Sündenfall

Verhätschelt

Moppel: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Foto: Fotolia

Die Sünde des Goldenen Kalbs ist wie ein sehr schwer auswaschbarer Fleck auf dem Gewand des jüdischen Volkes. Eine Kollektivschuld, wie es dergleichen in der jüdischen Geschichte niemals gegeben hat. Aus Sicht der talmudischen Weisen leidet das Volk auch heute noch wegen der Verfehlung, die die Kinder Israels vor rund 3.000 Jahren in der Wüste begangen haben. Raschi (1040–1105), der klassische Kommentator der Tora, zitiert den Talmud mit den Worten, dass jede Bestrafung des jüdischen Volkes in seiner Geschichte auch auf die Sünde des Goldenen Kalbs zurückzuführen ist (Raschi Schemot 32,34). Ist das Goldene Kalb eine Art jüdische Erbsünde?

Der Talmud (Brachot 32a) berichtet von einem interessanten Dialog, den Mosche mit G’tt auf dem Berg Sinai geführt hat, als er nach dem Sündenfall der Israeliten um Verzeihung für sie bat. »Da sprach Mosche zu G’tt: Du bist daran schuld, dass die Juden gesündigt haben. Du warst es, der ihnen beim Auszug aus Ägypten so viel Gold und Silber gegeben hat, dass sie selbst Dir schon ›Genug!‹ sagten. Dieses veranlasste sie, das Goldene Kalb zu machen.«

Auch das ist eine Talmudstelle, die einer Erklärung bedarf. Wie ist sie zu deuten? Mosche, der größte und bedeutendste unter allen Propheten in der jüdischen Geschichte, der mit G’tt wie »von Mund zu Mund« redete, beschuldigt den vollkommenen und allwissenden G’tt. Kann denn so etwas überhaupt sein?

Schuldfrage Die Argumentation selbst wirkt sehr merkwürdig. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Vater gibt seinem Kind einen neuen Ball. Kaum hält ihn das Kind in seinen Händen, geht das Fenster der Nachbarn zu Bruch. Wird das Kind dem Vater die Schuld dafür geben? Hätte er ihm den Ball nicht geschenkt, wäre das Glas nicht zerbrochen? Das ist unwahrscheinlich.

Die Erklärung dieser Talmudstelle liegt in dem richtigen Verständnis des Konzepts des geistigen Wachstums in der jüdischen Religion. Geistiges Wachstum ist ein allmählicher Prozess. Es gibt da keine Abkürzungen. Der Gaon von Wilna (1720–1797) vergleicht das geistige Wachstum mit einem Bergsteiger, der langsam, Schritt für Schritt, versucht, einen steilen Berg zu erklimmen. Manchmal gelingt es ihm, schneller voranzukommen. Doch oft muss er sich mit kleinen Fortschritten zufriedengeben. Der Bergsteiger weiß, es ist besser und sicherer, langsamer fortzuschreiten, da jeder zu schnelle Schritt die Gefahr in sich birgt abzustürzen. Dasselbe gilt auch für das geistige Wachstum und die Verfeinerung des menschlichen Charakters.

Die Seele ist das Bindeglied zwischen Mensch und G’tt. Aus Sicht der Tora ist das geistige Wachstum ein Erklimmen der verschiedenen Seelenstufen und somit ein geistiges Näherkommen an G’tt, die Quelle aller Existenz. Ein zu schnelles und unkontrolliertes Steigen kann sehr gefährlich werden. Man sieht es leider oft, dass Menschen anfangen, sich intensiv mit ihrer Religion auseinanderzusetzen, sie aber keine Mentoren und Orientierungshilfe haben. Wenn ihnen niemand sagt, wie man sich auf dem Terrain des geistigen Wachstums richtig bewegt, hat es schwerwiegende Auswirkungen, auch psychischer Natur, zur Folge.

Meistens entsteht eine unbegründete Frömmigkeit, die mit Erschwernissen und Interpretationen der Tora zu tun hat, die weit entfernt sind von dem, was G’tt und die Weisen des Talmuds beabsichtigten. Oder es geht in die andere Richtung: Das Judentum wird zu einer Knetmasse, die man nach Lust und Laune formen kann. Man zieht Interpretationen aus dem Ärmel und versucht damit, seinen ausgelassenen Lebensstil zu rechtfertigen.

Ein wahrer Toragelehrter versteht es sofort, gegen diese Interpretation zu argumentieren, den vermeintlichen Beweis zu verwerfen und den Ratschlag zu erteilen: Besser, man lernt ein bisschen mehr und ausführlicher, als dass man die Tora verfälscht. Denn geistiges Wachstum ist ein Prozess, der Zeit in Anspruch nimmt und Schritt für Schritt erlernt werden muss.

Verwöhnt In die gleiche Richtung geht auch Mosches Argument: G’tt bestrafte die Ägypter mit Plagen, die die Welt in diesem Ausmaß zuvor noch nie gesehen hatte. Wie auf »Adlerflügeln« hat Er das jüdische Volk aus der Knechtschaft herausgeholt und ihm die Freiheit geschenkt, ohne dass die Israeliten etwas dafür tun mussten. Der Auszug war ein g’ttliches Geschenk an die Kinder Israels. Doch all dies in einer sehr kurzen Zeit.

Ebenso wie das Gold und Silber und die verschiedensten Schätze, die das jüdische Volk mit g’ttlicher Hilfe ohne große Anstrengung aus Ägypten mitgenommen hat, war auch das geistige Gold und Silber, nämlich die Offenbarung des Ewigen, eine g’ttliche Hilfe. Das jüdische Volk musste nicht viel tun, um diese Nähe zu erreichen. »Du G’tt«, sagt Mosche, »hast das jüdische Volk mit Geschenken verwöhnt. Hätten sie aber diese Nähe zu Dir durch selbstständiges geistiges Wachstum erreicht, wäre es niemals zum Sündenfall mit dem Goldenen Kalb gekommen.«

Mit diesen Worten im Hinterkopf lässt sich erklären, wie es sein kann, dass die Sünde des Goldenen Kalbs in jeder Generation gesühnt werden muss. Das jüdische Volk hat sich am Berg Sinai entschlossen, die g’ttliche Lehre auf sich zu nehmen und somit ein »Volk von Priestern« (2. Buch Moses 19,1–6) zu werden, ein Volk, das die geistigen Belange dieser Welt erfüllt und ein Beispiel für alle anderen Völker in diesen Angelegenheiten ist.

Doch ein Volk von Priestern zu sein, ist nicht leicht. Man muss geistige Arbeit leisten, die ans Unmögliche grenzt. Einer unserer Weisen, Resch Lakisch (200–275 d.Z.), beschreibt im Talmud, man müsse die Tora, die im komplexeren Sinne das g’ttliche Wort und seinen Willen enthält, »mit einem so starken Enthusiasmus studieren, dass man vor lauter Anstrengung zu Tode kommen könnte« (Schabbat 83b). Resch Lakisch meint damit, dass Torastudium kein Kinderspiel ist – nichts, was in kurzer Zeit ohne Anstrengung und schwere geistige Arbeit erreicht werden kann. Nur wer hart und lange genug studiert, kann wirklich verstehen, was G’tt von ihm erwartet.

Crashkurs Meist ist der Sündenfall eines Einzelnen oder einer Gruppe von Menschen auf ein Missverstehen des g’ttlichen Wortes zurückzuführen, wie dies unzählige Male im Talmud beschrieben wird (Pesachim 49b).

In der jüdischen Geschichte haben immer wieder einzelne Personen, Gruppen und manchmal sogar große Teile des Volkes versucht, Wege und Ideologien ins Leben zu rufen, die die g’ttliche Lehre in eine Kurzversion umwandelten oder ihr einen Crashkurs‐Charakter verliehen. Dies führte zu theologischen Schlussfolgerungen, die dem Goldenen Kalb ähnlich sind. Das Goldene Kalb war nicht nur eine Sünde, sondern eine neue Theologie, die auf Unwissenheit beruhte, eine Theologie, die nach 89 Tagen entstand. »Dies sind deine Götter Israel, die dich aus Ägypten herausgeführt haben« (2. Buch Moses 32,4). Doch die Tora ist das g’ttliche Wort. Um es richtig zu verstehen, bedarf es großer Anstrengungen und eines lebenslangen Studiums.

Der Autor ist Direktor für Jüdische Studien an der Zvi‐Peres‐Chajes‐Schule in Wien.

Inhalt
Zu Beginn des Wochenabschnitts Ki Tissa wird Mosche damit beauftragt, die wehrfähigen Männer zu zählen. Es folgen Anordnungen für das Stiftszelt. Die Gesetze des Schabbats werden mitgeteilt und es wird die Bedeutung des Ruhetags als Bund zwischen dem Ewigen und Israel betont. Der Ewige gibt Mosche zwei Steintafeln, mit denen er ins Lager der Israeliten zurückkehrt. Dort haben sich die Wartenden in der Zwischenzeit ein Goldenes Kalb gegossen, dem sie Opfer darbringen. Im Zorn darüber zerbricht Mosche die Steintafeln, und der Ewige bestraft die Israeliten mit einer Plage. Später steigt Mosche auf den Berg und erhält neue Tafeln des Bundes.
2. Buch Moses 30,11 – 34,35

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