Talmudisches

Verflucht, wer Schweine züchtet

Verflucht sei der Mann, der Schweine züchtet, und verflucht sei der Mann, der seinen Sohn die griechische Weisheit lehrt (Baba Kama 82b, Sota 49b und Menachot 64b). Foto: Thinkstock

Die Mischna lehrt, dass man nirgends Schweine züchten darf. Den Hintergrund für diese Halacha erklären uns die Weisen in einer Baraita:

Als sich im ersten Jahrhundert v.d.Z. die Mitglieder des hasmonäischen Königshauses gegenseitig bekriegten, lebte Hyrkanos im belagerten Jerusalem, während sich sein Bruder Aristobulus, der andere Thronanwärter, außerhalb der Stadtmauern befand. Jeden Tag ließen die Leute aus dem Inneren der Stadt ein Kästchen mit Geld hinab, und die auf der anderen Seite nahmen das Geld und schickten ihnen Schafe über die Mauer zum täglichen Opfer im Tempel.

Es gab da einen gewissen Ältesten, der mit der griechischen Weisheit vertraut war, und er sagte zu jenen, die Jerusalem belagerten: Solange sie sich mit dem Tempeldienst beschäftigen, werden sie nicht in deine Hände fallen.

Tempelmauer Nachdem die Kinder Israels am nächsten Tag wie üblich Geld in einer Kiste hinabgelassen hatten, sandte man ihnen im Gegenzug ein Schwein. Und als es so weit hochgezogen worden war, dass es bis zum Mittelpunkt der Tempelmauer reichte, steckte es die Hufe in die Wand – und ganz Israel bebte.

Da sagten die Weisen: Verflucht sei der Mann, der Schweine züchtet, und verflucht sei der Mann, der seinen Sohn die griechische Weisheit lehrt (Baba Kama 82b, Sota 49b und Menachot 64b).

Als wir uns vor rund 3500 Jahren aufmachten und Ägypten verließen, taten wir einen Schritt, der uns vorerst nur physisch befreite. Warum nur physisch? Weil das beeindruckende Ägypten mit seiner Hochkultur, seinem Wissen und seiner Religion, der Vorliebe zum Götzendienst, damals noch ein Teil von uns war.
Wir nahmen also sowohl das Gute als auch das Schlechte mit auf unsere Reise und auf die ewige Suche nach Freiheit und Emanzipation.

Gewollt oder ungewollt gaben uns die Ägypter einiges mit auf den Weg: Philosophie, Architektur, Mathematik, Astronomie – und eben auch ihre Sicht von Religion. Leider verstanden wir nicht sofort, dass wir nicht alles übernehmen durften. So kam es, dass wir als eine der ersten Sünden ein Goldenes Kalb errichteten, ein Götzenbild nach dem Muster der ägyptischen Gottheiten.
Ähnlich sah später unsere Auseinandersetzung mit der Hochkultur der Griechen aus: Wir haben, gewollt oder ungewollt, einiges mitgenommen in unser Wertesystem. Griechische Philosophie und Weltanschauung sind damals zu einem Teil von uns geworden.

Identität
Im Kampf um unsere Identität haben wir zwar gesiegt – doch auch einige Federn gelassen. Vielleicht ist das der Preis, den man zahlt, wenn man sich auf die Suche nach Erkenntnis macht, die das eigene Leben bereichert. Die Herausforderung besteht darin, seinen Weg dennoch beizubehalten und den Reizen des für uns Falschen nicht zu erliegen.

Jeder Tag und jede Umgebung enthalten auch ein böses und unbrauchbares »Äquivalent Ägyptens oder der Griechen«. Das heißt, es existiert eine Macht, die es vermag, die Freiheit eines jeden Juden zu beschränken, ja, sie ihm gar zu nehmen.
Und leider steckt diese Macht in uns selbst. Denn durch unseren freien Willen besteht die Gefahr oder die Bedrohung, einen Teil unserer erworbenen Freiheit aufzugeben. Doch damit es nicht dazu kommt, hat uns Gott mit der Tora ein Werkzeug mit auf den Weg gegeben, womit wir diese Freiheit allzeit bewahren können.

Auch in Zukunft werden wir uns mit unserer Umgebung, den Menschen und ihren Philosophien auseinandersetzen müssen. Die Herausforderung dabei wird bleiben: Wir müssen unsere jüdische Identität bewahren, aber dürfen uns dem Neuen und Wichtigen dennoch nicht verschließen. Wir werden wohl also noch einige Beben erleben – aber hoffentlich gestärkt aus ihnen herausgehen.

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