Tezawe

Vermittler und Versöhner

Jemand, der dem Frieden »nachjagt« und sich manchmal nicht um die Gesetze schert, ist vor Gott der beste Anwalt für die Menschheit. Foto: Getty Images / iSTock

Der Wochenabschnitt Tezawe enthält wenig Spannung. Es werden die Kleider beschrieben, die der Hohepriester Aharon trug: das Brustschild, das Oberkleid, der Rock. Interessant an diesem Wochenabschnitt ist vor allem, wer nicht beschrieben, ja, nicht einmal erwähnt wird: Mosche.

Dem Ba’al Haturim, Rabbi Jakob ben Ascher (1270–1340), fiel dies auch auf. Tezawe, schreibt er, sei der einzige Wochenabschnitt ab dem 2. Buch Mose, in dem Mosche nicht ein einziges Mal vorkommt.

Tatsächlich steht in Tezawe eine andere Persönlichkeit im Scheinwerferlicht: Aharon, der Bruder von Mosche. Es ist wohl einmalig in der Tora, dass eine Person in fünf aufeinanderfolgenden Versen erwähnt wird (2. Buch Mose 27,21 – 28,4) und in einem Satz gleich dreimal vorkommt (28,1).

Verhandlungen Eigentlich wissen wir nur wenig von Aharon. Und das, was wir wissen, steht immer im Zusammenhang mit Mosche. Aharon war dessen Bruder, half ihm bei den Verhandlungen mit dem Pharao und führte schließlich das israelitische Volk in die Wüste.

Im Gegensatz zu Awraham, Jizchak, Jakow, Josef und Mosche fehlt Aharon eine eigene Biografie. Die anderen fünf jüdischen Gestalten haben Kolorit. Sie sind bescheiden, wütend, traurig und lehnen sich nicht selten gegen Gott auf.

Jemand, der den Frieden »jagt« und sich manchmal nicht um die Gesetze schert, ist vor Gott der beste Anwalt für die Menschheit.

Awraham streitet mit Gott um die Existenz einer Stadt, Mosche lehnt sich fast mehr gegen Gott auf, als dass er ihm gehorcht. Er will nicht vor den Pharao treten, wie Gott es ihm befiehlt, und schimpft später über das israelitische Volk, das ihm – so lesen wir es zumindest – nicht nur einmal unsympathisch vorkommt.

Die fünf biblischen Gestalten haben etwas gemeinsam. Die Schrift erklärt uns, warum ein Awraham der erste Stamm­vater wird und warum Jizchak sein würdiger Nachfolger und Jakow der Vater der zwölf Stämme wird. Wir können nachvollziehen, wie aus dem Häftling Josef ein kluger Vizekönig wird. Und auch bei Mosche spart die Schrift seine Qualifikationen als Befreier nicht aus: Mosche tötet einen ägyptischen Sklaventreiber, als der einen Israeliten brutal schlägt.

Aber warum wird Aharon ein Hohepriester? Kann es sein, dass ihm das Amt nur verliehen wird, weil er Mosches Bruder ist? Wohl kaum. Familie ist im Judentum wichtig. Doch wer nicht ausreichend qualifiziert ist, scheitert. Aharon selbst musste das erleben, als zwei seiner Söhne später wegen Amtsanmaßung sterben.

grenzen In der mündlichen Lehre, aber nicht in der schriftlichen, wird Aharon als »Rodef Schalom« (Jäger des Friedens) beschrieben, der immer zwischen den Parteien vermittelte. Aharon war einer, dem der Frieden wichtiger war als alles andere. Dabei überschritt er häufig die Grenzen.

Zwei Beispiele: Generationen von Kindern wachsen mit einer Beschreibung von Aharon auf, die im Jalkut Schimoni, einem mittelalterlichen Werk, aufgeschrieben ist. Demnach suchte Aharon bei Konflikten in der Wüste die verschiedenen Parteien auf. Er log: »Gerade kam dein Gegner und weinte sich bei mir aus. Ihm tut alles leid.«

Danach ging er zum anderen: »Gerade kam dein Gegner und weinte sich bei mir aus. Ihm tut alles leid.« Das soll gewirkt haben. Die beiden Gegner lagen sich danach in den Armen.

Das andere Beispiel steht in der Tora. Als Mosche auf dem Berg Sinai weilte, kam es unten zu einer Revolte. Das Volk der Wüste, das alle Wunder in Ägypten, am Schilfmeer und während der Wüstenwanderung erlebt hatte, besann sich plötzlich anders. Der neue Gott soll ein Kalb werden. Und wenn schon, dann ein goldenes. Aharon, der Streit immer aus dem Weg ging, führte aus, was ihm aufgetragen wurde. Er organisierte den Bau des goldenen Götzen. Lehnte er sich dagegen auf? Redete er dem Volk ins Gewissen? Wir wissen es nicht. Es steht nichts davon in der Tora.

Man könnte also sagen, und natürlich ist das falsch, dass Aharon ein Wendehals war. Ein Mann des Friedens, schon. Aber auch ein Mann, der dafür immer den Weg des geringsten Widerstands ging. Und dafür war ihm nichts zu heilig – ja, er war sogar zu Lüge und Götzendienst bereit.

Ist so eine Person des Amtes als Hohepriester würdig? Nein, so ein Mensch ist mehr als das. Er ist der logische Hohepriester. Jemand, der den Frieden »jagt« und sich manchmal nicht um die Gesetze schert, ist vor Gott der beste Anwalt für die Menschheit.

Darum kommt in diesem Wochenabschnitt Mosche nicht vor. Das würde ablenken und Aharons Stellung mindern. Denn sein Amt als Hohepriester verdankte er nicht einem Verwandtschaftsgrad, sondern eigenem Handeln.

Weisheit Der Schlüsselsatz steht im 2. Buch Mose 28,3: »Und du (gemeint ist Mosche) sollst mit allen reden, die weisen Herzens sind, die Ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe, dass sie die Gewänder Aharons machen, um ihn zu weihen, dass er Mir Priester sei.«

Um Frieden zu stiften, war er sogar zu Lüge und Götzendienst bereit.

Dieser Satz ist die Basis von Aharons Legitimität. Aus der Mitte des Volkes sollen ihn die Weisen erheben, auf Anordnung Mosches, auf Wunsch Gottes.

Wir wissen nicht, wie beliebt Mosche im Volk war. Wahrscheinlich eher geachtet und gefürchtet. Sein Bruder jedoch wurde geliebt.

Daher verstehen wir auch die auffallende Wiederholung Aharons in den ersten Sätzen unseres Wochenabschnitts. Eigentlich hätte man Aharon ja ganz ausklammern und nur die Kleidermaße für den Hohepriester auflisten können. Nach Aharon gab es ja viele weitere Hohepriester, das Amt war nicht nur auf ihn bezogen.

Mit der Nennung Aharons soll aber vor allem seinen Nachfolgern ins Gewissen geschrieben werden: Ihr, die Kohanim, Kinder Aharons, dienet Gott, aber vor allem dienet den Menschen! So wie Aharon.

Der Autor ist Schweizer Journalist und hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.

 

inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, ausschließlich reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

Friedensethik

Zsolt Balla: Wehrhaftigkeit entscheidend

Die jüdische Öffentlichkeit habe die geschichtliche Lehre gezogen, nie wieder schutzlos sein zu wollen

 28.11.2022

Toldot

Segen und Fluch

Warum Awrahams Bund mit Gott nur an einen der Söhne weitergegeben wird

von Rabbiner Walter Rothschild  25.11.2022

Talmudisches

Eine Sechs und fünf Nullen

Über die Symbolik der Zahl 600.000

von Vyacheslav Dobrovych  25.11.2022

Großbritannien

Rabbiner Dayan Chanoch Ehrentreu ist tot

Er trug nach dem Krieg maßgeblich zum Neuaufbau jüdischen Lebens in Großbritannien und Deutschland bei

von Michael Thaidigsmann  24.11.2022

ARK

»Es geht hier auch um die Glaubwürdigkeit«

15 Mitglieder der Allgemeinen Rabbinerkonferenz haben sich von Walter Homolka distanziert

 25.11.2022 Aktualisiert

Baum der Erkenntnis

Apfel, Feige oder Weintraube?

Welche verbotene Frucht Adam und Chawa im Paradies aßen, ist bis heute umstritten

von Rabbiner Dovid Gernetz  24.11.2022

Hannover

»Ein Tag der Hoffnung und der Freude«

Bundespräsident Steinmeier würdigt die historische Bedeutung der Ordinationsfeier des Rabbinerseminars

 21.11.2022

Chaje Sara

Brüder bis heute

Awrahams Nachfolger wird Jizchak – doch der Ewige segnet auch Jischmael

von Rabbiner Avichai Apel  18.11.2022

Talmudisches

Jehuda und andere Löwen

Was unsere Weisen über den König der Tiere lehrten

von Chajm Guski  18.11.2022