Versöhnung

Umkehr ohne Opfern

Der Wochenabschnitt beschreibt die Opferzeremonien an Jom Kippur. Doch Rückkehr zu G’tt ist auch ohne zentrales Heiligtum möglich. Foto: Flash 90

Der Versöhnungstag Jom Kippur, der in unserem Wochenabschnitt beschrieben wird, gilt weithin als heiligster Tag im jüdischen Jahr und hat für viele Juden weltweit einen ganz besonderen Status und oberste Priorität. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet an diesem Tag im Jahr 1973 die Armeen Ägyptens und Syriens Israel angriffen, als die Straßen leer gefegt waren und alle Juden sich betend und fastend in den Synagogen befanden!

Genau genommen ist eigentlich nicht Jom Kippur der heiligste Tag im Jahr, aus religiöser Sicht, sondern der Schabbat, der jedoch durch die wöchentlich wiederkehrende Routine emotional an Sonderstellung einbüßt. Und trotzdem besitzt Jom Kippur in seinen Grundzügen eine ganz besondere Wirkung, die zu seinem besonderen Ansehen beiträgt. So heißt es in unserem Wochenabschnitt (3. Buch Mose 16,30): »Denn an diesem Tag wird Er euch sühnen, euch von all’ euren Sünden zu reinigen; vor dem Ewigen werdet rein!«

Reinigung Der besondere Charakter dieses Tages: Es ist der Tag der Reinigung vor G’tt. Was hat es mit dieser Reinigung auf sich? Wie wirkt sie, und weshalb ist sie auf ein bestimmtes Datum angewiesen? »Unreinheit«, so führt Rabbi Jehuda Halevi in seinem Werk Hakusari (2,60) aus, bedeutet Entfernung von Leben, weshalb die schwerste Stufe von Unreinheit diejenige eines Toten ist. Die Reinigung hingegen ist die Verbindung zum Leben: »Vor dem Ewigen werdet rein!« Das Stehen vor G’tt ist der erneute Treffpunkt mit dem Leben: »Ihr aber, die ihr am Ewigen, eurem G’tt, hängt, ihr lebt heute alle« (5. Buch Mose 4,4).

Wenn ein Mensch wiederholt sündigt, bis dass die Sünde ihm vor lauter Gewohnheit erlaubt erscheint, so stirbt ein Teil seiner geistigen Persönlichkeit, ihrer Seele: »Bösewichte werden zu ihren Lebzeiten Tote genannt« (Babylonischer Talmud, Brachot 18b). Der Sünder hat die Beherrschung über sich selbst verloren und sich vom g’ttlichen Ebenbild in sich entfernt. In den betroffenen Bereichen besitzt er seine seelische Lebenskraft nicht mehr.

ERNEUERUNG Der Versöhnungstag ermöglicht dem Menschen Erneuerung. Die Rückkehr und die Sühne lassen neue Lebenskräfte durch ihn fließen. Der Mensch steht erneut vor G’tt, vor der Quelle des Lebens (Psalm 36,10) und wird mit neuem Leben beschenkt. Die seelischen Kräfte, welche er durch seine Sünden verloren hat, kehren zu ihm zurück, als Folge seiner erneuerten Verbindung zur Quelle der Reinheit und des Lebens. Vielleicht gibt dies dem Buch des Lebens, das an Rosch Haschana geöffnet und an Jom Kippur besiegelt wird, eine neue Bedeutung: Erneuerung der Lebenskräfte.

Das Talmud‐Traktat Joma wird in dessen letzter Mischna mit Rabbi Akiwas eindringlichen Worten beschlossen (8,9): »Selig seid ihr, Jisrael! Vor wem reinigt ihr euch, wer reinigt euch? Euer Vater im Himmel.« Und in Jirmijah 17,12 steht geschrieben: »Das Reinigungsbad Jisraels ist der Ewige. Wie ein Reinigungsbad die Unreinen reinigt, so reinigt G’tt Jisrael.« Raw Soloveitchik erklärt in seinem Werk Al Hatschuwa (Über die Umkehr), dass Rabbi Akiwa diese Worte kurz nach der Zerstörung des Zweiten Tempels sagte.

Das jüdische Volk war erschüttert, sein Herz gebrochen. Am Jom Kippur fehlte ihm der Tempel ganz besonders: Wie kann man diesen Tag ohne Heiligtum, ohne alle Zeremonien und Opferungen begehen, die in unserem Wochenabschnitt aufgeführt sind? Wie kann man ihn ohne die freudigen Momente beim Herauskommen des Hohepriesters aus dem Allerheiligsten beenden? Es schien, als ob die Dunkelheit nicht mehr enden wollte, selbst an diesem heiligen Tag der Rückkehr nicht.

Rückkehr Da kam Rabbi Akiwa und verkündete: »Selig seid ihr, Jisrael!« Zur Reinigung seid ihr nicht auf Opfer und nicht auf den Hohepriester angewiesen: »Vor dem Ewigen werdet rein!« Tretet ein vor G’tt, spürt seine Nähe und werdet rein! Begebt euch in die Heiligkeit des Tages, so wie man sich in ein Reinigungsbad begibt und vollständig in es eintaucht, ohne jegliche Trennung! Die Sünde schafft eine Trennwand zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer, die Verbindung wird getrübt, das strahlende Licht abgeschwächt. Das Stehen vor G’tt ohne Trennung, in Rückkehr und Sühne, bringt die Reinheit des Lichtes zurück und lässt die Seele durch die erneute Verbindung zum Ewigen und in seinem Lichte erstrahlen.

Man kann die am Anfang zitierte Stelle auch anders verstehen. »Denn an diesem Tag wird euch sühnen« will heißen: Durch diesen Tag wird euch gesühnt. Ganz nach dem Sifra (Emor 11,14): »Auch wenn keine Opfer und kein Ziegenbock vorhanden sind, sühnt der Tag, wie es im 3. Buch Mose 23,27 geschrieben steht: »Ein Tag der Sühnung ist er.« Wie ist das zu verstehen, dass der Tag selbst die Kraft zu sühnen besitzt?

Es ist der Tag, an dem man vor G’tt steht. An diesem Tag entfernt sich der Mensch von den Einwirkungen des körperlichen Lebens, steigt auf, konzentriert all seine Kräfte und entfernt alle Trennwände zwischen sich und seinem Schöpfer. Dieses »Vor-G’tt-Stehen« reinigt ihn. Es handelt sich um einen speziellen Tag, an dem es nicht nur um diesen Tag selbst geht, sondern um alle Tage des Jahres. Und nicht nur um die Tage des kommenden Jahres, das der Mensch mit neuen Kräften und neuer Reinheit beginnen kann, sondern auch um die Tage vergangener Jahre!

Reue Durch Umkehr aus Liebe (das heißt Reue und Abkehr von begangenen Sünden aus Liebe zu G’tt) können Sünden zu Verdiensten werden. Es steht in der Kraft dieses besonderen Tages, auch jene Tage, die der Mensch bereits verschwendet und verloren hat, zurückzuholen und zu anderen Tagen zu machen.

Das Stehen vor G’tt, fastend, in Gebet und Heiligkeit, wühlt den Menschen auf und rüttelt ihn innerlich wach. Ihm wird bewusst, dass er ein Datum hat, dass er dem Strom der Zeit ausgesetzt ist und ein Ende hat. Vielleicht ist dies der letzte Jom Kippur, vielleicht sind die übrig gebliebenen Minuten bis zum Sonnenuntergang die letzte Möglichkeit, etwas zu verändern und ein neues Leben zu beginnen? (Sprüche der Väter 2,15: »Kehre einen Tag vor deinem Tode um!«; Babylonischer Talmud Schabbat 153a: »Weiß ein Mensch denn, an welchem Tage er stirbt?« »Umso mehr soll er heute umkehren, vielleicht stirbt er morgen!«)

Gedanken wie diese rütteln den Menschen auf und bringen ihm seine irdische Vergänglichkeit zu Bewusstsein. Allein schon durch diesen Effekt sühnt dieser Tag und übt seine spezielle Wirkung auf den Menschen aus, auf seine Vergangenheit und seine Zukunft!

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen‐Gemeinde Köln.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Acherej Mot beginnt mit Anordnungen zu Jom Kippur und beschreibt, dass es für den Hohepriester gefährlich war, das Allerheiligste zu betreten. Denn eine zu große Nähe zum G’ttlichen barg Gefahren in sich. Dann werden
weitere Speisegesetze übergeben, wie etwa das Verbot des Blutgenusses und das Verbot des Verzehrs von Aas. Den Abschluss bilden das Thema verbotene Ehen wegen zu naher Verwandtschaft und Regelungen zu verbotenen sexuellen Beziehungen.
3. Buch Mose 16,1 – 18,30

Der Wochenabschnitt Kedoschim ist der zentrale Teil des Buches Wajikra. Er enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats, Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen.
3. Buch Mose 19,1 – 20,27

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