Talmudisches

Von Dürre und Hunger

Wassermangel: »Weicht ihr aber ab und dient fremden Göttern, (…) dann wird [der Ewige] den Himmel verschließen« (5. Buch Mose 11, 10–17). Foto: Getty Images/iStockphoto

»Rabbi Jochanan sprach: Göttliche Entscheidungen, welche die folgenden drei Dinge betreffen, verkündet der Ewige selbst. Und diese sind es: Hungersnot, Sättigung und die Ernennung guter Volksversorger« (Talmud, Berachot 55a).

Um diese Aussage besser zu verstehen, müssen wir zunächst zurück in die schriftliche Tora gehen, in die Beschreibung des Landes Israel, wie wir sie im 5. Buch Mose lesen.

Dort heißt es: »Denn das Land, in das du gelangen wirst, um es zu ererben, ist nicht wie das Land Ägypten, aus dem ihr hinausgegangen seid, wo du deine Saat aussätest und selbst bewässertest wie in einem Gemüsegarten. Das Land nämlich, in das ihr hinübertreten werdet, um es zu erben, (…) trinkt sein Wasser durch den Regen des Himmels. Es ist ein Land, das der Ewige, dein Gott, immerdar begutachtet, die Augen des Ewigen, deines Gottes, sind auf ihm vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres. Und wenn ihr auf meine Gebote hört, (…) werde Ich dem Land Regen geben (…). Weicht ihr aber ab und dient fremden Göttern, (…) dann wird [der Ewige] den Himmel verschließen« (11, 10–17).

Wasser Das Land Israel hebt sich also gerade dadurch hervor, dass seine stetige Wasserversorgung nicht gesichert ist. Im Gegensatz zu Ägypten oder auch den mesopotamischen Ländern, die durch Nil, Euphrat und Tigris eine relativ beständige Wasserzufuhr aufweisen, ist das Heilige Land im wortwörtlichen Sinn vom Wohlwollen des Himmels abhängig. Regnet es zur Winterjahreszeit, so wird im Frühjahr geerntet. Regnet es aber nicht, folgen Dürre und Hungersnot.

Aus diesem Grund haben die Bewohner des Heiligen Landes in talmudischer Zeit verschiedene Fastentage und Bußgebete gehalten, wenn der winterliche Regen ausblieb, wie wir im Traktat Taanit lernen. Denn die Gefahr schlechter Ernten und Hungersnöte hing wie ein Damoklesschwert über den Bergen und Tälern der Region.

So äußerte sich denn auch Rabbi Jehoschua ben Korcha schwermütig über die Schäden der Dürre: »Einen härteren Tod als den durch Hunger gibt es nicht« (Mechilta 16,3).

Götzendienst Da es ein wichtiges Thema war, finden wir im Talmud viele Diskussionen und Betrachtungen rund um das Wesen von Hungersnöten.

So meinen die Weisen etwa, dass es nicht allein Götzendienst ist, der durch Hungersnöte geahndet werden kann, sondern auch etliche andere Vergehen, die die Gemeinschaft von innen bedrohen: »Durch die Sünde der Rechtsunterdrückung, Rechtsbeugung und Rechtsentstellung sowie durch die Annullierung der Tora und ihres Studiums kommen Schwert, große Plünderung, Plage und Dürre in die Welt, sodass die Menschen essen, doch nimmer satt werden« (Schabbat 33a).

Umso wichtiger ist es, trotz all dieses Leids nicht Rabbi Jochanans oben angeführten Nachsatz zu vergessen. Gott veranlasst nicht nur die Hungersnot, sondern auch die Sättigung und die Bestellung jener, die das Volk versorgen. Was versteckt sich hinter diesem Optimismus?

VORVÄTER Im biblischen Befund häufen sich die Hungersnöte gerade bei den Vorvätern des jüdischen Volkes, bei Awraham, Jizchak und Jakow. Jeder von ihnen musste eine große Hungersnot erleben, und doch fand jeder von ihnen auch Sättigung. Zur Zeit Jakows sehen wir außerdem, dass der Ewige Josef bestellte, um die Perioden der Trockenheit und der Sättigung mit viel administrativem Geschick zu verwalten, sodass die schlimmsten Übel von den leidenden Völkern abgewehrt werden konnten.

Im Geiste dieser Zuversicht verkünden uns unsere Weisen schließlich, dass die materiellen Hungersnöte der Menschheitsgeschichte in der messianischen Zukunft überhaupt umgewandelt würden; und zwar in eine spirituelle Hungersnot, in ein inwendiges Suchen nach dem Guten: »Nicht einen Hunger nach Brot wird es eines Tages geben und nicht einen Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte des Ewigen« (Amos 8,11 und Be­reschit Rabba 25,3).

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