Talmudisches

Von Blumen

Pflanzen können für ein besonderes Ambiente sorgen. Foto: Getty Images

Talmudisches

Von Blumen

Warum wir den Schabbat seit Generationen durch Blumenschmuck ehren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  01.04.2022 09:35 Uhr

Im Talmudtraktat Schabbat 33b lesen wir von einem alten Mann, der am Vorabend des Schabbats mit zwei Myrtenbündeln in seinen Händen kurz vor der Abenddämmerung nach Hause eilte: »Die Leute fragten ihn: Wozu brauchst du diese Myrten? Er antwortete: Zur Ehre des Schabbats. Da fragten die Leute weiter: Dann müsste doch aber ein einziges Bündel genügen? Er entgegnete: Das eine ist für ›Sachor‹ (erinnern), das andere für ›Schamor‹ (einhalten).«

Das biblische Gebot, den wöchentlichen Ruhetag zu halten, beinhaltet nach den Rabbinern der talmudischen Zeit auch die Aufforderung, ihn besonders zu ehren: durch feine Kleidung, gedeckte Tische, üppige Speisen und auch durch das Schaffen einer würdevollen Atmosphäre.

MIZWA Wie die Gemara hier erzählt, lebte ein frommer Greis diese Mizwa so aus, dass er in seinem Haus zwei duftende, weiß blühende Myrtenbündel aufhängte und damit ein besonderes Ambiente schuf. So wurde es allen späteren Generationen zum Vorbild, den Schabbat durch Blumenschmuck zu ehren.

Indem der alte Mann gleich zwei Bündel Myrte nach Hause brachte, gedachte er das Doppelgebot zu erfüllen, indem er den Schabbat sowohl durch rituelle Handlungen (»sachor«) heiligte als ihn auch vor Entweihung bewahrte (»schamor«).

Myrte und Schoschana sind wegen ihrer Schönheit zu Frauennamen geworden.

In dieser Erzählung symbolisieren blütentragende Gewächse die Herrlichkeit des Schabbats. Doch auch in andere Heiligtümer der Tradition wurden Blumen durch vielfältige Sinnzusammenhänge eingeordnet: »Rabbi Chiskija sprach: Es steht geschrieben (Hohelied 2,2): ›Wie die Schoschana unter den Dornen (so ist meine Geliebte unter den Mädchen).‹ Wer ist Schoschana? Das ist die Gemeinschaft Israels. So wie die Schoschana mit Rot und Weiß geschmückt ist, gibt es auch in der Gemeinschaft Israels Gerechtigkeit und Gnade. So wie die Schoschana 13 Blätter aufweist, erweist Gott auch der Gemeinschaft Israels von allen Seiten Erbarmen durch Seine 13 Eigenschaften.«

SCHOSCHANA Die Kabbalisten späterer Zeiten knüpfen hier, in den Eröffnungsworten des Sohar, des wichtigsten Werks der jüdischen Mystik, an midraschische Auslegungstraditionen an, die im biblischen Hohelied das Zwiegespräch zwischen Gott und seinem geliebten Volk entdecken, und vergleichen Israel mit einer Blume: der Schoschana.

Die genaue Bedeutung dieses hebräischen Wortes ist im Laufe der Jahrtausende verloren gegangen. Nach vielen ist Schoschana die Lilie, nach anderen die Rose, wieder andere wollen in dem Wort eine allgemeine Bezeichnung für Schmuckblumen entdecken. In der zitierten Sohar-Passage scheint die Rose gemeint zu sein.

Sie dient hier als Inbegriff von Symbolen, die das jüdische Volk umkreisen: Rot und Weiß stehen für den in göttlichen Taten üblichen Dualismus von strikter Gerechtigkeit auf der einen Seite und unermesslicher Güte auf der anderen Seite.

BEDEUTUNG Die 13 Blätter stehen für die an unseren Lehrer Mosche am Berg Sinai verkündeten Eigenschaften der Gnade des Ewigen (2. Buch Mose 34, 6–7), die ihren Ursprung in den obersten Welten haben und auch vom Menschen hier unten auf der Erde praktiziert werden sollten (vgl. Tomer Dewora), wie es im Propheten heißt (Hoschea 14,6): »Ich (der Ewige) werde ihnen wie (belebender) Tau sein, auf dass sie wie die Schoschana aufblühen.«

Myrte und Schoschana haben in diesen rabbinischen Texten besondere Bedeutung. Doch sie vereint noch mehr: Sie sind wegen ihrer Schönheit zu Frauennamen geworden. Myrte, hebräisch Hadassa, war der hebräische Name von Königin Esther. Und Schoschana, gräzisiert Susanna, war der Name einer Protagonistin aus den apokryphen Zusätzen zum Buch Daniel.

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026