Zählen wir also nicht nur die Omertage, sondern sorgen wir dafür, dass jeder Omertag zählt!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Feiertag

Mut zur Ungewissheit

Das Laubhüttenfest zeigt: Nichts ist selbstverständlich – weder Wohlstand noch Freiheit

von Rabbiner Jonathan Sacks  11.10.2019

Laubhüttenfest

Wer jetzt kein Haus hat ...

Gedanken eines Rabbiners über steigende Miet- und Immobilienpreise in deutschen Städten

von Rabbiner Boris Ronis  11.10.2019

Sukkot

»Alle werden ein Bund sein«

Was die Arba Minim des Feststraußes mit dem Volk Israel gemeinsam haben

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  11.10.2019

Ha'asinu

Kurz vorm Ende noch ein Lied

Warum die letzte Bestimmung Gottes an sein Volk gesungen werden soll

von Rabbinerin Elisa Klapheck  10.10.2019

Aw-Melachot

»Der Schabbat ist eine Insel«

Rabbiner Avraham Radbil über die 39 Arbeiten, die am Schabbat verboten sind

von Ayala Goldmann  06.10.2019

Kol Nidre

Aufgelöste Schwüre

Um das bekannteste Gebet am Abend von Jom Kippur gab es jahrhundertelange Kontroversen

von Yizhak Ahren  06.10.2019