Korach

Von Neid getrieben

Korach, Datan, On und Awiram scharen Menschen um sich, um sie gegen Mosche aufzuwiegeln. Foto: Getty Images/ iStockphoto, Montage: Marco Limberg

Es sind vier Männer, die den Aufstand gegen Mosche und Aharon proben. Korach, ein Cousin von Mosche und Aharon, On sowie Datan und Awiram. Die beiden Letztgenannten kommen aus dem Stamm Reuwen und haben eine unrühmliche Vorgeschichte. Diese ereignet sich zu Beginn des 2. Buchs Mose: Die Israeliten waren noch Sklaven in Ägypten, Mosche lebte am Hof des Pharaos und hatte tags zuvor einen ägyptischen Wärter umgebracht, der einen »hebräischen Mann von seinen Brüdern« geschlagen hatte. Mosche vergrub den Ägypter im Sand.

Es heißt weiter: »Er (Mosche) ging hinaus am nächsten Tage, und siehe, zwei hebräische Männer stritten sich.«

Es waren, wie Raschi (1040–1105) in seinem Kommentar schreibt, Datan und Awiram. Mosche versucht, den Streit zu schlichten, und sagt: »Warum schlägst du deinen Nächsten? Und er (der im Unrecht) sprach: Wer hat dich zum Meister und Richter über uns gesetzt? Meinst du, mich zu töten, wie du den Ägypter getötet hat?«

Es bleibt nicht bei dieser Frage, denn sofort erfährt der Pharao von Mosches Tat und möchte ihn daraufhin umbringen. Wie Raschi anmerkt, waren es Datan und Awiram, die es dem Pharao gemeldet hatten.

Midrasch Der vierte Aufständische ist On, der ebenfalls aus dem Stamm Reuven kam. Jedoch wird dieser nur im ersten Vers der Parascha genannt und findet danach keine Erwähnung mehr. Ein Midrasch erklärt, dass es Ons Frau war, die ihn davon abbrachte, sich dem Aufstand anzuschließen.
So bleiben Korach, Datan und Awiram übrig, die schwerwiegende Vorwürfe gegen Mosche und Aharon erheben: »Ihr maßt euch zu viel an! Die ganze Gemeinde besteht aus lauter Heiligen, denn der Ewige ist unter ihnen. Warum erhebt ihr euch über die Versammlung des Ewigen?«

Es wird so getan, als ob Mosche und Aharon ihre Positionen an sich gerissen hätten. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Noch zwei Wochen zuvor, im Wochenabschnitt Beha’alotcha, hieß es: »Der Mann Mosche war sehr bescheiden, mehr als irgendein Mensch auf der Erde.« Diese Person soll sich Macht angeeignet haben, die ihr nicht zusteht?

STELLUNG Ein Blick ins zweite Buch der Tora verdeutlicht, dass Mosche lange zögerte, den Auftrag Gottes anzunehmen, Sprecher vor dem Pharao zu sein und die Israeliten aus Ägypten zu führen. Raschi schreibt, es habe sieben Tage gedauert, bis Gott Mosche endlich überzeugt hatte. Ibn Esra (1089–1167) betont, dass Mosche sich seine besondere Stellung nicht ausgesucht habe. Dennoch kommt es zur Kritik.

Dies war eine ungewohnte Situation für Mosche. Kam Kritik auf, so war sie meist an Gott gerichtet. Mosche war dann in der Position, zwischen Gott und den Israeliten zu vermitteln. Oder umgekehrt: Mosche verteidigte die Missetaten des Volkes gegenüber Gott – etwa bei der Sünde des Goldenen Kalbs, als sich Mosche, trotz seines eigenen Ärgers über die Israeliten, vor Gott für diese einsetzt und Gottes Vergebung erlangt.

Nun steht Mosche selbst in der Kritik. Es heißt in der Tora: »Als Mosche dies (die Kritik) hörte, fiel er auf sein Angesicht.« Diese Reaktion erscheint ungewöhnlich. Rabbiner Gunther Plaut (1912–2012) schreibt dazu in seinem Kommentar: »Eine Geste, die auch im Gebet üblich war, die hier aber wohl Mosches Demut oder Ohnmacht oder beides beschreibt.«

Was tut Mosche hier? Raschi erzählt in seinem Kommentar ein Gleichnis: »Wenn ein Prinz seinen königlichen Vater beleidigt, versucht ein Freund, sie zu versöhnen und den Vater zu besänftigen. Dies kann jedoch nur zwei-, höchstens dreimal gelingen. Bei weiteren Vergehen des Prinzen wird auch der Freund seinen Mut verlieren und sich sagen: ›Wie oft kann ich den König belästigen? Schwerlich dürfte er meine Bitte erneut anhören.‹«

Es geht weniger darum, dass Mosche nicht mit Kritik an seiner Person umgehen kann, sondern vielmehr darum, dass er sich darüber im Klaren ist, dass er Korach nur schwer vor Gott wird verteidigen können, dass er nicht wie ein Freund agieren kann, der zwischen ihm und dem König vermittelt, dass Gottes Strafe folglich schwer ausfallen wird.

Positiv ist, dass sich nach Mosches Appell Korachs Söhne und einige andere Anhänger zurückzogen haben. Daher gibt es unter den 150 Psalmen zwölf »von den Söhnen Korachs.« Hätten sie sich nicht von Korach abgewandt, wären diese Söhne nicht am Leben geblieben, denn die Strafe, die Korach, Datan, Awiram und ihre Anhänger ereilt, ist grausam: »Es öffnete die Erde ihren Mund und verschlang sie und ihre Häuser und alle Leute, die Korach angehörten, und all ihren Besitz.«

BROT Wir sehen aber, dass es auch im weiteren Verlauf der Tora Kritiker gibt. Schon im nächsten Wochenabschnitt spricht das Volk zu Gott und Mosche: »Wozu habt ihr uns heraufgeführt aus dem Land Ägypten – um in der Wüste zu sterben? Denn da ist kein Brot und kein Wasser.«

So lässt sich feststellen: Egal, wer einen für den Posten bestimmt hat (selbst wenn es Gott selbst gewesen wäre!); selbst wenn man die bescheidenste Person auf der ganzen Welt ist; selbst wenn man sich stets zum Wohle der Menschen einsetzt: Das alles wird nicht verhindern, dass es Kritiker gibt.

Anders als Mosche, der vor Gottes Urteil machtlos erscheint, liegt es heute meist in unseren Händen, wie wir reagieren. Manchmal mag man sich wünschen, dass alle Kritiker verstummen. Dabei vergessen wir, dass es gerade Kritik sein kann, die zeigt, dass Menschen nicht gleichgültig sind (was viel schlimmer wäre), sondern dass sie mitdenken, anders denken.

Ich wünsche uns allen, bei Kritik stets das Konstruktive erkennen zu können, sie nicht als Angriff gegen die eigene Person, die eigene Arbeit zu sehen, sondern als Chance. Denn jede Kritik gibt uns die Möglichkeit, eine kritisierte Sache zu überprüfen, zu reflektieren und gegebenenfalls zu verbessern.

Der Autor ist Landesrabbiner von Thüringen und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).


inhalt
Korach und seine Anhänger Datan und Awiram rebellieren gegen die beiden Anführer Mosche und Aharon. Der Ewige selbst bestraft den Putschversuch und lässt sowohl Korach als auch seine Anhänger vom Erdboden verschlingen. Andere Sympathisanten Korachs werden durch ein himmlisches Feuer verzehrt. Dennoch herrscht Unmut unter den Israeliten. Darauf folgt eine Seuche, die von Aharon beendet wird. Um seine Position an der Spitze zu verdeutlichen, sollen die Anführer jedes Stammes ihren Stab ins Stiftszelt bringen. Und siehe da: Aharons Stab treibt Blüten.
4. Buch Mose 16,1 – 18,32

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