Talmudisches

Vom Umgang mit Demenz

Der Rambam, schreibt, ein Kind, das die Demenz des Vaters oder der Mutter nicht mehr ertragen kann, dürfe weggehen. Doch muss es dafür sorgen, dass andere die Eltern in angemessener Weise betreuen. Foto: Thinkstock

Im Talmud treten zwei Gelehrte auf, die beide Rav Assi heißen. Man sollte sie nicht miteinander verwechseln. Der eine lebte in Babylonien, der andere in Eretz Israel. Doch stammte auch dieser ursprünglich aus Babylonien. Warum übersiedelte er?

In der Encyclopaedia Judaica steht, dass er wegen eines Missverständnisses mit seiner Mutter nach Israel auswanderte. Ist diese Erklärung richtig?

Betrachten wir die angegebene Quelle: »Rav Assi hatte eine alte Mutter. Einst sagte sie zu ihm, sie wolle Schmuck – da fertigte er ihr welchen. Dann sagte sie: ›Ich möchte einen Mann haben‹ – wir wollen einen suchen. ›Ich möchte einen Mann haben, der so schön ist wie du.‹ Da verließ er sie und ging nach Eretz Israel« (Kidduschin 31b).

Flucht Anscheinend ist Rav Assi vor seiner Mutter geflohen. Sie stellte Forderungen an ihn, die er glaubte, nicht erfüllen zu können. Wir dürfen annehmen, dass er die Alte für senil hielt.

Maimonides, der Rambam, schreibt, dass ein Kind, das die Verrücktheit des Vaters oder der Mutter nicht länger ertragen kann, weggehen darf. Doch muss es dafür sorgen, dass andere die Eltern in angemessener Weise betreuen (Hilchot Mamrin 6,10). Als Quelle für diese Entscheidung nennt Rabbiner Josef Karo die Geschichte von Rav Assi.

Die referierte Meinung von Maimonides ist unter Halachisten jedoch nicht unumstritten. Schon Rabbi Avraham ben David, bekannt auch als Raaved, hat die Entscheidung von Maimonides kritisiert. Aber diese religionsgesetzliche Kontroverse soll uns hier nicht weiter beschäftigen.

Wie hat Rav Assis Mutter auf die Trennung von ihrem Sohn reagiert? Wir wissen es, denn der Talmud erzählt uns, wie die Geschichte weiterging: »Als Rav Assi hörte, dass die Mutter ihm nachfolgte, ging er zu Rabbi Jochanan und fragte ihn, ob man von Eretz Israel ins Ausland auswandern dürfe. Dieser erwiderte, es sei verboten. ›Wie ist es zum Empfange einer Mutter?‹ Da erwiderte Rabbi Jochanan etwas zögerlich: ›Ich weiß es nicht.‹ Als Rav Assi wiederum zu ihm kam, sprach Rabbi Jochanan: ›Assi, du bist nun entschlossen, fortzugehen. Bringe Gott dich in Frieden zurück.‹ Hierauf ging Rav Assi zu Rabbi Elieser und sagte: ›Er (Rabbi Jochanan) ist – behüte und bewahre – vielleicht böse.‹ Rabbi Elieser fragte: ›Was sagte er zu dir?‹ Rav Assi erwiderte: ›Gott bringe dich in Frieden zurück.‹ Da entgegnete Rabbi Elieser: ›Wäre er böse, hätte er dich nicht gesegnet.‹ Da hörte Rav Assi, dass ihr Sarg kommt und sprach: ›Hätte ich das geahnt, wäre ich nicht weggegangen.‹«

Schuldgefühle Die alte Mutter ist auf dem Weg zu ihrem Sohn gestorben, und Rav Assi hat am Ende seinen Weggang bereut. Ihn plagten Schuldgefühle. Diese kamen möglicherweise schon im Dialog mit Rabbi Elieser zum Vorschein. Die Befürchtung, Rabbi Jochanan sei auf ihn böse, beruht vermutlich auf einem Vorgang, den Psychoanalytiker eine Projektion nennen: Seine eigenen Gefühle schrieb der reumütige Sohn Rabbi Jochanan zu. Rabbi Elieser gelang es, Rav Assi die richtige Interpretation der Worte des Meisters deutlich zu machen.

Die Tora verlangt nachdrücklich die Ehrung von Vater und Mutter (2. Buch Mose 20,12 und 5. Buch Mose 5,16). Die Geschichte von Rav Assi führt uns vor Augen, in welche Zwickmühle man, wenn Senilität sich bemerkbar macht, bei der Erfüllung dieses Gebotes geraten kann. Viele Menschen mit an Demenz leidenden Eltern machen solch schmerzliche Erfahrungen.

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026