Chile-Kumpel

Vom Dunkel ans Licht

Viele Tage lang hält die Welt den Atem an. Das Schicksal der 33 Kumpel, verschüttet in einer kleinen Mine in der chilenischen Atacama-Region, zieht alle in den Bann. Tage werden zu Wochen, Hoffnung schwindet. Doch dann gräbt sich ein Bohrer durch 700 Meter Gestein. Der erste Kontakt, die Rettung scheint wieder möglich.

Dann, am Mittwoch vergangener Woche, verfolgt eine Milliarde Menschen weltweit die Rettung der chilenischen Minenarbeiter am Fernseher. CNN nennt dieses unglaubliche Ereignis »den Triumph menschlicher Entschlossenheit über die Geologie« – und feiert den Mut, die Hoffnung, die Liebe und den Glauben, zu dem Menschen fähig sind. Es wird ein Wunder gefeiert. Ein Moment der Gnade.

Am eindrucksvollsten ist der Moment, in dem die Phoenix-2-Kapsel aus der Tiefe auftaucht. Minenarbeiter Florencio Avalos erscheint wie ein Neugeborenes aus dem Mutterleib. Als würde das Leben aus dem Grab auftauchen. Sein siebenjähriger Sohn und seine Frau sind da. Er umarmt sie. Nach 68 Tagen unter Tage sind seine Augen die ersten, die zu den Sternen hinaufblicken. Und wir empfinden so, als hätte die Liebe in dieser Nacht in Chile die Sonne und all die anderen Sterne bewegt. Manchmal ist das Leben eben doch so, wie es sein sollte.

Symbol Warum ist das Leid der Minenarbeiter so fesselnd – und was symbolisiert es? Minenarbeiter schuften im Dreck und im Dunkeln, für sich selbst und ihre Familien, aber auch für uns alle, die von der fortwährenden Bereitstellung der Energie abhängig sind, um in behaglicher Wärme und Licht leben zu können. Oder, wie in diesem Fall, holen sie Kupfer und Gold aus der Tiefe des Berges. Es steht außer Frage, dass die Arbeit riskant ist. Ein Kumpel steigt jeden Tag in die Dunkelheit hinab, in der Hoffnung, nach einiger Zeit wieder ins Licht zurückzukehren.

Die Kabbala sieht uns alle als gefangene Minenarbeiter. Wir alle leben in einer dunklen Mine, und die meiste Zeit ist uns das nicht bewusst. Wir haben uns an die Routine unserer eigenen »Höhlen« und »Tunnel« gewöhnt. Manchmal ist die Dunkelheit so ausgeprägt, dass sie die Tatsache, dass es dunkel ist, verbirgt. Selbst die Strahlen des Lichts – der Regen vom Himmel, der Segen des Lebens, das uns nährt – können einfach als »Natur« abgetan werden, man kann »so ist das eben« sagen, ohne dankbar zu sein.

Geburt Was ist Geburt? Es ist die Reise einer Seele in eine dunkle Mine, in einen Körper und eine Welt, in der die Präsenz G’ttes völlig verborgen ist. Das hebräische Wort für die Welt ist »olam«, was Verborgenheit bedeutet. Die Definition unserer Existenz ist also Bedeckung. Wir leben in einer Realität, die die wahre Realität verbirgt.

Stellen Sie sich vor, die 33 Minenarbeiter in Chile wären in einem dunklen Raum auf die Welt gekommen, und hätten nie einen anderen Ort kennengelernt. Dann hätten sie ihre Existenz als normal betrachtet. Die Dunkelheit wäre als Licht wahrgenommen worden, es wäre der normale Zustand gewesen.

Doch sie kamen aus der wirklichen Welt, vom Leben über der Erde, und daher wussten sie, wie heikel ihre Situation war. Ihnen war die Gefahr bewusst.

Wir, auf der anderen Seite, sind uns häufig der Dunkelheit, in der wir leben, nicht bewusst. Unsere Realität ist so etwas wie ein eingeschränkter Kasten, aus dem wir nicht durch das Fenster schauen können. Wir können nicht einmal sehen, dass da ein Fenster ist, eine Tür, eine Öffnung. Und wir fühlen nicht mal das Bedürfnis nach einer Öffnung – wir sind genügsam und haben alles. Mit einem Auto, einem Haus, drei Fernsehern, zwei Hunden, einer Katze – was brauchen wir mehr?

Abraham An dieser Stelle ein kurzer Ausflug in die Tora. In der vergangenen Woche haben wir von Abraham, dem ersten Juden, gelesen. Was ihn zum Vater des jüdischen Glaubens machte? Er war der Erste, der den Menschen verdeutlichte, dass sie alle mit Minenarbeitern vergleichbar sind.

Abraham hatte gesehen, dass die Menschheit rastlos war, dass die Menschen etwas suchten. Ist es Geld, Unterhaltung, Vergnügen, Ehre, Aufmerksamkeit, Macht? Ja, sicher. Aber das ist nicht alles. Selbst wer dies alles hat, sucht weiter. Selbst jemand, der mit allen Annehmlichkeiten des Lebens gesegnet ist, ist nicht zufrieden.

Also stellte Abraham die Frage, die keiner seiner Generation zu stellen gewagt hatte: Ist die Tatsache, dass ein Mensch sich nie nur mit der Welt zufrieden gibt nicht ein Beleg dafür, dass er spürt, dass es etwas gibt, was er nicht in der Welt finden kann? Dass er dies darüber suchen muss?

Und der Rest ist, wie wir zu sagen pflegen, Geschichte. Abraham war der Erste, dem klar wurde, dass wir alle gefangene Minenarbeiter sind. Es gibt eine höhere Realität, der wir völlig blind gegenüber sein mögen. Abraham hatte verstanden, dass das Leben eine Reise durch Minen und Tunnel war. Es war eine Reise, um Gold, Kupfer und Kohle in den Tiefen der Erde zu finden, und diese nach oben zu bringen.

Und dann gibt es Zeiten, wenn die Mine zusammenstürzt. Wir kennen nicht einmal den Weg zurück. Wir wissen nicht, dass wir nach einem Weg zurück suchen müssen. Anders als die chilenischen Kumpel sind wir in der Mine zur Welt gekommen, und wir haben dort unsere Kinder geboren. Dies ist das, was die Kabbala als den Zustand der Galut bezeichnet, das innere Exil. Wir sind im Exil, und bemerken es nicht einmal. Doch wie können wir uns daraus endlich befreien?

Prinzipien Die chilenischen Kumpel haben es uns vorgemacht. Wir sollten ihrem Beispiel folgen, und die vier Prinzipien, die sie gerettet haben, in unser Leben integrieren: Zusammenhalt, Führung, Hoffnung und das Streben nach oben.

Wenn Menschen sich in einer lebensbedrohlichen Situation wiederfinden, kann das schlimmste Verhalten zutage treten. In diesem Fall gab es Lebensmittel für zwei Tage für Menschen, die dachten, dass sie ein Jahr unter der Erde bleiben müssten. Doch ihre Kooperation war legendär. Jeder Minenarbeiter lebte anfangs von zwei Löffeln Thunfisch, einem Schluck Milch, einem Stückchen Cracker und einer kleinen Menge Pfirsich alle zwei Tage, bis dann Lebensmittel nach unten geschickt werden konnten.

Wir sollten auch ihrem Beispiel folgen. Denn wir können niemals unsere innere Dunkelheit überwinden, wenn wir nicht einander die Hand reichen, und uns gegenseitig mit Würde und Güte behandeln.

Führung Während der gesamten Geduldsprobe gab es eine positive Stütze, der alle Beteiligten zusammenhielt: Chiles Präsident Sebastian Pinera. Experten hatten angedeutet, dass es wenig Hoffnung gäbe, die Minenarbeiter zu finden. Weise Männer, die den Präsidenten beraten, meinten, dass es wohl das Beste wäre, wenn er sich von diesem Drama zurückzöge. Es gab kaum Hoffnung.

Er hat anscheinend der Meinung seiner Berater keine Beachtung geschenkt. Der Präsident ist keiner cleveren Taktik gefolgt. Er hat einfach nur das Richtige getan. Als die Arbeiten nicht schnell genug vorangingen, machte er Druck, um die richtigen Geräte und Experten für diese Aufgabe heranzuholen. Seine positive Einstellung, die er den Familien der Minenarbeiter und seinem Land zeigte, ließ alle daran glauben, dass die Männer zu ihren Liebsten zurückkehren würden. Und so wartete Präsident Pinera zusammen mit den Familien am Rettungsort, als die Minenarbeiter nacheinander an der Erdoberfläche erschienen.

Dies war die Führung oben. Und es gab Führung unten. Luis Urzúa Iribarren, der die Schicht anführte, übernahm sogleich die Aufgabe, als seine Männer in der Falle steckten. Ihm war klar, dass ohne die richtige Führung keiner überleben würde. Er verteilte die verschiedenen Aufgaben unter den Arbeitern.

Auch wir brauchen Führung. Wenn wir gefangen sind, brauchen wir jemanden, der an uns glaubt, einen, der all seine Ressourcen investieren wird, um uns zu erheben. Und jemanden, der uns führt, uns zeigt, wie wir unser Leben navigieren sollen, wenn wir unter der Erde sind. Wenn jeder von uns ein Minenarbeiter ist, muss jemand da sein, um uns zu zeigen, wie und wo wir graben sollen. Wir brauchen diese Führung, wenn wir verschüttet sind, damit wir unser Ziel nicht aus den Augen verlieren, unseren Glauben und unsere Hoffnung. Unsere Rabbiner können unsere Führung sein. Und wir müssen Anführer für andere sein – für unsere Familien, Freunde, Gemeinden und für die Menschheit im Ganzen.
Nachrichten Am 22. August wurde ein Klopfen an der Spitze eines Bohrers vernommen, der in die Tiefen der Mine hineinreichte. Die Rettungskräfte jubelten, als sie den Bohrer herauszogen, und daran einen Zettel fanden, auf dem stand: »Allen 33 von uns hier im Schacht geht es gut«. Als das erste gebohrte Loch eine Verbindung zu den Männern geschaffen hatte, wurden Briefe zwischen den Angehörigen hin- und hergeschickt. Später ermöglichten Glasfaserkabel Telefon- und Videogespräche.

Auch wir müssen eine Nachricht nach oben schicken. Jeden Morgen müssen wir uns erneut mit der höheren Realität verbinden. Manchmal haben wir das Gefühl, dass uns keiner zuhört, dass niemand weiß, dass es uns gibt. Aber wir müssen eine Nachricht senden, und sie wird gelesen und erhört werden. Langsam wird eine Öffnung durchbohrt. Nachrichten werden ausgetauscht. Inspiration wird zu uns fließen, Segen wird uns erreichen.

Es bestand wenig Hoffnung, aber die Männer gaben die Hoffnung nicht auf. Die Hoffnung auf ein Wunder. Und das Wunder geschah.

»Es gibt eigentlich 34 von uns«, schrieb Jimmy Sanchez, mit 19 Jahren der Jüngste der verschütteten Kumpel, in einem Brief, den er am Dienstag vor der Rettung durch den engen Tunnel nach oben geschickt hatte, »denn G’tt hat uns hier unten nie verlassen«. Er hat die bewegenden Worte des 139. Psalms wiederholt, die wörtlich von König David für diese Geschichte geschrieben wurden: »Wohin soll ich vor Deinem Geiste hingehen, und wohin soll ich vor Deiner Anwesenheit flüchten? Wenn ich in den Himmel aufsteige, bist Du da, und wenn ich mein Bett im Grabe machte, so bist Du da.«

Auch wir haben manchmal das Gefühl festzustecken und begraben zu sein. Wo auch immer wir hinschauen, sehen wir nur Verwirrung und Dunkelheit. Einige von uns werden von dunklen Süchten übermannt, die uns fürs Leben gefangen zu halten scheinen und können keinen Ausweg aus dieser Hölle sehen.

Reue Im Talmud ist eine faszinierende Geschichte über einen der größten Sünder Israels, König Menasche, Sohn des Königs Chizkiyahu, zu lesen. Er war der berüchtigste König Israels, ein Götzenanbeter und unmoralischer Tyrann. Selbst der Prophet Jesaia wurde auf Anordnung Menasches umgebracht. Unsere Weisen sagen über ihn, dass er in der kommenden Welt keinen Platz hat.

Eines Tages wurde er von der mächtigen Armee von Assyrien gefangen genommen, die beschloss, ihn zu foltern. Die Assyrer setzten Menasche in einen großen Topf, und stellten den auf eine lodernde Flamme. In desem Moment brach Menasche, er bereute. Im Talmud steht, dass, als die Engel das sahen, sie sich beeilten, um den Weg zu G’ttes »Thron der Herrlichkeit« zu versperren. Sie riefen zu G’tt: »Herr des Universums! Wirst Du das Gebet eines Mannes, der sein ganzes Leben lang gesündigt hat, der einen Götzen im Heiligtum aufgestellt hat, und andere zum Sünden verführte, zu Dir lassen? Wirst Du es ihm erlauben zu bereuen?« Und was tat G’tt? Er grub einen Tunnel unter seinem »Thron der Herrlichkeit« damit Menasche ihn erreichen konnte.

Auch in unserem eigenen Leben sind wir manchmal verloren. Wir denken, dass wir nicht mehr zurückkehren können. Aber ein Tunnel kann gegraben werden.

Kooperation, Führung, Hoffnung und das Streben nach oben – das sind die Tugenden. Und dann eines Tages, sehr bald, werden auch wir aus der Mine des Galut hervorkommen.

Der Schacht wird sich senken, und jeden von uns, einer nach den anderem, herausheben. So wie es der Prophet sagt »Jeder von Euch wird zurückgebracht werden, einer nach dem anderen.«

Der Autor ist Direktor des Jüdischen Bildungszentrums Berlin.

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