Talmudisches

Verbotenes als Gebot

Ausnahme: Hier wären Radfahrer keine Verkehrssünder. Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Verbotenes als Gebot

Warum eine Sünde in guter Absicht wie eine Mizwa ist, die nicht mit der richtigen Absicht ausgeführt wurde

von Yizhak Ahren  08.01.2021 08:14 Uhr

Paradoxerweise wird im Talmud eine schwere Sünde gutgeheißen. Die Gemara spricht von einer »Avera lischma«. Der hebräische Ausdruck bedeutet: Eine Sünde wird in guter Absicht (als Mizwa) begangen. Aber wie ist so etwas möglich?

Im Traktat Nasir (23b) heißt es: »Rabbi Nachman Bar Yitzhak sagte: Eine Avera lischma ist besser als ein Gebot, das ohne die richtige Intention erfüllt wird (Mizwa schelo lischma).«

Rabbi Michael Avraham von der Bar-Ilan-Universität erklärt dies wie folgt: Rabbi Nachman Bar Yitzhak meint, man solle eine Mizwa »schelo lischma« nicht tun. So etwas sei sogar schlechter als eine Sünde in guter Absicht (Avera lischma). Und natürlich sollen jüdische Frauen und Männer keine Sünden begehen.

Einwand Gegen Rabbi Nachman Bar Yitzhaks Lehre erhebt der Talmud folgenden Einwand: »Aber Rabbi Jehuda sagte im Namen von Rav, dass man sich stets auch ohne die richtige Intention mit der Tora und mit guten Werken befassen soll, denn dadurch kommt man später dazu, diese Mizwot um ihrer selbst willen zu tun.«

Durch diesen Einwand wird Rabbi Nachmans Aussage korrigiert: Eine Avera lischma ist also nicht besser als eine Mizwa, die nicht mit der richtigen Absicht ausgeführt wurde, sondern sie ist ihr gleich.

Demnach lehrte Rabbi Nachman: Man soll eine Avera lischma ausüben wie eine Mizwa schelo lischma. Die Tatsache, dass jemand eine klare Sünde begeht, soll ihn oder sie nicht von der gebotenen Handlung abhalten.

Beweis Nun folgt der Beweis für die erstaunliche Lehre, dass eine Avera lischma erlaubt sei: »Denn es heißt: Gepriesen vor anderen Frauen sei Jael, Ehefrau des Keniters Chever, vor den Frauen im Zelt sei sie gepriesen« (Richter 5,24). Die verheiratete Jael hatte sich (verbotenermaßen) dem kenaanitischen Heerführer Sisra hingegeben, um ihn dadurch zu schwächen und dann töten zu können. Für diese Avera lischma, die das damals bedrängte Volk Israel gerettet hat, wird Jael in der Schrift gelobt.

Der Talmud (Nasir 23a) bringt ein weiteres Beispiel für eine Avera lischma: Awrahams Neffe Lot hatte zwei Töchter, die mit ihm Inzest begingen, weil sie (irrigerweise) meinten, nur durch eine solche Sünde könnten sie ein Fortbestehen der Menschheit sichern (1. Buch Mose 19, 31−36). Die Gemara bescheinigt Lots Töchtern eine gute Absicht und bezieht auf sie den Vers »Gerade sind die Wege des Herrn, die Frommen wandeln auf ihnen« (Hoschea 14,10).

Um deutlich zu machen, dass die Absicht beim Sündigen von sehr großer Bedeutung ist, vergleicht der Talmud zwei Fälle, die uns aus dem Pentateuch bekannt sind: »Ulla sagte: Tamar hurte, und Zimri hurte. Tamar hurte, und Könige und Propheten kamen aus ihr hervor; Zimri hurte, und viele Myriaden von Israel fielen durch ihn« (Nasir 23b).

Zimri beabsichtigte, eine Sünde zu begehen. Tamar hingegen, Jehudas Schwiegertochter und Onans Witwe, wollte eine Mizwa erfüllen. Durch ihre Tat wurde sie die Mutter von Perez, zu dessen Nachkommen König David zählt (Ruth 4, 18−22).

Ehebruch Wie kann es sein, dass eine Sünde wie Jaels Ehebruch positiv beurteilt wird? Aus halachischer Sicht kann die beste Absicht einen Ehebruch nicht rechtfertigen.

Offensichtlich gibt es jedoch außerhalachische Erwägungen, die eine Avera lischma ermöglichen. Unter extremen Umständen verlangt die Tora, eine Vorschrift der Halacha zu übertreten. Das geht aus der oben besprochenen Talmud-Passage eindeutig hervor. Zwar regelt die Halacha die allermeisten Fälle, aber es gibt wenige Ausnahmen. Auf diese Sonderfälle hat Rabbi Nachman aufmerksam gemacht.

Allerdings sind bei jeder Planung einer Avera lischma einschränkende Bestimmungen zu beachten, die an dieser Stelle nicht zu diskutieren sind. Denn wo kämen wir hin, wenn jeder Mensch mit einer guten Absicht Verbote der Tora übertreten dürfte?

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