Talmudisches

Von Rehen und Hirschkühen

Der Talmud vergleicht die Tora mit einem Reh. Foto: Getty Images

In manchen Synagogen werden die zwölf Stämme Israels mit Wappen oder Symbolen dargestellt. Viele davon zeigen die Eigenschaften, die ihnen im Kapitel 49 des ersten Buches der Tora zugeschrieben werden: zum Beispiel Jehuda, der Löwe, oder Naftali, das Reh oder die Hirschkuh, hebräisch: »Ajala«. Man könnte den Vers über die Hirschkuh also übertragen mit: »Naftali, ein rehgleicher Bote, erzeugt schön gegliederte Reden« (1. Buch Mose 49,21).

Auch die Propheten schreiben von Hirschen und Rehen – und beschreiben sie, wie wir sie heute kennen. Bei Jeschajahu lesen wir, dass es schnelle Tiere sind: »Dann wird der Lahme hüpfen wie ein Hirsch, und jubeln die Zunge des Stummen; denn es brechen Gewässer hervor in der Wüste und Bäche in der Steppe« (35,6).

pirkej awot Auch in den Pirkej Awot, den »Sprüchen der Väter«, finden wir diesen Aspekt: »Jehuda ben Tema sagte: Sei mutig wie ein Leopard, behänd wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch und heldenhaft wie ein Löwe, den Willen des Vaters im Himmel zu vollbringen.«

Der Talmud (Eruwin 54a) hebt jedoch eine ganz andere Eigenschaft der Hirschkuh hervor, die als bekannt vorausgesetzt wird: Rabbi Schmuel ben Nahmani fragt nach der Bedeutung des Verses »Eine liebende Hirschkuh, eine anmutige Gazelle. Ihre Brüste sollen dich immer sättigen« (Mischle 5,19). Er fragt: »Warum wurden die Worte der Tora mit einer Hirschkuh verglichen? Um euch zu sagen, dass, so wie die Hirschkuh einen engen Schoß hat und von ihrem Gefährten immer so geliebt wird wie in der ersten Stunde ihrer Begegnung, so ist es mit den Worten der Tora – sie wird von denen, die sie studieren, immer so geliebt wie in der Stunde ihrer ersten Begegnung.«

Diese Eigenschaft der Hirschkuh wird auch an anderer Stelle des Talmuds erwähnt. So heißt es in Baba Batra 16b, Rabba ben Schila habe gesagt: »Betrachte, wie die Hirschkuh ihre Jungen zur Welt bringt. Die Hirschkuh hat einen engen Muttermund.«

Aber Rabba ben Schila gibt einen praktischen Rat: »Ich halte ihr, wenn sie zum Werfen niederkauert, eine Schlange bereit. Diese beißt sie am Muttermund, wodurch sich dieser bei der Geburt dehnt. Würde diese (die Schlange) aber einen Augenblick zu früh oder zu spät eingesetzt, so würde sie umkommen.«

Esther Nicht nur die Tora vergleicht der Talmud mit einer Hirschkuh, sondern auch Esther, und dies aus denselben Gründen. So heißt es im Traktat Joma (29a) von Rabbi Zera: »Weshalb wurde Esther mit einer Hirschkuh verglichen?« Die Antwort: »Wie die Hirschkuh einen engen Muttermund hat und daher ihrem Männchen immer so lieb ist wie in der ersten Stunde, so blieb auch Esther dem Achaschwerosch stets lieb wie in der ersten Stunde.«

Es gibt also eine ganz offensichtliche sexuelle Anspielung – auch in Bezug auf die Tora. Beides zusammen bringt ein Gebet für Schawuot, das Wochenfest, mit der Bezeichnung »Ajelet ahawim« – »Liebende Hirschkuh«.

Ein Machsor aus dem 13. Jahrhundert illustriert diesen Text mit einer Jagdszene: Ein Jäger bläst das Horn und lässt einen Hund auf ein Reh oder eine Hirschkuh los. Ähnliche Abbildungen findet man auch in anderen jüdischen Handschriften aus jener Zeit.

Heute wird angenommen, dass diese Szene eine Metapher für die Judenverfolgung und das Vorgehen gegen die Tora ist. Man denke an Psalm 22,17: »Mich umringen Hunde, gleich Löwen umkreist mich an Händen und Füßen eine Rotte Bösewichter.« Der Psalm ist überschrieben mit »Dem Sangmeister. Hirschkuh am frühen Morgen (Ajelet haSchachar)«. Wir werden das Symbol für Naftali nun mit ganz anderen Augen sehen.

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