Schoftim

Voraussetzung fürs Überleben

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»Richter und Beamte sollst du dir setzen in all deinen Toren, die HaSchem, dein Gʼtt, dir gibt, nach deinen Stämmen, und sie sollen das Volk richten, ein gerechtes Gericht.« So beginnt unser Wochenabschnitt Schoftim (deutsch: Richter), der auch gleich mit dem Gebot anfängt, für diese Posten geeignete Personen zu finden.

Bereits an dieser Stelle ist die Frage angebracht: Warum bekommen wir ein solches Gebot ausgerechnet von G’tt? Schließlich sind Gerichte und Richter so gut wie in jeder Gesellschaft ohnehin vorhanden – allein schon deshalb, weil der gesunde Menschenverstand uns sagt, dass ein halbwegs unabhängiges Justizwesen eine Grundvoraussetzung für eine funktio­nierende Gesellschaft ist.

PARTEIGÄNGER Doch gerade in jüngster Zeit konnten wir erkennen, wie wichtig es ist, Richter zu haben und welchen Einfluss sie auf die Gesellschaft haben. Vor einigen Jahren verfolgen wir das Drama um die Wahl von Brett Kavanaugh zum Richter am Obersten Gericht in den Vereinigten Staaten mit, dessen Kandidatur äußerst umstritten war. Befürchtungen, dass mit ihm ein Parteigänger des damaligen Präsidenten Donald Trump die konservative Agenda verstärken würde, führten zu wochenlangen heftigen Diskussionen.

Auch in Deutschland boten Richter reichlich Stoff für Diskussionen, so die ehemalige Richterin und AfD-Politikerin Birgit Malsack-Winkemann, der vorgeworfen wurde, der sogenannten Reichsbürger- und QAnon-Bewegung anzugehören.

Viel präsenter aber ist uns die aktuelle Debatte um den Umbau des Justizwesens in Israel. Dort geht es nicht um einzelne Richter, sondern um die Stellung des Obersten Gerichtshofes und den Einfluss seiner Richter auf die Gesetzgebung. Dieses Vorhaben ist derart stark umstritten, dass es inzwischen bereits seit acht Monaten ununterbrochen Proteste dagegen gibt, die das öffentliche Leben lahmlegen. Für beide Seiten geht es in dieser Auseinandersetzung um nicht weniger als die Zukunft der Demokratie in Israel.

Es ist also kein Zufall, dass sowohl die Tora selbst als auch unsere Weisen den Richtern und den Gerichten eine große Bedeutung beimessen. In der Tora finden wir viele Stellen, in denen es um Richter und das Richten geht. Wir können in diesen Zeilen auch eine Menge über das gerechte Richten lernen.

Verhängnis In der Tora werden Richter zum ersten Mal in der Geschichte von Lot und Sedom erwähnt. »Der da ist gekommen, als Fremdling zu weilen, und will den Richter machen! Nun werden wir mit dir übler verfahren als mit ihnen«, rufen die Bürger Sedoms wütend zu Lot, als er versucht, Gäste bei sich zu beherbergen.

Unsere Weisen erzählen, dass sich hinter diesen Worten eine spannende Geschichte verbirgt. Laut der Überlieferung waren die ungerechten Gerichte in Sedom der berühmte »letzte Tropfen«, der das Fass der g’ttlichen Geduld zum Überlaufen brachte. Denn diese Gerichte waren genau das Gegenteil von Gerechtigkeit: Die Richter verhöhnten die Opfer, die Straftäter wurden freigesprochen und gar noch entschädigt.

Als Lot zum Richter ernannt wurde, hoffte die Stadt noch, alles würde beim Alten bleiben. Als er jedoch versuchte, zwei Gäste in seinem Haus zu beherbergen, was in Sedom strengstens verboten war, gerieten die Einwohner der Stadt außer sich. Der gerade erst ernannte Richter versucht, barmherzig zu sein?! So lautete einer der Vorwürfe. Das dürfe nicht sein und müsse bestraft werden.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Lot wurde von Engeln gerettet, die Stadt Sedom zerstört. Ihr absurdes Gerichtssystem sollte den reichen und egoistischen Bewohnern zum Verhängnis werden.

WAHRHEIT Das zweite Mal lesen wir über die Richter im 2. Buch Mose. Die Israeliten sind aus Ägypten ausgezogen und haben die Tora erhalten. Da kommt Mosches Schwiegervater Jitro in die Wüste zu ihnen.

Als er sieht, wie Mosche den ganzen Tag zu Gericht sitzt, empfiehlt er seinem Schwiegersohn, Richter einzusetzen: »Und wähle du aus dem ganzen Volk tüchtige Männer, gottesfürchtige, Männer der Wahrheit, Gewinn hassende, die setze über sie, Obere über 1000, Obere über 100, Obere über 50 und Obere über zehn. Dass sie richten das Volk alle Zeit, und es soll geschehen: Jegliche große Sache bringen sie vor dich, und jegliche kleine Sache richten sie, und erleichtere es dir, dass sie tragen mit dir.«

In diesem Kontext ist es interessant, welche Eigenschaften Richter nach Jitros Plan haben sollen: »tüchtige Männer, gottesfürchtige, Männer der Wahrheit, Gewinn hassende«. Solche gerechten Personen waren anscheinend schon damals unmöglich zu finden. Denn Mosche konnte Richter nur mit einer Eigenschaft finden: »Und Mosche wählte tüchtige Männer aus ganz Israel aus und setzte sie zu Häuptern über das Volk.«

tipps Ganz wichtige Tipps für die Richter finden wir auch im Wochenabschnitt Mischpatim (2. Buch Mose). So darf ein Richter nicht anderen Richtern zustimmen, wenn er sieht, dass die anderen Richter ungerecht urteilen. Und er darf einen Reichen im Gericht nicht bevorzugen, auch wenn er Ärger machen kann.

Und ein Richter darf auch einen Armen nicht bevorzugen, um ihn auf diese Weise materiell zu unterstützen. Zudem darf ein Richter von keiner der Parteien ein Geschenk annehmen, auch wenn er vorhat, gerecht zu richten. Denn er würde sonst einer Partei zugeneigt sein und auf jeden Fall beim Richten einen Fehler machen.

In unserem Wochenabschnitt werden diese Regeln wiederholt und bekräftigt. Hier finden wir auch den berühmten Satz »Zedek, Zedek tirdof« – »Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, auf dass du lebst und einnimmst das Land, das der Ewige, dein Gʼtt, dir gibt.«

Der doppelte Ausdruck zeigt, wie wichtig die Gerechtigkeit besonders im Rechtssystem ist. Außerdem appelliert die Tora hier an die Anführer des Volkes, um zu betonen, wie sehr sie sich bemühen sollen, würdige Richter auszuwählen. Aus dem zweiten Teil des Satzes entnehmen unsere Weisen, dass allein die Ernennung der würdigen Richter für G’tt Grund genug ist, die Juden am Leben zu erhalten und auf ihrem Land leben zu lassen (Midrasch Sifre).

sicherheit An vielen Stellen im Talmud betonen unsere Weisen, dass eine gerechte Rechtsprechung unmittelbar verbunden ist mit der persönlichen Sicherheit der Bewohner des Landes. So lesen wir in Pirkej Awot, den Sprüchen der Väter: »Das Schwert kommt in die Welt wegen der Verzögerung der Rechtsprechung, wegen Rechtsbeugung« (5,8).

Aus jüdischer Sicht sind daher die gerechten Richter und Gerichte nicht nur für den Erhalt der Demokratie nötig, sondern sie sind eine Voraussetzung für das Überleben in dieser Welt.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

inhalt
Im Wochenabschnitt Schoftim geht es um Rechtsprechung und Politik. Es werden Gesetze über die Verwaltung der Gemeinschaft mitgeteilt sowie Verordnungen für Richter, Könige, Priester und Propheten. Die Tora betont, dass die Kinder Israels in jeder Angelegenheit nach Gerechtigkeit streben sollen. Bevor mit Verordnungen zum Verhalten in Kriegs- und Friedenszeiten geschlossen wird, weist die Tora darauf hin, dass ein Israelit, der einen anderen ohne Absicht totgeschlagen hat, sich in einer von drei Zufluchtsstädten vor Blutrache retten kann.
5. Buch Mose 16,18 – 21,9

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