Chukim

Völlig sinnlos?

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Das Judentum ist eine Gesetzesreligion. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn es strotzt nur so von Gesetzen, die einerseits unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen und andererseits zu G’tt regeln. Die einen Vorschriften betreffen Ethik und Moral, und die anderen betreffen Heiligkeit. Das klingt nachvollziehbar, oder?

Wenn da nicht die Vorschriften wären, die keinen Sinn zu haben scheinen. Die irrational anmuten. Für die es keine vernünftige Erklärung zu geben scheint. Sogenannte »Chukim«.

Zu diesen zählt etwa das Verbot, bestimmtes Saatgut, Schurwolle mit Leinen oder Fleisch mit Milch zu vermischen. Die Krönung dieser unerklärlichen Gesetze ist sicherlich das über die rote Kuh aus dem 4. Buch Mose. Es ist ein seltsam anmutender Ritus aus der Zeit des Jerusalemer Tempels, in dem eine Kuh mit rotem Fell Menschen rituell reinigen soll, die mit Toten in Berührung gekommen waren.

Nun kann man der Tora sicher vieles nachsagen. Aber irrational ist sie nicht. Und die Gesetze sind zwar gelegentlich seltsam, aber unsinnig sind sie nicht. Und obwohl der Gesetzgeber – zumindest laut der Tradition – G’tt höchstpersönlich ist, dürfen wir ihm gesunden Menschenverstand unterstellen. Jedenfalls im übertragenen Sinne. Und deshalb dürfte auch das unerklärlich Scheinende erklärbar sein, deshalb dürfte auch hinter den sinnlos scheinenden Gesetzen ein Sinn stecken.

Jüngere Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften

Rabbiner Jonathan Sacks, der wohl größte Gelehrte unserer Generation, hat eine Erklärung parat. Und er zieht dafür jüngere Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften heran. Die Hirnforschung der letzten Jahre hat nämlich viel Faszinierendes zutage gefördert. Und manches davon kratzt erheblich an unserem Selbstbild und lieb gewonnenen Vorstellungen.

Denn gemeinhin sehen wir uns selbst als rationale Wesen. Wir halten uns für vernunftgesteuert, für moralisch und gut. Und meinen, dass unser Denken unser Handeln bestimmt. Je mehr die Neurowissenschaft allerdings über das menschliche Gehirn herausfindet, desto rissiger wird diese Vorstellung. Und desto klarer wird, welch große Rolle Gefühle, Leidenschaften und Intuitionen spielen. Ja, dass sie in vielen Fällen sogar den Ausschlag geben.

Je mehr wir über die Funktion unserer Hirne lernen, desto deutlicher wird, dass es meist Intuitionen und Emotionen sind, die unser Denken, unser Handeln und unsere Moral bestimmen. Wir agieren dabei oft weit weniger vernünftig, als wir glauben.

Wenn wir Menschen uns im Lauf unserer langen Evolutionsgeschichte mit unbekannten Situationen konfrontiert sahen, dann mussten wir entscheiden, ob diese gut oder schlecht für uns sind.

Wenn wir Menschen uns im Lauf unserer langen Evolutionsgeschichte mit unbekannten Situationen konfrontiert sahen, dann mussten wir entscheiden, ob diese gut oder schlecht für uns sind. Gefährlich oder harmlos. Und nicht selten ging es um Leben oder Tod. Wenn unsere Vorfahren sich mit Gefahren wie wilden Tieren konfrontiert sahen, hatten sie keine Zeit, sorgfältig zu überlegen, was sie tun sollten.

So hat die Evolutionsbiologie ihre Spuren hinterlassen. Und prägt uns Menschen bis heute. Denn das uralte System in unserem Kopf tut weiterhin seinen Dienst. Und übernimmt mitunter blitzschnell die Kontrolle über unser Handeln. Das Problem ist nun, dass wir heutzutage ganz andere Herausforderungen meistern müssen als einst. Und nur noch selten mit solch elementaren Entscheidungen konfrontiert werden.

Ganz im Gegenteil: Heute geht es vorrangig um ein geordnetes Zusammenleben, um Offenheit und ein gutes Miteinander. Und um Vernunft, Logik und überlegtes Handeln. Und genau hier kommt uns unser neuronales Erbe ein ums andere Mal in die Quere.

Instinkte und Intuition

Was hat das mit den sinnlos scheinenden Gesetzen des Judentums zu tun? Laut Rabbiner Jonathan Sacks geht es darum, den Instinkten, der Intuition, den Trieben etwas entgegenzusetzen. Nicht zum Sklaven der Leidenschaften zu werden. Und die neuronalen Prozesse zu umgehen.

Anstatt sich damit abzufinden, dass in bestimmten Situationen der älteste Teil unseres Gehirns die Kontrolle an sich reißt, werden Gegenstrategien entwickelt. Nun reicht es leider nicht, sich all der Tatsachen bewusst zu sein und in entscheidenden Momenten seinen Verstand einzuschalten. Denn da sind wir schon längst nicht mehr Herr über unser Denken. Stattdessen brauche es, so Rabbiner Sacks, eine Art Neuprogrammierung.

Es müssten neue neuronale Verbindungen hergestellt werden. Das heißt, es müssten durch die ständige Wiederholung bestimmter Verhaltensweisen neue Bahnen im Gehirn angelegt werden. Wege, die genutzt werden können, um unseren tiefsten Trieben nicht nachgeben zu müssen. Um nicht zum Opfer unserer selbst zu werden. Um zumindest einen Teil der Kontrolle zurückzugewinnen.

Und da kommen die Gesetze ins Spiel, die so seltsam und so sinnlos scheinen. Denn sie dienen dazu, fundamentale Ideen in unsere Hirne einzuprogrammieren. Sie intuitiv und instinktiv werden zu lassen. Sie tief in unser Wesen einzugraben. Und sie in unsere Gehirne einzugravieren. Wen wundert es da noch, dass der hebräische Begriff für diese Gesetze in der Übersetzung auch so viel wie »Eingravieren« bedeutet?

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