Digital

Tradition und Moderne

Welche Grenzen müssen wir der Technologie setzen, um unsere Grundrechte und Freiheiten zu schützen? Foto: Getty Images / istock, Montage: Marco Limberg

Vor 30 Jahren kam ich als Rabbiner nach Moskau, in die damals noch existierende Sowjetunion. Obwohl Michail Gorbatschow schon seine Reformen eingeleitet hatte, war das Thema »jüdische Refuseniks« immer noch auf der Agenda. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, flog ein, um über die Ausreise einiger Refuseniks zu verhandeln. Bronfman lud mich auf einen Kaffee in sein Hotel ganz in der Nähe des Roten Platzes ein.

Dort fragte er mich: »Glauben Sie, dass gerade jemand mithört?« Als religiöse Person antwortete ich, dass uns immer jemand zuhöre, und bezog mich auf eine Passage der Sprüche der Väter, in der es heißt: »Bedenke, was über dir ist, und du wirst nie sündigen: Ein Auge, das sieht, ein Ohr, das hört, und alle deine Taten werden notiert.«

KGB Als jemand, der aus dem freien Westen in die Sowjetunion kam, war es nicht einfach, mich daran zu gewöhnen, dass ich rund um die Uhr überwacht wurde. Heute, 30 Jahre später, wirken die Abhörmethoden des KGB fast lächerlich, verglichen mit den Überwachungsmethoden, die heute dank Computertechnik und Biometrik möglich sind.

Was Gott von Menschen unterscheidet: ewiges Leben versus Sterblichkeit und Allwissenheit versus menschliche Lernbegierigkeit.

Wird die Vierte Industrielle Revolution, die wir gerade erleben, die Menschheit versklaven? Werden wir alle bald in einem diktatorischen Superstaat leben, der von einer technologischen Nomenklatur beherrscht wird? Oder wird die Technologie es uns vielmehr erlauben, mehr individuelle Freiheiten zu genießen? Welche Grenzen müssen wir der Technologie setzen, um unsere Grundrechte und Freiheiten zu schützen?

Die größte Gefahr ist nicht, dass unsere Computer gehackt werden, sondern unsere Gehirne. Der israelische Historiker Yuval Harari hat die Frage so gestellt: Wird Kim Jong‐uns Geheimpolizei irgendwann in der Lage sein, herauszufinden, ob einem Bürger gute oder schlechte Gedanken durch den Kopf gehen, wenn er auf eine Statue des »Lieben Führers« blickt?

Gedankenfreiheit Wo verläuft im digitalen Zeitalter die rote Linie zwischen dem Recht von Individuen auf Gedankenfreiheit oder körperliche Unversehrtheit einerseits und dem Recht von Unternehmen oder Banken, die Verlässlichkeit dieser Person beziehungsweise das Risiko, das sie möglicherweise darstellt, zu prüfen?

Was Gott von uns Menschen unterscheidet, sind zwei Dinge: ewiges Leben versus Sterblichkeit und Allwissenheit versus menschliche Lernbegierigkeit. Menschen streben danach, Gottes Ebenbild zu werden. Je mehr Wissen wir uns zugänglich machen, desto besser und länger können wir leben – unter der Bedingung, dass wir das Wissen nicht dazu einsetzen zu sündigen.

Sünde kann man unterschiedlich definieren, aber am relevantesten erscheint nach wie vor die Hillelsche Auslegung, der Grundsatz der Goldenen Regel: »Was du nicht willst, das man dir antut, das füge auch keinem anderen zu.«

Wir stehen mitten in der digitalen Revolution, die unsere Gesellschaften ebenso stark verändern wird wie die Erfindung des Buchdrucks.

Fast jede neue Technologie kann für gute und für schlechte Zwecke eingesetzt werden; die Kernenergie ist da nur ein Beispiel. Auch im Zeitalter der digitalen Revolution gilt das. Einerseits werden Menschen ungeahnte neue Möglichkeiten gegeben, miteinander zu kommunizieren. Andererseits verändern diese Technologien unsere Gesellschaften, ja, sogar unsere etablierten politischen Systeme.

Twitter Der amerikanische Präsident hat sein State Department durch Twitter ersetzt, und bei den großen Internetkonzernen konzentriert sich enorm viel Macht – viel mehr als bei manchen Staats‐ oder Regierungschefs. Die Frage, wer die Hoheit über unsere Daten hat, ist daher eine zentrale. Aber sie ist bei Weitem nicht die einzige.

Wir stehen mitten in der digitalen Revolution, die unsere Gesellschaften ebenso stark verändern wird wie die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Diese Revolution wird auch die jüdische Welt nachhaltig beeinflussen.

Aufgabe von Rabbinern wird es sein, sich diesen Entwicklungen nicht zu verweigern oder sie gar als etwas Sündhaftes abzulehnen, sondern sie zu akzeptieren, zu begleiten und Brücken zu bauen zwischen Tradition und Moderne. Das heißt, nicht nur die Risiken der Digitalisierung zu sehen, sondern auch die Chancen und den Nutzen, der uns Menschen ein besseres Leben ermöglicht und Gott ähnlicher macht. So kann man das Internet auch als den Talmud unserer Zeit sehen, in dem Wissen ausgetauscht und Menschen miteinander verbunden werden.

Revolution Ich bin überzeugt davon, dass die digitale Revolution die Menschheit voranbringen und eine Kraft für Gutes sein wird. Die Richtmikrofone des KGB im Hotel Savoy konnten den Bestand der Sowjetunion nicht retten; sie konnten auch die Renaissance jüdischen Lebens in Russland nicht verhindern.

Hillels Postulat der Goldenen Regel hat mehr denn je eine besondere Aktualität.

Auch die dramatischen Umwälzungen des Internetzeitalters werden die Menschheit nicht versklaven, sondern ihr zu einem besseren Leben verhelfen. Hillels Postulat hat mehr denn je eine besondere Aktualität. Sie ist umso mehr unser Kompass in der digitalen Revolution. Das ist die tiefere Lehre der Tora und ihr Auftrag an uns: Menschen sollten anderen Menschen mit Respekt begegnen, egal ob virtuell oder real. Diese Basis einer jeden Kultur und Zivilisation bleibt auch im digitalen Raum und im Zeitalter des Internets gültig.

Der Autor ist Oberrabbiner von Moskau und Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz.

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